Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Bücherschau.

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BÜCHERSCHAU

Eduard Tönnies. Leben und Werke des Würzburger Bild-
schnitzers Tilman Riemenschneider. Studien zur Deut-
schen Kunstgeschichte. Heft 22. Strassburg 1900. 8°.

Die umfangreiche Arbeit von Tönnies zeugt von ge-
diegener Schulung und emsigem Fleiss, so dass der Ver-
fasser seinen Vorgängern, unter denen neben Becker, Weber
und dem ganz unkritischen Streit auch Karl Adelmann wohl
erwähnt zu werden verdient hätte, leicht den Rang abläuft.
Das reichhaltige Urkundenmaterial, das uns das äussere
Leben des ehrbaren Würzburger Schnitzers kennen lehrt,
wird mit fast ermüdender Ausführlichkeit vor uns aus-
gebreitet und kommentiert. Eine chronologische Grup-
pierung der erhaltenen Arbeiten , denen noch manche
Stücke aus Privatbesitz hinzuzufügen wären, lässt die
enorme Leistungsfähigkeit dieser vornehmsten unterfrän-
kischen Bildschnitzerwerkstätte gut überblicken. Freilich
erschwert der handwerkliche Zuschnitt des Betriebes, wie
er damals allerorten bestand, die kritische Sichtung des
Vorhandenen. Man wird Tönnies zustimmen, wenn er
die Abtrennung, die Bode vollzog, als er den Creg-
linger Meister als Sonderindividualität hinstellte, gleich
Adelmann wieder aufgiebt. Seine Beweisführung (p. 144 ff.)
ist sachlich und vorsichtig; sie wird schwer widerlegt
werden können. Interessant ist auch der Nachweis von
Beziehungen R.'s zur Kunst Schongauer's (p. 47), dessen
überragende Bedeutungimnier mehr hervortritt, je eingehen-
der man sich mit der deutschen Kunst des fünfzehnten Jahr-
hunderts beschäftigt. Bei Gelegenheit des Monogramms,
das sich auf dem Marienaltar der Herrgottskirche zu Creg-
lingen befindet (p. 137) und das Bode als das seines Creg-
linger Meisters ansieht, möchte ich auf ein engverwandtes
Steinmetzzeichen hinweisen, das dem Grabmal des Diet-
herr von Isenburg (Mainz, Dom 1482) eingemeisselt ist.
Im übrigen ist hier nicht der Platz, den Verfasser auf
seiner Wanderung durch die stattliche Denkmälerreihe, die
er zum Teil mit Glück verlängert, zum Teil gegen unver-
ständige Bereicherung verteidigt, kritisch zu begleiten.
Wer auf dem einschlägigen Gebiete gearbeitet hat, legt
das Buch mit dem Gefühl aus der Hand, dass in diesem
Bezirk der deutschen Kunstgeschichte es für geraume
Zeit mit der vom Verfasser geschaffenen Ordnung sein
Bewenden haben wird. l. k.

Zur Pseudogrünewaldfrage. Über den St. Olavaltar zu
Lübeck hatte bei Gelegenheit des 5. Internationalen Kunst-
historischen Kongresses im September 1900 Herr Dr. Theo-
dor Gaedertz d. Ält. einen Vortrag gehalten, welcher soeben
im Verlage von Georg Wigand, Leipzig in eleganter Aus-
stattung mit drei Abbildungen des Altars veröffentlicht
worden ist. Die Frage ist durch den bekannten Gelehrten
mit grosser Sorgfalt und Sachlichkeit behandelt. Er giebt
zunächst eine Beschreibung des Altars und erörtert die sich
daran knüpfenden Fragen unter Hinweis auf die einschlägige
Litteratur. Es ist bekannt, dass dieser Altar eine Zeitlang
für das Werk Lucas Cranach's d. Ält. gehalten wurde,
während er später für den sogenannten Pseudogrünewald
in Anspruch genommen wurde. Ein junger, aus Lübeck
gebürtiger Kunsthistoriker, Dr. Fr. Bruns, hat bei Durch-
sicht der Lübecker Niedern-Stadtbücher den Namen des
Malers des St. Olavaltars aufgefunden, wodurch auch die
Entstehungszeit des Altars ziemlich genau ermittelt worden
ist. Sie fällt in die Jahre 1522-24. Mit dieser archivalischen
Feststellung fällt auch die Annahme des bekannten Cranach-
Forschers Dr. Eduard Flechsig-Braunschweig, dass dieses
Werk neben anderen von der Hand des ältesten Sohnes
von Lucas Cranach, Hans Cranach herrühre, weg. Ob
nun die übrigen Bilder, welche als Pseudogrünewald an-

gesprochen werden, ebenfalls von der Hand Johann Kem-
mer's herrühren, dies zu ermitteln, wird Aufgabe fernerer
stilkritischer Untersuchung sein. Dem Verfasser muss
man Dank wissen, dass er in der bisher ziemlich unsicheren
Frage einen festen Punkt geschaffen hat, von dem aus
man weitere Forschungen unternehmen und Aufklärung
erhalten kann. -r-
Luigi Manzoni, Nuptialia. Chi fu il maestro del Pinturic-

chio, Perugia, Tipografia Umbra 1901.

