Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

HERAUSGEBER:

Dr. Max Gg. Zimmermann

UNIVERSITÄTSPROFESSOR

Verlag von E. a. SEEMANN in Leipzig, Gartenstrasse 15

Neue Folge. XII. Jahrgang. 1900/

[901. Nr. 11. 3. Januar.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
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stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

D. PFENNING UND DER tucheraltar
zu NÜRNBERG
Von Dr. S. Grafen Pückler-Limpurg.

Wohl die eigenartigste Persönlichkeit der Nürn-
berger Malerei vor Dürer tritt uns in dem Tucher-
altar und den ihm verwandten Werken entgegen.
Henry Thode hat bekanntlich für sie einen Namen
gefunden, der auf einem Kreuzigungsbilde zu Wien
zu lesen ist: D. Pfenning. Allein bei keinem anderen
Künstler stellt er so viele unbeantwortete Fragen über

Wir haben also hier, wie übrigens Vischer (Studien
z. Kunstgeschichte, p. 477) richtig bemerkte, einen
Typus von ausgeprägter Eigenart vor uns, der ent-
schieden dem bayrisch-österreichischen Kunstgebiet an-
gehört. Und Riehl (Studien zur Geschichte der bayr.
Malerei im 15. Jahrhundert. München, 1896), der
leider das Pfenningbild nicht berücksichtigt, stellt
weiter fest, dass diesem Typus ein älterer gegenüber-
stehe, der uns vor allem in der Fürstätter Kreuzigung
im Nationalmuseum entgegentritt. Woher dieser letztere
stammt, lässt sich leicht sagen; ein Blick auf den im

Herkunft und Lebenszeit, lässt er so viele ungelöste
Probleme übrig, als gerade bei diesem. Und ich
glaube auch in der That, sie lassen sich niemals lösen,
solange wir an dem Namen Pfenning festhalten.

Ist dies aber zulässig? Schon Thode sagt, ein
Maler Pfenning sei in den Nürnberger Künstlerlisten
nicht zu finden; und wie mir Herr Kreisarchivar
Dr. Bauch mitzuteilen die Freundlichkeit hatte, ist
nicht einmal eine Bürgerfamilie dieses Namens dort
nachweisbar. Damit ist freilich nur ein negatives
Indicium gegeben; allein es lässt sich auch nach-
weisen, dass Pfenning ganz anderer Herkunft sein
muss.

Als kürzlich die, von der Litteratur schon mehr-
fach erwähnte, allein noch wenig beachtete Kreuzigung
von Alt-Mühldorf zur Restaurierung nach München
kam, wurde hier sofort ihre auffallende Übereinstimmung
mit dem Pfenning-Bilde bemerkt. Nicht als ob
man an die gleiche Hand gedacht hätte — allein
die Kompositionsweise des Bildes ist vollkommen
übereinstimmend. Beide Male, nah an das Kreuz
Christi herangerückt, die beiden Schächerkreuze mit
den daranhängenden fratzenhaften Gestalten, beide Male
dasselbe unübersichtliche Gewühl von Zuschauern, die
zahlreichen in die Luft starrenden Fahnen und Spiesse,
die links vorne zusammengedrängte Frauengruppe,
endlich die Anwesenheit mehrerer Berittener, mit deren
Pferden höchst ungeschickte Versuche perspektivischer
Wirkung gemacht werden. Interessanter Weise be-
findet sich in Törrwang bei Rosenheim ein drittes
Bild, auf welches alles hier Gesagte völlig passt.

selben Saale aufgestellten Bamberger Altar des so-
genannten Meister Berthold zeigt deutlich, dass er mit
dem gleichzeitigen Nürnberger völlig identisch ist.

Charakteristisch für diesen älteren Typus ist das
Fehlen der Schächer, die Teilung der Zuschauer in
zwei nicht allzu zahlreiche Gruppen, wodurch das
Kreuz Christi völlig alleinsteht, auch die Figur des
gläubigen Hauptmanns in einer hermelingesäumten
Spitzen-Pupurmütze auf der rechten Seite. Natürlich
finden sich Abweichungen. Gerade auf einem von
Thode dem Pfenning zugeschriebenen Altare der
Johannis-Kirche in Nürnberg sind die Schächer mit
dargestellt; allein sonst zeigt er die zweite Darstellungs-
weise, selbst der Hauptmann in der spitzen Mütze ist
darauf zu sehen. Ja selbst die Kreuzigungen Pleyden-
wurff's halten noch an ihren Hauptzügen, vor allem
an der Zweiteilung, fest, und Wolgemut kehrt im
Hofer Altar von 1465 ganz zu dem alten Schema
zurück.

Von Nürnberg kann also das 1449 gemalte
Wiener Bild nicht abhängig sein; es bekundet viel-
mehr eine deutliche Abkehr seiner Schule von der
Nürnberger Kunstweise. Vischer spricht bei ver-
wandten Bildern gerne von Giotto, Sienesen und
anderen Italienern. Ich bin hingegen sehr misstrauisch
geworden, zumal seit sich die vielberufenen giottesken
Züge des Sterzinger Altares als Übermalungen aus
dem 18. Jahrhundert erwiesen. Allein einen Namen
glaube ich mit gutem Gewissen annehmen zu können:
Pisanello. Gerade die Anbringung der Pferde und ihre
Verwendung zur Raumvertiefung scheint mir von ihm
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