Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

herausgeber:
Dr. Max Gg. Zimmermann

UNIVERSITÄTSPROFESSOR

Verlag von e. a. seemann in Leipzig, Gartenstrasse 15
Neue Folge. xii. Jahrgang. 1900/1901. Nr. 13. 24. Januar.

Die Kunstchromk erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
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handlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandiung die Annoncenexpeditionen von Haas en-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

ARNOLD BÖCKLIN

Der Schweizer Arnold Böcklin ist am 16. Januar
in seinem Hause bei Florenz in den Armen seiner
Gattin, einer Italienerin, gestorben. Nicht auf dem
Boden des deutschen Reiches ist der Meister geboren,
nur vorübergehend hat er dort gelebt, seine zweite
Heimat war Italien geworden, und doch steht All--
deutschland trauernd an seiner Bahre und beklagt bei
seinem Tode den Verlust eines seiner grössten Söhne.

Arnold Böcklin war ein Schweizer, und das hat
er in der Eigenart seiner Kunst nie verleugnet. Am
glücklichsten sprach es sich aus in der Art, wie er
Germanisches und Romanisches miteinander zu ver-
mählen wusste. Ähnlich hat ein anderer Sohn des
Landes mit den drei Nationalitäten, Jakob Burckhardt,
vermocht, der italienischen Kunst als Germane und
doch mit vollem Verständnis gegenüber zu treten.
Mit dem Boden seiner engeren Heimat soll und muss
ein Künstler eng verwachsen sein. Aber seine Wurzeln
sollen darüber hinausgreifen und sollen Nahrung
saugen aus seinem grösseren Vaterlande, ja aus der
Weltströmung seiner Zeit, dann wird die Pflanze
seiner Kunst mächtig emporwachsen und sein ge-
samtes Volk überschatten. Albrecht Dürer war ein
Nürnberger durch und durch, und doch ist er ein
alldeutscher Künstler geworden; in Goethe verkennt
man nicht den Franken vom unteren Main, und seine
Dichtungen sind doch der höchste Ausdruck des
gesamtdeutschen Wesens geworden.

Böcklin hat in seinen Gemälden nicht die deutsche,
sondern die italienische Natur verherrlicht, aber er
hat sie nicht mit den Augen und der Empfindung
eines Italieners, sondern eines Deutschen gesehen.
Der phantasievolle, romantisch beanlagte Schweizer
wollte eine erträumte Phantasiewelt wiedergeben, und
das glaubte er am besten zu vermögen in den Formen
der südländischen Natur, die dem Nordländer als
etwas Sonntägliches erscheint und die durch ihren
grösseren Reichtum von selbst etwas festliches hat.
Die spezifisch germanische Begabung für melodische
Farbe, die in ihm so ausserordentlich stark war,

glaubte ihr Genüge nur in den intensiveren kolo-
ristischen Elementen des Südens zu finden. Der
Stimmungsgehalt, die Herzenswärme, der Märchen-
zauber, das Philosophisch-Gefühlvolle seiner Land-
schaften sind germanisch, und Böcklin berührt sich
bei grosser Verschiedenheit doch in mehr als einem
Punkte mit Rembrandt.

Es wird für immer denkwürdig sein, dass Böcklin
Jahrzehnte lang unbeachtet blieb, ja, dass ihm auf
seine Werke mit Spott und Hohn geantwortet wurde,
dass es, als die Anerkennung kam, zuerst eine Ge-
meinde junger Männer war, die ihm, dem Alten und
ewig Jungen, zujubelte, und zwar dass es jene Künstler
waren, die nach Wahrheit riefen, nach Wahrheit um
jeden Preis. Er, der Schöpfer einer Phantasiewelt,
wurde vergöttert von den Künstlern, welche die
traurigste, ödeste, nüchternste Wirklichkeit malten.
Welch ein Beweis dafür, wie gross die in ihr selbst
liegende Wahrheit seiner nur im Gedanken bestehenden
Welt war. Veduten waren seine Landschaften, aber
aus einem Lande, das der Fuss eines gewöhnlichen
Sterblichen nie betreten hat, das nur dem Maler
Böcklin bekannt war. Und diese Landschaften sind
bevölkert mit Wesen, die ebenfalls keines Sterblichen
Auge gesehen, die aber auch von unbezweifelbarer
poetischer Wahrheit sind. Wie seine im Geist er-
schauten Landschaften am meisten unter allen Ländern
an Italien erinnern, so sind seine Fabelwesen verwandt
mit jenen, durch welche die Phantasie der Griechen
die Natur bevölkerte. Während aber seine Landschaft
Italien in dichterischer Verklärung zeigt, nähern sich
andererseits seine Phantasiegeschöpfe mehr dem Natür-
lichen als die der Griechen, haben mehr tierisch-derbe
Elemente als jene; es ist, als wollte der Maler das,
was er der Landschaft an unmittelbarer Wiedergabe des
Natürlichen und Alltäglichen genommen, hierdurch er-
setzen, um aus beiden ein glaubhaftes Ganzes zu schaffen.
Diese Wahrheit in seinen Schöpfungen verbürgt ihren
dauernden Bestand, denn was wahr und echt empfun-
den ist, das geht, wie die Geschichte lehrt, nicht unter.

Um so mehr wird Böcklin's Ruhm bestehen, als
er ein Pfadfinder gewesen ist. Nicht er hatte sich
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