Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Nekrologe. — Denkmäler.

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gültig lässt. Nur der lokalpatriotischen Kritik Mün-
chens bleibt es vorbehalten, hier selbst das dümmste
aller Orakel, die vox populi, anzurufen, um ein Ana-
thema gegen Max Klinger und seine bildnerischen
Werke loszulassen. Das »Volk« soll angeblich vor
diesem Marmorbilde kühl bleiben. Wer hat denn je
die Menge vor plastischen Werken schon in Feuer
geraten sehen, und was will das für Klinger und für
das Münchner Publikum besagen? Nur eins ist ge-
wiss, dass der Leipziger Meister hier nicht überall
Liebe findet, was sich Klinger und seine Freunde
allerdings als eine »berechtigte Eigentümlichkeit« des
deutschen Sonderlebens gelassen ansehen können.

Doch wozu der Eifer pro et contra. Die deutsche
Kunstkritik hat ja doch seit Muther definitiv die Rolle
des Impresario eingenommen, dem es nicht auf
Gründe und Gegengründe, sondern nur auf Beifall
und Erfolg beim Publikum ankommt. Wozu also
erklären, streiten und widersprechen! Vox populi
vox dei! - ARTUR WEESE.

NEKROLOGE

Berlin. Am 2. Oktober starb hier nach langen qual-
vollen Leiden der Bildhauer Hugo Rheinhold, der Schöpfer
des in der Nationalgalerie aufbewahrten herrlichen Mar-
morwerkes »Am Wege«. Es stellt ein am Fusse eines
Kruzifixes zusammengebrochenes schönes Weib dar, in
dessen Arm ein Kind ruht, und es ist eins der schönsten
und eindrucksvollsten plastischen Schätze, die unsere Na-
tionalgalerie besitzt. Wer es einmal gesehen wird es nicht
leicht wieder vergessen.

Diese Arbeit ist ausser einer mehr dekorativen Gruppe
»Das Dynamit im Dienste der Kultur«, die in einem Kauf-
hause zu Hamburg Aufstellung gefunden hat, und ausser
der in diesem Sommer auf der hiesigen Kunstausstellung
gezeigten anmutigen Brunnengruppe das einzige umfang-
reichere Werk, das der Künstler geschaffen. Denn der vor
einigen Jahren ebenfalls hier ausgestellte, mit Selbstmord-
gedanken sich tragende Römer, der sinnend das Schwert
betrachtet und die bedeutende Bezeichnung »ferrum sanat«
trägt, ist doch eigentlich nichts als eine Aktfigur, die nicht
entfernt das geworden, was sie werden sollte. Aber Rhein-
hold hat noch einige tüchtige Porträtbüsten und vor allem
einzelne reizvolle Kleinplastiken geschaffen, von denen der
einen Menschenschädel betrachtende Affe, der auf einem
Stapel Darwinscher Bücher thront und die Bezeichnung
»eritis sicut deus< trägt, sehr bekannt geworden und weit
verbreitet ist. Es ist in der That ein Kabinettstück über-
legenen Humors, eine von den überaus reichen Ideen,
die dem geistvollen Künstler zu Gebote standen, von denen
er aber verhältnismässig wenige ausgeführt hat. —

Und jenes einzige »Am Wege« wird genügen, seinen
Namen dauernd gefeiert zu machen. Ihm war nur eine
kurze Laufbahn als Künstler beschieden. Zu Oberlahnstein
■853 geboren, wandte er sich zuerst dem Kaufmannsstande
zu, ging, um ein Vermögen zu erwerben, nach Amerika,
heiratete, zurückgekehrt, das schöne Mädchen, um derent-
willen er im fernen Land seine Kraft bethätigt hatte, und
gründete in Hamburg ein Handelsgeschäft. Allein schon
nach einem Jahre glücklichster Ehe entriss ihm der Tod
die geliebte Frau, er gab sein Geschäft auf und ging bei-
nahe gebrochen nach Berlin, um Philosophie zu studieren.
Erst 1886, also erst im 34. Lebensjahre, wandte er sich
der Kunst zu, studierte von 1888—1892 auf der Berliner

Hochschule und errang 1896 seinen ersten und grössten
künstlerischen Erfolg mit jenem Werk »Am Wege«. —
Hugo Rheinhold war Künstler vom Scheitel bis zur Sohle,
er war auch ein Künstler des Lebens, ein grosser, edler
Mensch. — P. w.

