Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Jodocus Vydt am Genter Altar. Wie Voll dazu kommt,
dem Modell eine besonders »ungefüge Gestalt« der
Nase zuzuschreiben, die der Zeichner nicht über-
zeugend genug wiederzugeben vermochte, verstehe
ich nicht. Die Nase sitzt im übrigen nicht sicherer
und nicht wackliger im Gesicht, als bei anderen Por-
träts, z. B. gerade dem von Voll zum Vergleich heran-
gezogenen Kardinal della Croce. Die Unbeholfenheit
in der Wiedergabe der Hände ist unleugbar. Dass
ein Experimentator, wie Eyck, gelegentlich an zeich-
nerischen Problemen Schiffbruch litt, darf nicht ver-
wundern. Er vermeidet sie in vielen Fällen sogar
absichtlich und verfügt, was die Sprache der Hände
im besondern anlangt, über keinen allzugrossen Reich-
tum von Motiven, mit denen er sorgsam Haus hält.
Sein Auge haftete überhaupt — das wird man immer
deutlicher erkennen, je länger man sich mit dem Stu-
dium seiner Werke abgiebt — mehr an der malerischen
Oberfläche der Dinge, die er mit mikroskopischer
Treue im einzelnen wiederzugeben trachtete. Verstösse
gegen Proportion und Struktur einzelner Körperteile
gehören keineswegs zu den Seltenheiten: ich erinnere
an den Kopf des Kanonikus Pala in Brügge, an die
Hände des Jodocus Vydt.

Man sollte sich endlich darüber klar werden, dass
das Ziel kunstwissenschaftlicher Bemühung nicht ur-
teilslose Bewunderung, sondern psychologische Er-
kenntnis der einzelnen Meister ist. Wer den Begriff
Meisterschaft mit Unfehlbarkeit identifiziert, wird leicht
zu historischen Fehlschlüssen kommen. Die Erklärung
von Eigenschaften, die unserem heutigen Blick fehler-
haft erscheinen, zur Zeit der Entstehung aber keines-
wegs als Alängel aufgefasst wurden und vielleicht
kommenden Generationen als Vorzüge gelten werden,
darf nicht »aus Pietät« unterbleiben oder in bewun-
dernden Beiwörtern versinken. Der ästhetische Mass-
stab allein reicht höchstens für eine Dimension alter
Kunstwerke aus; sie ganz zu erfassen und zu ver-
stehen, kann man niemals historischer Anpassung des
Urteils entraten. Diese lehrt uns, dass Jan van
Eyck als Riese über seine künstlerischen Zeitgenossen
hervorragt, dass seine Art, zu sehen und zu malen,
trotzdem keineswegs die Quellen der zeitgenössischen,
d. h. mittelalterlichen Bildung verleugnet. Wenn
geniale Intuition ihm über verschiedene Klippen eines
neuen, durchaus experimentellen Verfahrens hinweg-
half, darf daraus nicht gefolgert werden, dass diese
Regel keine Ausnahme duldet.

Soweit spezifisch malerische Qualitäten in Frage
kommen, würde man allerdings ein Mindestmass für
Schöpfungen seiner Hand feststellen können. Worin
besteht nun das kalte, unharmonische Kolorit, das
Voll an dem Berliner Porträt tadelt? Dass die Kar-
nation etwas weniger warm, als in anderen Bildnissen
ist, liegt meines Erachtens daran, dass Eyck hier
einen Stubenhocker vor sich hatte, dessen Wangen
das Alter gebleicht hat. Der Leibrock des Mannes
mag ebenfalls etwas verschossen gewesen sein. Da-
mit ist aber so ziemlich alles erschöpft, was VolPs
Vorwurf berechtigt erscheinen lassen könnte. Im
übrigen ist das Ganze so vortrefflich zusammen-

gestimmt, die Einzelheiten mit so verblüffender Natur-
wahrheit gegeben — man betrachte darauf hin z. B.
die Augäpfel und Fingernägel, die Bartstoppeln und
Runzeln, oder das Pelzwerk am Kragen des Rocks

— dass sich schlechterdings nur Werke Jan's damit
vergleichen lassen. Wie trostlos verflacht und ver-
zerrt nimmt sich z. B. die Kopie des Kölnischen
Sippenmeisters (Kaemmerer, p. 61) daneben aus! Und,
da man Künstleraugen mit Recht grösseren Scharf-
blick für Qualitäten nachrühmt als Kunsthistorikern,

— hätte ein so trockenes, zeichnerisch verfehltes Mach-
werk, wie Voll das Berliner Bild nennt, einen Gaillard
zu seiner Meisterleistung der Reproduktion inspirieren
können? (Vgl. Zeitschr. f. b. K. IX, p. 192.)

Ich bin mir durchaus darüber klar, dass hier nicht
überzeugt, sondern nur überredet werden kann; aber
nur das Bewusstsein, für eine gute Sache einzutreten,
macht beredt. Die advokatorische Spitzfindigkeit, die
Voll's Ausführungen an dieser, wie auch an einigen
anderen Stellen seines Buches kennzeichnet, behält für
meinen Geschmack etwas Gequältes. Der Versuch,
künstlerische Anschauung in Gefühls- und Verstandes-
werte zu zerlegen, führt allzuleicht auf die Abwege
der Abstraktion, die Voll nicht immer vermieden hat.
Es wäre unbillig, an seinem guten Glauben zu
zweifeln, aber die Wunder, die dieser Glaube be-
wirkt, sind oft mehr verwunderlich als bewun-
dernswert. Ein Verdienst indes ist dem kritischen
Verfasser der Eyckstudien nicht abzusprechen: er
hat das nahezu im Absterben begriffene wissen-
schaftliche Interesse an den Fragen der Eyckforschung
energisch aufgerüttelt, und, wenn sein Buch keinen
anderen Nutzen stiften sollte, als den bisherigen
Wahlspruch auf diesem Gebiete: »quieta non movere«
in das Fridericianische: »toujours en vedette« zu ver-
wandeln, so würde ein solcher Erfolg die Arbeit, die
er daran gewandt, schon reichlich lohnen.

Im Juli 1900.

LUDWIG KAEMMERER.

NEKROLOGE

Düsseldorf. Im Alter von fast 66 Jahren starb hier am
22. Oktober der Maler Anders Momsen Askevold, ein ge-
borener Norweger, der zuerst in den fünfziger Jahren nach
hier kam und sich bei Hans Oude bildete. Seit 1866 hatte
er seinen Wohnsitz ständig in Düsseldorf. Von seinen
Bildern ist am bekanntesten der »Abschied von der Senne«,
den Kaiser Wilhelm I. auf einer Berliner Ausstellung er-
warb, -r-

Wien. Der Landschafts- und Tiermaler Gustav Ran-
zow, ein Bruder des Kunstschriftstellers Emerich Ranzoni,
und besonders bekannt durch sein in der Galerie der hie-
sigen Akademie befindliches Bild »Vor dem Gewitter«, ist
hier am 21. Oktober, 75 Jahre alt, gestorben.

* *


Paris. Hier starb, 95 Jahre alt, der Historienmaler
Auguste Pichon, einer der letzten Schüler von Ingres. Seine
Historienbilder sind im klassischen Stil des ersten Viertels
des iq. Jahrhunderts gehalten. Besser sind seine Por-
träts, unter denen das des Königs Louis Philippe s. Z. viel
gerühmt wurde. □
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