Die freundliche Sitte Italiens, das Brautpaar am Hoch-
zeitstage mit einer Festschrift zu begrüssen, hat wieder ein
wichtiges Dokument, die Umbrische Malerschule betreffend,
ans Licht gebracht. Luigi Manzoni weist im ersten Teil
seiner äusserst vornehm ausgestatteten »Nuptialia« nach,
dass Pinturicchio aus der Werkstatt des Fiorenzo di Lo-
renzo hervorging. Er nimmt das vielbesprochene Tafel-
bildchen der Borghese-Galerie für Pinturicchio in Anspruch
und weist auf die nahe Verwandtschaft des h. Christopherus
hier mit dem h. Christopherus des Fiorenzo di Lorenzo
hin, den das Städel'sche Institut in Frankfurt a. M. besitzt.
Das Dokument, welches in extenso publiziert wird, datiert
vom 9. Dezember 1472. In demselben verpflichtet sich
Fiorenzo di Lorenzo den Mönchen von S. Maria nuova
ein grosses Tafelwerk für den Altar ihrer Kirche zu malen
für den Preis von 225 Dukaten. Alle Heiligen, welche dies
Altarwerk schmücken sollten, werden im Kontrakt einzeln
aufgeführt, aber der Meister hat die Wünsche der Mönche
nicht in allem ausgeführt, wie wir an dem noch heute er-
haltenen Gemälde sehen, welches die Pinakothek in Perugia
bewahrt. Es ist das umfangreiche Altarwerk (Nr. 32—43)
in der Sala di Fiorenzo di Lorenzo, die Madonna in der
Mitte und Einzelfiguren von Heiligen zu beiden Seiten.
Hoffen wir, dass der verdienstvolle Umbrische Forscher
dieser wertvollen Publikation bald andere Dokumente aus
seinem reichen Vorrat folgen lassen möge. e. st.

Beltrami. La Chartreuse de Pavie. Histoire et Description

Milan. Hoepli. 1899.
Luca Beltrami wurde vor kurzem in Mailand von
seinen Mitbürgern durch besondere Ehrungen ausgezeichnet.
Sie galten in erster Reihe dem erfahrenen Architekten und
Restaurator, der das verwahrloste Kastell der Visconti zu
neuem Leben erweckte und zu einem Museum heimischer
Kunst unischuf, auf das die lombardische Hauptstadt stolz
sein kann. Sie galten aber auch dem unermüdlichen
Kunstforscher und Schriftsteller, der zahlreiche Haupt-
denkmäler der Lombardei in wissenschaftlichen Mono-
graphien behandelte. In Zeitschriften und Zeitungen
zertreut, als Broschüren, oder aber als umfangreiche Werke
in Buchform, sind diese Arbeiten dem breiteren Kreis
fremder Kunstfreunde weniger bekannt. Beltrami hat aber
auch damit begonnen, kleine illustrierte Führer durch
die Hauptbauten der Lombardei zu veröffentlichen, einen
mehr historischen für das Mailänder Kastell und einen
mehr kunstgeschichtlichen für die Ceriosa bei Pavia. Sie
waren bisher nur in italienischer Sprache erschienen, das
Büchlein über die Certosa aber liegt nun auch in fran-
zösischer Ausgabe vor. Die erste italienische ist 1895
verfasst. Zwischen ihr und der Übersetzung liegt der
erste Band der grossen »Storia Documentata«, die Beltrami
1896 zur Feier der fünfhundertsten Wiederkehr der
Gründung der Certosa begann, doch waren die dort ver-
öffentlichten Akten dem Verfasser schon 1895 bekannt,
er hatte den Text daher nur unwesentlich zu verändern.
Die zahlreichen, sehr gefällig verteilten Abbildungen sind
besonders durch zwei interessante Pläne der »Storia
Documentata« vermehrt, welche die Besitzungen der
Karthäuser und die Umgebung ihres Klosters im 16. Jahr-
hundert darstellen. — Die neue französische Ausgabe
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