Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Aus Venedig.

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Natur homogener gewesen als Dinge der bildenden
Kunst.

In Homer, Dante, Shakespeare und Goethe kon-
zentrierte sich für ihn die menschliche Kultur. Nach
dem Zusammenhang mit diesen Potenzen schätzte er
die Künstler. Michelangelo und Raphael sind gross
geworden, weil sie an Dante sich nährten. Venedig
steht darum tiefer in seiner Kunst als Florenz, weil
es zu Dante kein Verhältnis hatte. Im 19. Jahrhundert
ist Cornelius die überragende Persönlichkeit: »Lesen
Sie Dante«, war sein Mahnwort an alle jungen Künstler.
Für die blosse malerische Erscheinung konnte Grimm sich
nicht erwärmen, und die Kunstinteressen des endenden
1 Q.Jahrhunderts waren ihm darum imallgemeinenfremd,
so energisch er zu Zeiten für einzelne Erscheinungen
eintreten konnte, wie Böcklin, Burnand oder auch
Vilma Parlaghi. Die ganze Schwärmerei für die hol-
ländischen Maler schien ihm eine Modesache, der
einzige Rembrandt ausgenommen, den er mit Shake-
speare zusammenstellte und »der Potenz nach« für
den allergrössten Künstler zu halten geneigt war.
Rubens dagegen liess ihn gleichgültig.

Grimm war von einer grandiosen Unabhängigkeit
in seinen Meinungen und besass immer den Mut,
was er meinte, laut zu sagen. Jedem ist aufgefallen,
wie stark in seinen Arbeiten die Person des Autors
hervortritt, wie häufig der Zusammenhang einer Dar-
stellung unterbrochen wird, um ein rein persönliches
Erlebnis einzuschieben. Er war überzeugt, das per-
sönliche Erlebnis sei das wertvollste, was sich mitteilen
lasse bei einer Person von geistigem Rang. Allem
Vorhandenen gegenüber nimmt er, auch als Historiker,
das Recht in Anspruch, völlig subjektiv sein zu dürfen
in der Auswahl und Schätzung des Guten; auch der
momentane Einfall hat bei einem geistreichen Menschen
sein heiliges Recht, ausgesprochen zu werden. Es ist
wahr, Grimm hat — hier der typische Sprössling
der Romantik — von diesem Recht der Subjektivität
einen weitgehenden Gebrauch gemacht, allein wer ihn
deshalb tadelt, mag sich sagen, dass es doch immer
eigene Einfälle und originale Stimmungen gewesen
sind, die er aussprach, und dass eben dieser subjektive
Beisatz seinen Büchern eine Lebensdauer geben könnte,
wie sie für objektivere und wissenschaftlichere Arbeiten
nicht erhofft werden kann. Es Hesse sich denken, dass
seine Bücher noch Leser fänden, auch wenn ihr Gehalt
an thatsächlichen Mitteilungen längst für überwunden
gälte.

Nur von der Persönlichkeit aus kann man Per-
sönlichkeiten verstehen. Das sogenannte biographische
Quellenmaterial ist ein trügerisches . Mittel zur Er-
kenntnis. Mehr und mehr wird man dazu kommen,
all dies Äusserlich-Thatsächliche in seiner Halbwahr-
heit und Lückenhaftigkeit bei Seite zu lassen und die
grossen Persönlichkeiten nur aus dem Eindruck ihrer
Werke zu konstruieren.1)

Gegen alle Art unzusammenhängenden Detail-
wissens hatte Grimm die grösste Abneigung. Bücher

!) Für diese Qeneralthesen, die Grimm mit dem Alter
immer schärfer ausspricht, sei verwiesen auf Raphael,
3. Aufl., S. 292 und Homer's Ilias II, S. 382.

wie etwa Morelli's kritische Besprechungen der deut-
schen Galerien waren in seinen Augen keine wissen-
schaftlichen Bücher. Nur da sah er wissenschaftliche
Bildung, wo die Kunstgeschichte mitLitteraturgeschichte
und Philosophie sich paarte. Das allgemein Mensch-
liche zu erkennen, die grossen Zusammenhänge der
Kulturgeschichte, darauf komme es an. Nur der
Historiker nützt, der zugleich philosophischer Künst-
ler ist.«

Es giebt Leute, die ihm diese Meinungen übel
genommen haben. Er selber hat sich nicht schlecht
dabei befunden. Vor allem hat er das eine erreicht,
dass er an seiner Arbeit Freude behielt bis zum letzten
Augenblick, und diese Freude ist doch wohl das Re-
sultat einer innerlich zusammenhängenden Bildung
gewesen.

Er dachte nicht klein von seiner Aufgabe als
Schriftsteller. »Wenn Sie ein Buch schreiben wollen,
sagte er wohl, »so müssen Sie überzeugt sein, dass
eine Million von Lesern gespannt auf Sie wartet.«
Er lächelte natürlich dabei, aber bei aller seiner Arbeit
hat er die Wirkung ins Weite im Auge gehabt.

Für das, was er sagen wollte, stand ihm ein Stil
zu Gebote, den er seinen Stil nennen durfte. Er
schrieb leicht, aber das eigentliche Gepräge bekam
die Sprache erst während des Druckes. Grimm'sche
Druckbogen sollen die Verzweiflung des Setzers ge-
wesen sein. Fünf- bis siebenfache Korrekturen waren
nichts Aussergewöhnliches.1)

Gesprochen hat Grimm ganz anders als geschrieben.
Alle die Urteile, die in seiner Person den pathetischen
Ton als den Hauptton herausgehört haben, würden
vor dem Eindruck des lebendigen Menschen verstummt
sein. Da war so gar nichts von Pose und Manier.
: Fast dreissig Jahre lang hat er im akademischen Hör-
saal durch seine leichte gesprächsartige Rede die jungen
Leute entzückt, und vollends zu Hause gab er sich
in der einfachsten und liebenswürdigsten Weise. Die
feine Humanität seines Wesens kam da überhaupt
erst zur vollen Erscheinung, da lernte man auch erst
seinen unermüdlichen Humor kennen, den der Schrift-
steller so selten gezeigt hat, und vor allem die grosse
! Güte seines Herzens, die all denen, die sie erfahren
haben, sein Andenken unvergesslich machen wird.

Über die Bedeutung Herman Grimm's ein end-
gültiges Urteil zu fällen, dürfte jetzt wohl niemand
wagen. Weder die Kunstwissenschaft noch die Lit-
terarhistorie ist befugt, von sich aus ihm seinen Platz
anzuweisen. Er hat seine Stellung in der Geschichte
der allgemeinen deutschen Kultur. Es ist nicht aus-
zudenken, wie viele Leser er im Verlaufeines Menschen-
alters in den Kreis seiner Bildung hineingezogen hat.

AUS VENEDIG
Nach der Kenner Urteil bestätigt sich, dass das
vom Maler J. Bras in Oörz erworbene Gemälde ein wirk-
licher Tizian ist und zwar einer der allerschönsten aus

J) Eben deswegen hat Grimm bei Zeiten sich verbeten,
dass aus dem litterarischen Nachlass irgend etwas publi-
ziert werde. »Was von meinen Sachen etwas taugt, ist
immer erst im Druck gut geworden.«
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