Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Bücherschau.

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schlössen. Die offiziellen Veranstaltungen des Pro-
grammes waren mit der Verkündigung des Sitzungs-
schlusses noch nicht erschöpft. Denn am Nachmittage
des 19. September beteiligten sich noch viele Kongress-
mitglieder und ihre Lübecker Oastfreunde an der
Fahrt nach Travemünde und an dem gemeinsamen
Diner im dortigen Kurhause. Und am Morgen des
20. September führte der sachkundige Herr Geheimrat
Dr. Schlie eine immerhin noch stattliche Schar nach
Wismar und Doberan, deren Kunstschätze reiche
Anregung und Belehrung boten. Gerade die Wahl
dieser Orte muss im Zusammenhange mit dem in
Lübeck Gesehenen und Gehörten eine besonders
glückliche genannt werden.

Was die Lübecker Tage jedem Kongressteilnehmer
unvergesslich macht, das war, abgesehen von dem
Anknüpfen oder Aufrechterhalten persönlicher Be-
ziehungen zu zahlreichen Fachgenossen, die Freundlich-
keit und Herzlichkeit des Verkehrs mit den Lübeckern
selbst, die jeden Fremden binnen kurzem sich in der
alten Hansastadt daheim fühlen Hessen. Der umsichtige
Ortsausschuss, mit Herrn Baudirektor Schaumann an
der Spitze, hatte fürsorglichst alles derart vorbereitet,
dass alle Veranstaltungen ohne die geringste Störung
von statten gingen. Ausser den früher genannten
Herren, welche die Führung durch Lübecks Denk-
würdigkeiten übernahmen, erwarben sich um Orien-
tierung in denselben noch besondere Verdienste der
Stadtbibliothekar Prof. Dr. Curtius und Freiherr von
Lütgendorff. Die Veranstaltung einer Ausstellung von
Gemälden aus Lübecker Privatbesitz war von dem
Bestreben geleitet, einen Überblick über weniger leicht
zugängliches Kunstgut bequem zu vermitteln. Ganz
besonders wertvoll bleibt aber nächst dem von der
Stadt Lübeck für die auswärtigen Kongressteilnehmer
gespendeten Werke »Der Dom zu Lübeck«, die dem
Kongresse gewidmete Festschrift »Aus der Geschichte
der Lübecker Malerei 1550—1700«, deren Text der
fachkundigen Feder des Staatsarchivars Dr. P. Hasse
entstammt und Jost de Lavall, Gregor von Gehren,
Joh. Willinges, Hans von Hemssen, Burchard Wulff,
Gottfried Kniller sowie einen unbekannten Maler um
1700 würdigt. Die der Festschrift beigegebenen vor-
trefflichen 8 Tafeln machen dem bekannten Kunst-
verlage J. Nöhring hohe Ehre. Was Lübeck vom
16. bis 19. September 1900 den Mitgliedern des fünften
kunsthistorischen Kongresses geboten hat, sichert ihm
den Dank und die freundlichste Erinnerung derselben
für alle Zeit. Denn sie lernten nicht nur die Kunst-
werke der altehrwürdigen Hansastadt schätzen und
bewundern, sondern auch die heutigen Bewohner der-
selben verstehen und liebgewinnen.

Wien. JOSEPH NEUWIRTH.

BÜCHERSCHAU

Hermann Riegel, Beiträge zur Kunstgeschichte Italiens.
Mit 40 Abbildungen auf 38 Tafeln. Dresden, W. Hoff-
mann 1898.

In diesem Bande sind fünfzehn Abhandlungen ver-
einigt, die in ihrer Gesamtheit über ein weites Gebiet
sich verbreiten. Architektur, Malerei und Plastik sind

