Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Nekrologe. — Denkmäler.

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Worpswede — angeschlossen haben. Einige davon,
darunter Overbeck, bleiben bei der einfarbigen Radierung,
die meisten aber suchen ihren Arbeiten die vielfarbige
Pracht des Aquarells zu geben, was ihnen häufig genug
in glänzender Weise gelingt. So ist der Markt von dem
jüngern Boutet de Monvel mit seinen breit nebeneinander
gesetzen blauen, roten und braunen Flecken eine ganz vor-
treffliche Arbeit, und ebenso hat es Ey' Chenne verstanden,
seine Äpfelweiber mit den buntesten Farben harmonisch
zusammenzubringen. Der Holländer Kiene arbeitet gleich-
falls mit unvermittelten grellen Farben, ohne schreiend zu
werden. In ruhigem und sanftem Farbenharmonien ge-
fallen sich Eugene Delatre, der sich demgemäss poetische
Abendstimmungen oder stille Flusslandschaften aussucht;
Godin mit einer Nacht, wo die weisse Mondscheibe sich
eben über den dunkeln Bäumen am tiefblauen Himmel
blicken lässt; Francis Jourdain mit einer »Naguere« be-
titelten wehmütigen Stimmung, brauner Wald, blauer See
und Himmel, dunkle Frauengestalt mit rotem Häub-
chen ; Pinchon mit berittenen Jägern im herbstlich bunten
Wald; Ralli-Scaramanga, der die zartesten und duftigsten
Farbenübergänge darzustellen weiss; Richard Ranft, dessen
heitere Ruhe in seinen Landschaften an die schönen Litho-
graphien von Riviere erinnert. Ferner müssen genannt
werden Roux-Champion mit Ansichten aus Paris und Volks-
scenen aus der Bretagne, Villon mit humoristischen Mo-
mentaufnahmen aus Cafe und Kaserne und Jeanniot mit
»Polospiden eiern« und den frischen und lebendigen »Mo-
distinnen«. Overbeck ist mit mehreren seiner in Deutsch-
land wohlbekannten, hier in Paris zum erstenmale gezeigten
poetischen Landschaften erschienen.

Zum Schlüsse erwähne ich noch kurz die Sonderaus-
stellung des bekannten Malers Eugene Carriere bei Bern-
heim. Es sind das zumeist Vorarbeiten zu seinem grossen
Bilde »Maternite«, fast ausschliesslich Mütter mit Kindern
und immer in der farblosen grauen, verblichenen Photo-
graphien ähnelnden Manier des Künstlers. Dass die Aus-
stellung trotz dieser Eintönigkeit überaus interessant ist,
verdankt sie der starken, eigenartigen und noblen Persön-
lichkeit Carrieres, die alle seine Arbeiten durchdringt. Die
tiefe Innerlichkeit, die Carriere mit der ehrlichsten Offen-
heit vereinigt, kommt in allen seinen Werken zum Aus-
spruch und drückt auch seinem ausgezeichneten Selbst-
porträt den entscheidenden Stempel auf. Wie er hier seiner
eignen Seele nachgeht und ihre geheimsten Regungen auf-
spürt, um sie auf die Leinwand zu schreiben, ist unver-
gleichlich, und ebenso vertieft er sich in das innerste
Denken und Fühlen seiner andern Modelle, wie das herr-
liche Bildnis des feinen Iranisten Anatole France darthut.
Neben diesen beiden Porträts werden die besten Sachen
unserer gepriesensten Bildnismaler, mögen sie nun Boldini
oder Zorn, Whistler oder Sargent heissen, beinahe zu nur
äusserlichen Virtuositäten. karl euoen Schmidt.

NEKROLOGE

Berlin. Hier starb infolge eines langwierigen schmerz-
haften Nierenleidens am 16. Juni der Geheime Regierungsrat
Herman Grimm, der Sohn Wilhelm Grimm's, im 74. Lebens-
jahre. Das reiche Wirken des berühmten Gelehrten, der
bis vor wenigen Jahren als Professor der Kunstgeschichte
an der Universität Berlin eine höchst verdienstliche Thätig-
keit entfaltete, wird in diesem Blatte noch ausführlich ge-
würdigt werden. -r-

New York. Hier starb am 10. Juni im Alter von
74 Jahren der aus England eingewanderte, bekannte ameri-
kanische Maler Edward Moran. -r-

Wien. Hier starb am 14. Juni der Genremaler Fried-
rich Friedländer, Ritter von Malheini, 76 Jahre alt. *,*

DENKMÄLER

Berlin. Die Vorkonkurrenz für das Denkmal Richard
Wagner's im Tiergarten ist im Laufe dieses Monats ent-
schieden worden. Unter den mehr als 60 Entwürfen sind
von der Jury 10 ausgewählt worden, deren Verfasser zu
einem engeren Wettbewerb aufgefordert und mit je 1500 M.
entschädigt werden.

