Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Bücherschau.

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inuss. Wie unendlich weit ist nun gar der Abstand
aller dieser Denkmal sgruppen von den letzten Äusse-
rungen der antiken Buchmalerei im Abendlande, jenen
Bilderhandschriften, die dort hart auf der Orenzscheide
zum Mittelalter entstanden sind, wie dem Virgil der
Vaticana 3864, der Agrimensores - Handschrift in
Wolfenbüttel (36. 23. Aug. fol.), dem Cambridger
Evangelienbuch (C. C. C. 268) oder den Münchener
Evangelienfragmenten in einer Augsburger Hand-
schrift (Gm. 2.). Gegenüber den oben genannten,
alleren abendländischen »antiken- Bilderhandschriften
(Virgil Vat. 3225 etc.) stehen unsere Denkmäler der
Buchmalerei des christlichen Orients an eigentlich
malerischer Empfindung zweifellos weit zurück. In
dieser Hinsicht müssen wir sie auch den früh-
byzantinischen Denkmälern (Dioskorides) hintenansetzen,
doch scheinen sie diesen gegenüber den Vorzug
grösserer Sachlichkeit in der Art des Vortrages zu
verdienen. Mit den gleichzeitigen und jüngeren Aus-
läufern der antiken Buchmalerei des Abendlandes ist
aber eigentlich kaum ein Vergleich möglich; so weit
stehen diese an malerischer Empfindung hinter unseren
Bildercyklen des Orients zurück.

BÜCHERSCHAU

F. Shtdniczka, Die Siegesgöttin. Entwurf der Geschichte
einer antiken Idealgestalt. Akademische Antrittsrede, ge-
halten am 16. Januar 1898 im Skioptikon- Hörsaal der
Universität Leipzig, in erweiterter Bearbeitung. Leipzig,
B. O. Teubner.
Liegt es wirklich nur an der Übermacht klassischer
Bildung und der geringen Phantasie der modernen Menschen,
dass manche poetisch-kiinstlerischeSchöpfungen des griechi-
schen Geistes noch heute unvergänglich in den Darstel-
lungen der Künstler fortleben und von den Betrachtenden
ohne weiteres verstanden werden, trotzdem die religiöse
Grundlage, auf der jene Schöpfungen erwachsen sind, längst
verschwunden ist? Liegt der Grund nicht vielmehr darin,
dass den Griechen, wie keinem anderen Volke vor ihnen,
die Erkenntnis gegeben war, dass die Gottheit, soll sie
uns Menschen Liebe oder Ehrfurcht oder heiliges Grausen
einflössen, unsere Züge tragen muss, dass sie nichts als
die Steigerung dessen sein darf, was uns diese Gefühle
auch im Leben erregt, denn nur so können wir in ein
wirklich persönliches Verhältnis zu ihr treten, nur so kann
sie eine beseligende Macht für uns werden, nur so, wenn
sie unser Dasein vernichtet, in unsern Herzen noch Ehr-
furcht erwecken. Im Grunde ist der griechische Olymp des-
halb nichts anderes als eine umfassende Darstellung der
ganzen Skala menschlicher Charaktere in krystallisierten
Existenzen, und da sich jene Charaktere ewig gleich bleiben,
so ist auch die Wirkung ihrer Verkörperungen unvergänglich.

Ging aber die griechische Phantasie in ihren Bildungen
wirklich über das hinaus, was ihr das Leben bot, in
Vermischung der menschlichen Erscheinung mit der tie-
rischen, so wusste sie in so geistreicher Weise dem mensch-
lichen Organismus sein Recht zu wahren, dass auch diese
dämonischen Idealgestalten noch heute ohne weiteres als
vollkommen überzeugende Wesen verstanden werden.
Natürlich ist es, dass solche Bildungen auch dem griechi-
schen Genius nicht auf den ersten Wurf gelungen sind,
und es gehört zu den erfreulichsten Aufgaben, zu verfolgen,
wie ein derartiges Problem immer und immer wieder von

neuem angegriffen wurde, bis endlich die Lösung vollendet
dastand, die bis auf unsere Tage bindende Geltung be-
halten sollte.

