Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

HERAUSGEBER:

Dr. Max Gg. Zimmermann

UNIVERSITÄTSPROFESSOR

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Gartenstrasse 15

Neue Folge. xii. Jahrgang.

1900/1901.

Nr. 25. 17. Mai.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Oewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haasen-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

die vierte internationale kunst-
ausstelluno in venedig

Um einige Tage verschoben fand mit dem üblichen
Gepränge unter Anwesenheit des Duca degli Abruzzi
die Eröffnung der Ausstellung statt. Sie steht an Wert
und Anzahl des Ausgestellten den vorigen Ausstellungen
nicht nur nicht nach, sondern übertrifft sie in mancher
Beziehung: Die Landschaft überwiegt weniger und das
Ausland ist im grossen und ganzen besser vertreten. Die
Venezianer, welche bei den früheren Ausstellungen glänzten,
können diesmal nicht erwärmen: Sie haben den letzten
Rest von Farbe und jeder sonstigen Nationaleigenthüm-
lichkeit eingebüsst, und auch das übrige Italien ist meist
farblos, langweilig und grau geworden. Man malt fast
nur noch Regen- und Nebelstimmungen.

Ja! Sonderbar; je weiter man sich beim Durchschreiten
der Ausstellung dem Norden nähert, desto brillanter, far-
biger wird alles. Das allerfarbigste, weil nur glühend
rote Bild gehört der russischen Abteilung an! — Die
Italiener glaubten der Mode huldigen zu müssen und
haben unter dem Vorwande neue Probleme lösen zu wollen,
neue Horizonte zu erspähen, das nachgemacht, was die
über Gebühr gepriesenen Schotten und Engländer ihnen
offenbarten. Einer der wenigen, die unbeirrt weiter-
geschritten ist der Venezianer Luigi Nono, der in einer Ver-
einigung von 25 seiner Bilder aus den verschiedensten
Zeiten seines Schaffens in erster Reihe das Interesse fesselt.
— (Bereits hat das Publikum in Anerkennung des Meisters,
der auch sein »Refugium peccatorum« ausstellt, dessen
Saal »Refugium visitatorum» getauft.)

Dem verstorbenen Meister der Landschaft, dem
Piemontesen Antonio Fontanesi ist ein ganzer Saal, pracht-
voll ausgestattet, eingeräumt worden, woselbst 68 Ge-
mälde (von den Besitzern der Ausstellung leihweise über-
lassen) die grösste Bewunderung erregen. Nicht genug
geschätzt im Leben (1818—1882), halb vergessen, durch
langen Aufenthalt in Japan, zeigt sich jetzt erst des
Meisters unvergängliche Grösse. — Das Ausstellen seiner
Arbeiten, das Zurückgreifen auf Vortreffliches aus früheren
Zeiten ist ein Verdienst der Leiter der Ausstellung. — Die
»Modernen« werden da gewahr werden, was unvergäng-
lich und bleibend ist. —

Domenico Morelli, der interessante Napolitaner, glänzt
mit 8 Gemälden, darunter seine bekannte »Versuchung des
hl. Antonius«. — Dem excentrischen Gaetano Previati hat

man einen ganzen Saal überlassen, wo er mit 32 seiner
eigentümlich behandelten Gemälde und Zeichnungen
auftritt.

Die deutsche Abteilung ist diesmal sehr erfreulich.
Sie ist reichlicher und vielseitiger beschickt worden. Von
Böcklin sind 12 Nummern ausgestellt worden, darunter
einige wundervolle Skizzen. — Inmitten das grosse, höchst
sonderbare Bildnis des unvergesslichen Meisters von der
Hand seines Sohnes Carl, mit welchem dem Andenken
des Vaters kein Dienst erwiesen ist. — Die meistgenannten
heutigen deutschen Künstler sind vertreten. Besonders
hervorragend F. A. v. Kaulbach, dessen Arbeiten im grossen
internationalen Ehrensaale prangen, wo man auch ein
Bismarckbildnis von Lenbach aufgestellt hat. —

Der Güte des Herrn A. Young in London verdankt
die französische Abteilung einige ausgezeichnete Werke
der grossen Meister vom Jahre 1830. Jean Baptiste Corot
ist vertreten mit zwei herrlichen Landschaften, Ch. Fr.
Daubigny mit drei, J. Dupre und J. F. Millet mit je einem
Gemälde. Carriere hat ein riesiges Bild in seiner bekannten
nebelhaften Manier ausgestellt: Das Innere eines Schau-
spielhauses während der Abendvorstellung. — Vertreten
sind ferner mit einem grossen Gemälde: eine Madonna die
Treppe ihres Hauses herabschreitend, Dubuse, Cottet,
La Touche, Besnard, Berton, Roger, und mit einem grossen
Bilde im Costume des 17. Jahrhunderts Roybet.

Bei den Engländern begegnen wir gerne Burne Jones,
aber diesmal weniger erfreut durch seinen »Traum des
Lancelotto«. Zwei allegorische Bilder von Shaw über-
raschen durch das volle scharfe Kolorit und geistvolle
Komposition.

Brangwyn, Weeks u. a. — Unter den Amerikanern
interessiert wie immer Sergent mit dem Porträt eines
jungen Mannes in ganzer Figur, unter den Schottländern
Lavery mit einer lebensgrossen Dame zu Pferd u. s. w.

Unter den Russen zieht das grosse, über alle Begriffe
auffallend und kühn gemalte Bild die Aufmerksamkeit auf
sich, welches eine Anzahl Bäuerinnen darstellt, welche
alle glühend rot gekleidet in lebhaften fast convulsiven
Bewegungen aus dem Bilde herauslachen: Die Verkörpe-
rung aller modernen Bravour mit ihren Licht- und Schatten-
seiten. Maliavine hat ausser diesem Bilde eine vortreff-
liche lebensgrosse Studie eines russischen Bauern aus-
gestellt. Unter den Nordländern sind ferner Wentzel,
Jansson, Munthe und Thanlow vertreten. — Die nordischen
vielgenannten Meister sind diesmal weniger zahlreich und
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