herangezogen, frühe und vorgeschrittene Phasen der
Kunst werden behandelt; die beiden grossen Kunst-
centren, Florenz und Venedig, erwecken in gleicherweise
das Interesse des Verfassers. Überall bot ein starker per-
sönlicher Eindruck die unmittelbare Veranlassung sich mit
einem Kunstwerk oder einer Gruppe künstlerischer Er-
zeugnisse näher zu beschäftigen; das wissenschaftliche
Forschen folgte nach, und so gewannen die Aufsätze all-
mählich Bildung und Gestalt. Der erste Aufsatz gehört
dem archaeologischen Kreise an: das Haus der sieben
Zonen (Septizonium) im alten Rom, das der Verfasser als
der Beobachtung des Sternenhimmels gewidmet oder auch
als Heiligtum der sieben Planeten ansieht. Zwei der
Abhandlungen behandeln mehr allgemeine Themata. Die
Umgestaltung Roms seit i8jo und ihre Tadler. Hier wird
die Berechtigung der modernen Römer, sich in ihrer Stadt
neu einzurichten, historisch zu begründen versucht. Der
letzte der Beiträge, Rafael und Mozart, geht der Ver-
wandtschaft der beiden Künstler im Einzelnen nach. — Im
Folgenden sei kurz der Inhalt der einzelnen Aufsätze be-
zeichnet, in dem ich hier und da kritische Randbemerkungen
beifüge. Die Tauf - Kirche San Giovanni in Florenz und
ihre Geschichte. Die Ansicht, dass wir hier ein Werk der
sog. Protorenaissance zu erkennen haben, wird erfolgreich
bekämpft. Verfasser weist mit Hülfe des interessanten
Cassonebildes in der Florentiner Akademie, das die Hoch-
zeit Adimari-Ricasoli darstellt, nach, dass noch im 15. Jahr-
hundert die alte Dekoration der Fassade, bei der jede
Seite durch drei Bögen geteilt wurde, erhalten war, von der
die acht Eckpfeiler in weissem und schwarzen Marmor als
letzter Rest bis heute existieren. Nachdem die Nachrichten
über die Entstehung des Baues und die neueren Ansichten
darüber zusammengestellt sind, wird ausgeführt, dass die
Toskaner im 11. und 12. Jahrhundert nicht die bautechnische
Fertigkeit besassen, wie sie die achteckige Kuppel aufzu-
führen erforderte, dagegen Analoga sich im 6. Jahrhundert
finden. In diese Zeit gehört ohne Zweifel auch S. Gio-
vanni in Florenz«. Und da nach Angabe Villanis bei der
Zerstörung der Stadt durch die Goten die Kirche das ein-
zige Bauwerk war, das erhalten blieb, so ist das zweite
Viertel des 6. Jahrhunderts als Entstehungszeit anzunehmen.
Die Daten über bauliche Änderungen und die Dekoration
des Baues (Bronzethüren und Mosaiken) sind dann ge-
sammelt. Die architektonische Verzierung des Äusseren
und Innern aber stammt sicher erst aus dem 15. Jahr-
hundert; in der That sind die Details durchaus im Cha-
rakter der Frührenaissance gehalten. Die Kirche Or San
Michele in Florenz, ihre Baugeschichte und ihr Name.
Verfasser verwirft die älteren Erklärungen des Namens
und erklärt diesen or' (ora) San Michele — Neu St. Michael;
m. E. mit Unrecht. Neben der offiziell in Urkunden vor-
kommenden Form des Namens > S. Michele in Orto kommt
frühzeitig die andere »Orto San Michele« vor und durch
Abschleifung entstand der jetzige Name — genau wie
eine Hauptstrasse der Stadt »Por Santa Maria« heisst,
welche Bezeichnung aus »Porta Santa Maria entstanden
ist. Die Geschichte des Bauwerkes wird dann mit Heran-
ziehung der Dokumente dargelegt. Giotto's Wandgemälde
in S. Maria delV Arena und andere Wandmalereien in
Padua. Die grosse Darstellung des Weltgerichts von
Giotto giebt dem Verfasser Gelegenheit, sich mit den be-
rühmten Fassungen desselben Gegenstandes von Orcagna
und im Camposanto in Pisa, sowie von Fra Angelico zu
beschäftigen. Die Fresken in San Feiice, in der Kapelle
San Giorgio und in der Taufkirche des Domes, sowie der
berühmte Freskeneyklus Paduas in der Eremitanikapelle,
endlich die Serie in der Scuola del Santo werden be-
sprochen. Verfasser meint die von Tizian und Campagnola
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