Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Nekrologe.

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jener Zeit, in welcher der Meister in gewaltigen Körper-
formen schwelgte. Das Bild stellt in lebensgrosser Halb-
figur den an einen Baum gebundenen und im Schmerze
sich windenden hl. Sebastian dar. Wie man sagt, soll in
dem Bilde ein längst verloren geglaubter Tizian aus casa
Renier wieder ans Tageslicht gekommen sein. — Der hier
verstorbene österreichische General Cutöz entführte das
Gemälde nach Görz, woselbst es Herr Bras von dessen
Sohn kaufte. Bald dürfte es eine der hervorragendsten ausser-
venezianischen Galerien zu schmücken bestimmt sein, da
man hier nicht im stände ist, zu dem hohen Preise, den der
jetzige Besitzer verlangt, es zurück zu erwerben. — —

Dass hier nicht alles verkauft wird und die Freude
am Kunstbesitze noch nicht ganz erstorben ist, beweist
der Conte Donä delle Rose, welcher, ein wirklicher Gentil-
uomo, einen seiner Paläste, den Palazzo Michiel delle
Colonne, in der Nähe des Rialto, dem Besuche des Pu-
blikums eröffnet hat. Das ganze Hauptstockwerk ist mit
den wertvollsten Arazzi geschmückt. Sie sind mit grösster
Sorgfalt in die Räume, eine grosse Sala und eine lange
Zimmerflucht, eingefügt. Prächtige Sopraporten schmücken
die genannte Sala, zum Teil von G. B. Tiepolo's Hand.
Ein prächtiges Deckengemälde (Oelmalerei auf Leinwand)
von G. B. Tiepolo hat der Graf aus dem ihm ebenfalls
gehörigen Palazzo Barbarigo am Canal grande (S. Maurizio)
in eine der Decken des in Rede stehenden Museums ein-
fügen lassen, um es so der Bewunderung des Publikums
leichter zugänglich zu machen. In einem der vorderen
Zimmer sind in sehr gutem Lichte die Gemälde aufgestellt.
Ausser einem grossen Reiterbildnis von Moretto da Bres-
cia ist es besonders ein wundervolles, unglaublich farben-
zartes Madonnabild des Giov. Bellini, welches die Auf-
merksamkeit in hohem Grade fesselt. Das Bild ist be-
zeichnet, aber ohne Jahreszahl. Es hat Breitformat, als
»Capitello« umrahmt. Die Madonna sitzt in Halbfigur in
einer Landschaft, von vorne gesehen. Die ganze Breite
des Hintergrundes ist von einem Städtebild eingenommen,
welches sich mit Thoren und Türmen phantastisch duftig
entwickelt. Einige Skulpturen, wertvolle Porzellane, Ko-
stüme u. s. w. machen den weiteren Besitz dieses vor-
nehmen Privatmuseums aus. Obenan stehen jedoch die
prächtigen Arazzi aus den verschiedensten Zeiten und
Schulen. — —

Dem städtischen Museum (Correr) ist ein für venezia-
nische Erinnerungen wichtiges Geschenk geworden. Prinz
Heinrich von Bourbon, Conte di Bardi (Besitzer des Palast
Vendramin-Calerghi) hat dem Museum ein grosses Ge-
mälde überwiesen, auf welchem die Lagune zwischen der
Fondamenta nuova und Mestre dargestellt ist, wie sie im
Jahre 1788 völlig zugefroren, zwischen der Insel S. Secondo
und Campalto einer fröhlichen Menge als ungewohnter
Tummelplatz dient. (Auch die Volkspoesie hat sich in
einer bekannten Canzone, welche noch im Volksmunde
lebt, dieses ausserordentlichen Ereignisses bemächtigt.)--

In der Frarikirche fährt man fort, weitere Fresken des
14. Jahrhunderts bloss zu legen. Man hat dieser Tage in
den Gewölbekappen des Chors die reizendsten in völliger
Farbenfrische prangenden ornamentalen Malereien entdeckt.
Vier der Gewölbefelder sind bereits von der Tünche be-
freit. Auch in S. Stefano restauriert man gegenwärtig den
Chor, nachdem von allen Seiten Beiträge geflossen und
auch Regierung und Stadtverwaltung Summen ausgesetzt
haben zum Zwecke der Aufdeckung des gesamten Fresken-
schmuckes.