Die Jury bestand aus ungewöhnlich vielen Köpfen, und
sie war, was gewiss in einem solchen Fall noch unge-
wöhnlicher ist, international. Franzosen, Belgier und
Österreicher haben bei der Beurteilung mitgewirkt. Ob
das wirklich nötig war? Bedeutet es nicht unter allen
Umständen ein Armutszeugnis? Würde es denkbar sein,
dass zur Beurteilung eines Denkmals für einen Franzosen
in Paris z. B. ein Deutscher herangezogen würde?!

Allenfalls hätte man zur Entschuldigung darauf hin-
weisen können, dass nun, frei von allen menschlich ver-
zeihlichen Vorurteilen, lediglich nach grossen künstlerischen
Gesichtspunkten geurteilt werden würde. Das Ergebnis
aber erweckt diesen Eindruck nicht. Der Wettbewerb war
»anonym«. Allein jeder, der unser künstlerisches Leben
einigermassen kennt, ist ohne weiteres im stände, eine
ganze Anzahl der Künstler aus ihren Arbeiten zu erkennen.
Zum Überfluss wurden die Entwürfe in Räumen des Aus-
stellungshauses am Lehrter Bahnhof untergebracht, die
jedem fortwährend zugänglich sind, da sie — unglaub-
licherweise — zur Ausstellung selbst gehörende Bilder ent-
halten. Die Herzensgüte der Maler, die sich ein solches
Kaltstellen ihrer Arbeiten auf mehrere Wochen hinaus ge-
fallen lassen, verdient allgemeine Anerkennung.

Kurz, es war also von Anfang an ein öffentliches Ge-
heimnis, dass z. B. Hundrieser, Eberlein und Herter »mit-
machten«. Es wurde sogar in einzelnen Zeitungen erwähnt.
Weiter war es bekannt, das Herter mit zwei, der uner-
müdlich produzierende Eberlein aber sogar mit vier bis
fünf Entwürfen sich beteiligt hätten. — Dass solche Namen
bei Bildhauerkonkurrenzen im deutschen Vaterlande selten
oder nie überhört werden, weil eben auch die Beurteiler
sich anscheinend ihrem faszinierenden Klang nicht ganz zu
entziehen vermögen, weiss und wusste man ebenfalls. Und
wirklich, obwohl die Arbeiten dieser drei Künstler ent-
schieden nicht hervorragen, obwohl Hundrieser's Entwurf
recht unruhig, Herter's beide Arbeiten durchaus äusserlich
und konventionell und Eberlein's Schöpfungen ziemlich
hohl, schwülstig, und theaterhaft erscheinen, sind doch
diese drei Künstler unter den zur engeren Konkurrenz Ein-
geladenen.

Es muss einmal offen ausgesprochen werden, dass dies
vom künstlerischen Standpunkt schwer zu verstehen ist,
und zwar um so schwerer, weil es sehr leicht war, drei
hervorragendere Entwürfe zu finden. Selbst wenn man
von dem fein aufgebauten, wohl von Wrba-München her-
rührenden absieht, würde der aus Berlin stammende, mit
dem Motto: »Herr Walther von der Vogelweid, der ist
mein Meister gewesen« und der, vor dessen ganz schlicht
gehaltenem Postament Dichtkunst und Musik «ich ohne
jede Pose die Hand reichen, vor allen Dingen aber der
überhaupt alle Entwürfe an Ruhe und Schönheit der Kom-
position 'und Idee weit übertreffende, aus München stam-
mende, der das Motto: »Dem Wiedererwecker Walhalls«
trägt, einen Preis verdient haben. Es ist ganz unfasslich,
weshalb diese gute Arbeit hinter jenen, durchaus nicht
guten, zurückstehen musste!

Im übrigen wird man gegen die Entscheidung freilich
nichts einwenden können, wenn man bedenkt, dass es sich
immer nur um die relativ besten Entwürfe handeln kann.
Die Arbeiten von Wenck, Dammann und Frehse-Berlin,
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