Nike, die Göttin des Sieges, war nach dem Glauben
der Griechen ein mit mächtigen Fittigen zum windschnellen
Fluge ausgerüstetes Göttermädchen, das vom Olymp her
den Sterblichen die Kunde und die sichtbaren Preise des
Sieges brachte.

Das Wort Nike ist weiblich; wir sagen der Sieg; unser
Gott könnte zur Verkündigung des Sieges nur einen seiner
Erzengel senden, und doch sehen wir überall auf Monu-
menten zur Feier eines siegreichen Krieges noch heute
die griechische Siegesgöttin und jeder, der das Denkmal
sieht, versteht seinen Sinn. Es hat eben nicht gelingen
wollen, und ist wohl auch niemals versucht worden, für
Jas Flüchtige, Ersehnte, Reizende, Lockende, Glückbringende
des Sieges ein entsprechenderes Bild zu finden, als die
geflügelte, himmlische Botin mit dem blühenden jungfräu-
lichen Leibe und dem ernsten, mädchenhaften Antlitz.
Und wenn ihr noch heute die mächtigen Fittiche aus den
Schultern ragen in einer Weise, dass wir die feste ruhige
Überzeugung gewinnen, sie könne sich ohne Gefahr mit
ihnen durch die Lüfte schwingen, so ist es eben wieder
der künstlerische Genius der Griechen gewesen, der nach
langem Ringen dieses Problem endgültig gelöst hat.

Einen Entwurf zu der Geschichte dieser Idealgestalt,
soweit sie sich auf griechischem Boden abgespielt hat,
bietet uns St. in der vorliegenden Ausarbeitung eines Vor-
trages, die von ihrer Vorlage eine äusserst erfreuliche und
packende Frische und Unmittelbarkeit bewahrt hat, sodass
die Lektüre auch jedem, der nicht archäologische Belehrung
sucht, Genuss bereiten wird.

Ein sehr glücklicher und, soviel mir bekannt, neuer
Gedanke führt die Entstehung der persönlichen Vorstellung
einer Siegesgöttin auf die das ganze hellenische Leben
beherrschende Eris, den Wettstreit, zurück. Nur fehlt in
der Ausführung dieses Gedankens ein, wie mir scheint,
sehr bedeutsames Moment: das tiefe religiöse Empfinden
des Griechen, das jeden Erfolg dankbar als ein Geschenk
jener Mächte annahm, denen er sein ganzes Dasein be-
dingungslos unterworfen wusste. Erst diese Empfindung
führte mit Notwendigkeit zu der Vorstellung eines persön-
lichen göttlichen Wesens, das jenes Geschenk im Auftrag
der oberen Götter, die darum nicht bemüht werden konnten,
zu den Sterblichen bringt.

Der Hauptteil der Abhandlung weist an vielen Bei-
spielen die allmählich sich steigernde Vervollkommnung in
der Lösung des Problems nach, eine geflügelte Gestalt
fliegend, d. h. schwebend und im sichtbaren Gebrauch
ihrer Flügel darzustellen. Die unglaublich geniale Leistung
des Paionios, dem diese Lösung zum ersten Male glänzend
gelingt, und ihre hohe Bedeutung werden vortrefflich ge-
schildert. In der Geschichte der Darstellung des Fliegens
hätten die Nereiden von Xanthos bestimmter verwertet
werden können T. VI. Fig. 34 u. 35; sie fliegen ja auch,
trotzdem sie ungeflügelt sind, und zwar ist das Fliegen
bei ihnen im Grunde noch durch den einseitigen Sprung
dargestellt, in derselben Weise wie an dem etwa gleich-
zeitigen Spiegelgriff T. II. Fig. 11; an Stelle der Blüte
oder Palmette der alten Nikebilder ist aber ein bewegliches
Tier (Wasservogel, Fisch) getreten, wodurch die Lösung
von der Basis schon vollkommen erreicht wird. Sie sind
auf diese Weise die spätesten Vertreter des alten Typus
und die direkten Vorläufer der Nike des Paionios, mit der
sie durch die eigenartige Darstellung der Gewandung und
die Verwertung der Tiere in engstem Zusammenhang
stehen, wie St. richtig hervorhebt. Es wäre sehr ver-
führerisch, sich Paionios auch als Meister jener Nereiden
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