DENKMÄLER

Kiel. Im Laufe des Sommers ist zu den beiden kurz
nacheinander hier errichteten plastischen Werken als drittes
das Denkmal Herzog Friedrichs von Augustenburg von Jens
Christensen hinzugekommen, das im Marienhein am Düstern-
brooker Weg (gegenüber der neuen Badeanstalt und dem Ge-
bäude des Yachtklubs) im Beisein der Kaiserin enthüllt wurde.
Die Raumverhältnisse sind diesmal sehr befriedigend gelöst,
indem die ganze Anlage sich in ihrem architektonischen
Aufbau dem Platz und seiner Umgebung harmonisch ein-
fügt. In der Idee entspricht das Rondeel mit den beiden
Schlusssteinen rechts und links der halbrunden Anordnung
der Fürstenstandbilder in der Berliner Siegesallee. Die
zwei Eckpfeiler der halbrunden Granitmauer tragen die
ehernen Schilde des schleswig-holsteinischen Wappens,
während die Rückwand der halbkreisförmigen Granitmauer
in fünf Felder eingeteilt ist. Diese enthalten bronzene
Medaillons mit je zwei Doppelporträtreliefs von Männern,
die vorzugsweise an der politischen Erhebung mitgewirkt
haben. Das beste ist das Profildoppelbildnis von Dahl-
mann und Falck; es folgen dann: Reventlou und Beseler,
Uwe Jens Bornsen und Theodor Ohlshausen, Franke und
Samver und die beiden Generale v. d. Tann und Bonin.
Sämtliche Gesichter sind nach alten Porträts oder Guerreo-
typien gearbeitet und bekunden ein unter den Umständen
und Schwierigkeiten bemerkenswertes Talent, lebendig zu
charakterisieren. Die stehende Hauptfigur des Herzogs
ist durchaus vornehm gehalten und frei von Pose im ge-
wöhnlichen Sinne; der Blick ist frei und kühn zugleich und
das Ganze hat mehr etwas allgemein Menschliches als
offiziell Fürstliches und »Repräsentatives« an sich: es ist
der Typus des vollkommenen Gentleman, der hier zum
Ausdruck kommt. Man kann einer derartigen Auffassung
von Fürstendenkmälern gerne und voll überzeugt bei-
stimmen, denn sie erfüllen ihre künstlerische, ihre ethische
und ihre historische Bestimmung gleichzeitig, ohne — was
so leicht sonst unbemerkt oder auch sehr bemerkbar sich
vordrängt — zu beschönigen, zu schmeicheln oder zu
übertreiben im Sinne des gesucht »Bedeutenden«. Dieser
Vorzug zeichnet das Werk Christensen's aus, wodurch
eine bedeutungstiefe Periode der deutschen Entwicklung
ein würdiges, ansprechendes und dauerndes Erinnerungs-
zeichen erhalten hat. Der noch jugendliche Künstler hat
eine von mancherlei Hindernissen und Wechselfällen unter-
brochene Laufbahn hinter sich und man darf ihm zu
seinem ersten grösseren Erfolg Glück wünschen. Jeremias
Christensen wurde am 26. März 185g in dem damals
dänischen Kirchdorf Tingleff geboren, war nacheinander
Küsterschüler, Kuhjunge, Uhrmacher, Korbmacher und
Klempner. Alle diese Handwerke musste er aber eines
körperlichen Gebrechens wegen wieder aufgeben und
kam endlich (auf Veranlassung des Predigers Johannsen
in Tingleff) in die Holzschnitzschule nach Schleswig, wo
Magnussen (der Vater des Bildhauers) ihn unentgeltlich
ausbildete und unterstützte. Für sein erstes Werk (den
guten Hirten«) erhielt Christensen 1879 eine silberne Me-
daille. Sein Versuch, bei der Kunstgewerbeschule in Ham-
burg anzukommen, ebenso wie seine weitere Ausbildung
durch die kgl. Regierung zu erlangen, schlug fehl und so
wandte sich Christensen nach Kopenhagen, wo er Thor-
waldsen auf sich wirken liess. Schliesslich konnte er die
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