Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

herausgeber:
Dr. Max Gg. Zimmermann

UNIVERSITÄTSPROFESSOR

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Gartenstrasse 15

Neue Folge. xii. Jahrgang.

1900/1901.

Nr. 8. 6. Dezember.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
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stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

ZWEI NEUE MEMLINOMONOGRAPHIEN

von Karl Voll.

Ludwig Kämmerer hat im vorigen Jahre in der
bekannten Sammlung Knackfuss eine Monographie
über Memling veröffentlicht, der vor kurzem eine
umfangreiche Studie von Franz Bock (Düsseldorf
bei Schaub 1900) über denselben Meister gefolgt ist.
Kämmerer's Buch tritt sehr anspruchslos auf, hat aber
in jeder Hinsicht den Vorrang, und so sei es, da
es ohnehin das ältere ist, hier an erster Stelle be-
sprochen.

Die Frage nach der Heimat Memling's darf jetzt
im wesentlichen als abgeschlossen gelten. Von Ab-
stammung ist er jedenfalls ein Deutscher. Wichtiger
wäre es zu wissen, wo seine künstlerische Heimat
liegt: ob er flämischer Künstler von reiner Tradition
ist oder ob sich deutsche, speziell mittelrheinische
Züge bei ihm nachweisen lassen; aber auch Kämmerer
kann ausser der nicht gut haltbaren und auch nur
mit aller Vorsicht lancierten Hypothese, dass die
Arbeiten des Meisters der Olorifikation Mariae Jugend-
werke des Memling sein möchten, nichts beibringen,
was einen sichtbaren Zusammenhang mit deutscher
Art ergäbe. In der That weist bei Memling die
Technik und die gesamte Auffassung auf die
Niederlande hin, der Art, dass er als Künstler völlig
naturalisierter Niederländer gewesen ist. Freilich
geht durch sein ganzes Schaffen ein mit dem klaren
Selbstbewusstsein der flämischen Meister schwer ver-
einbarer Zug von Naivität. Es hat auch dem
Referenten in Brügge immer geschienen, als ob
Memling's Werke, wie sie leider so schlecht erhalten
im Johanneshospital aufbewahrt werden, uns etwas
von einem nie überwundenen Staunen erzählen, das
den Künstler gegenüber den Herrlichkeiten des alten
Flanderns erfüllt hätte, gerade als ob sie ihm von
Haus aus fremd gewesen wären: aber das sind
Imponderabilien, die kaum verdienen geäussert zu
werden und niemals auch nur von fern in die Be-
weisführung eingreifen können.

Wenn nun Memling seinem künstlerischen Schaffen

nach ein Niederländer ist, so erwächst die Frage:
in welche und in wessen Schule gehört er? Bis
jetzt hat man im Anschluss an Vasari ihn als einen
Schüler des Roger van der Weyden betrachtet und
das umsomehr, als die bekannte Stelle im Inventar
j der Statthalterin Margarete die Möglichkeit offen liess,
dass Memling im Atelier Roger's gearbeitet hätte.
Aber Vasari's Autorität ist in Bezug auf die Alt-
niederländer sehr erschüttert worden und die Inventar-
notiz ist so allgemein gehalten, und lässt vor allem
das entscheidende Wort vermissen, das uns über
Zeit und Umstände der Entstehung der von Memling
an Rogers Altar gefügten Flügel unterrichten könnte.
In unserer Kenntnis über Memling werden wir also
auch von ihr nicht sehr gefördert. Es bleibt als
einzige zuverlässige Grundlage nur das Studium der
Gemälde selbst und da finden wir bei vorurteils-
freier Prüfung zunächst was die Farbe und ihre Be-
handlung anbetrifft, einen schwer zu übersehenden Zu-
sammenhang mit der Pracht des Kolorits von Dirk Bouts.
Eine Figur wie der heilige Laurentius in London
erinnert in dem strahlenden und glitzernden Rot des
Mantels vielmehr an den Meister von Löwen als an
Roger, dessen Farbe so ebenmässig und so wenig
pikant ist; das geht durch das ganze Werk Memling's
durch bis zu den miniaturartig behandelten Stücken
wie der Münchener Marienaltar, der farbig sehr nahe
an Bouts streift. Aber gerade dieser Marienaltar
wirft anderseits doch die Frage nach einem Zu-
sammenhang mit Roger und noch dazu in sehr un-
bequemer Weise auf. Die Gruppe der anbetenden
Könige hat in den Typen eine sehr fatale Ähnlich-
keit mit Roger's Dreikönigsaltar der Münchener
Pinakothek. Dazu kommt, dass die Darstellung
Christi im Tempel auf Memling's kleinem Triptychon
des Brügger Johannishospitals in sehr naher Be-
ziehung zu der gleichen Scene auf Roger's Münchener
Bilde steht. Man hat aus solcher Typenverwandt-
schaft bis jetzt gewöhnlich auf jene Gemeinsamkeit
geschlossen, die Schüler und Lehrer zu verbinden
pflegt; es stehen aber diese zwei Fälle, von denen,
wie mir scheint, der erste überhaupt nur wenig be-
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