Die Stadtverwaltung hat das erfreuliche Anerbieten
des hiesigen Malers V. Bressanin angenommen, den
mächtigen Saal des Konservatoriums (Liceo Benedetto
Marcello genannt) auszumalen gegen blosse Entschädigung

der Materialkosten (8000 Lire). Der prächtige Saal, einst
der Festsaal des grossen Palazzo Pisani (am Campo
S.Stefano), ging mit dem ganzen Stockwerke, in welchem der
Saal liegt, vor einigen Jahren käuflich an die Stadt über.
Leider war gerade vorher das Deckengemälde (auf Lein-
wand, Anfang des 18. Jahrhunderts) nebst sämtlichen
Statuen der Treppenwendungen sowie das Prachtgitter
aus Bronze, welches das Portal des Saales schmückte, an
Heilbronner in Paris verkauft worden. (Man hatte zu
lange mit dem Kaufe gezögert und hätte um dieselbe nun
bezahlte Summe alles haben können). Der nun kahle Saal,
mit seiner grossen Orgel im Hintergrunde, seiner von
mächtigen Säulen getragenen, ringsum laufenden Galerie
wird durch den in Aussicht genommenen Gemälde-
schmuck an Decken und Wänden in neuer Schönheit
prangen. Es steht zu erwarten, dass es Bressanin, einem
noch jungen Manne, gelinge, den richtigen Ton und Stil
zu finden, der zur Architektur in weiss und Gold stimmt.
Das Programm des Künstlers entwickelt die verschiedenen
Aeusserungen und geschichtliche Entwickelung der Musik.
Durch eine Scheinarchitektur wird er den Plafond zunächst
erhöhen und ringsum in freien Gruppen wird Kirchen-
musik, Symphonie, das Lied, die dramatische Musik und
der Tanz dargestellt werden. Im offen bleibenden Mittel-
felde wird Amor und Psyche aus hellen Lüften herab-
schweben. Das so rasch aufgeblühte städtische Konser-
vatorium, welches unter Bossi's, des besten Organisten
Italiens, trefflicher Leitung steht, verdiente wohl als Decken-
schmuck das Beste zu erhalten, dessen die heutige vene-
zianische Kunst fähig ist. Wie es scheint, dürfte die
geeignete Kraft gefunden sein, das Programm würdig zu
entwickeln. a. Wolf.

NEKROLOGE

Bonn. Hier, im deutschen Krankenhaus, starb am
6. Juli an einer Gehirnhautentzündung der Maler Erwin
Küsthardt. Er war ein Sohn des Bildhauers Fr. Küsthardt
zu Hildesheim und wurde dort am 23. Januar 1867 geboren.
1885 ging er nach Düsseldorf, wo er unter P. Janssen's
Leitung studierte. Sein erstes Bild »Magdalena an der
Leiche Christi« erregte vor 6 Jahren berechtigtes Auf-
sehen, wie denn die religiöse Malerei auch ferner des
Künstlers eigenstes Gebiet blieb. Nachdem er bereits
1896 infolge eines Düsseldorfer Stipendiums seine erste
Romfahrt gemacht hatte, erhielt er 1898 den grossen Staats-
preis zu einer Reise nach Rom von der Berliner Akade-
mie der Künste. Sein früher Tod bedeutet einen schmerz-
lichen Verlust für die deutsche Kunst, wenigstens waren
die grossen Hoffnungen, die auf sein Talent gesetzt wurden,
voll berechtigt. 00

Weimar. Hier starb am 9. Juli der berühmte Land-
schaftsmaler Ludwig Freiherr von Gleichen-Russwurm. Er
war 1836 als Sohn des bayrischen Kammerherrn Adalbert
von Gleichen-Russwurm und seiner Gattin Luise von Schiller,
einer Tochter des Dichters, geboren. Er kam erst spät,
im Jahre 1869, zur Malerei, die er zunächst in Weimar unter
Graf Kalckreuth und Max Schmidt studierte. Den grössten
Einfluss aber gewann Theodor Hagen auf ihn, der 1871
nach Weimar kam. Gleichen-Russwurm schritt, wie sel-
ten einer, in seiner Kunst mit der Zeit fort — die Son-
derausstellung seiner farbenfrischen Landschaften und seiner
genialen Radierungen, die der Berliner Kunstsalon Cas-
sirer im Vorjahre veranstaltete, war der sprechendste Be-
weis der seltenen, kraftvollen schöpferischen Jugend dieses
Alten. — Ein Aufsatz in der »Zeitschrift für bildende Kunst«
wird sich demnächst ausführlicher mit dem Leben und
der verdienstlichen Thätigkeit des Künstlers beschäftigen.

p. w.
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