Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

HERAUSGEBER:

Dr. Max Gg. Zimmermann

UNIVERSITÄTSPROFESSOR

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Gartenstrasse 15

Neue Folge. xii. Jahrgang.

1900/1901.

Nr. 14. 31. Januar.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
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stein 8t Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

römische korrespondenzen

Rom. Durch einen höchst merkwürdigen Fund auf dem
Forum Romanum hat die unter S. Maria Liberatrice frei-
gelegte -Basilika nun auch einen Namen erhalten. Schon
im Jahre 1897 hatte Abbe Duchesne in den Melanges
d'Archeologie eine Studie veröffentlicht, die er S. Maria
Antiqua betitelte und in welcher er mit allem Nachdruck
gegen Lanciani und Grisar die Hypothese aufstellte, die
Kirche S. Maria Antiqua, welche schon im 8. Jahr-
hundert verschiedentlich erwähnt wird, sei unter S. Maria
Nuova zu suchen, heute S. Francesca Romana genannt.
Auch als in der Kapelle der Hh. Quirico und Giulitta die
Inschrift entdeckt wurde, welche den Stifter der Kapelle
als »dispensator Sanctae Dei Genetricis semperque Virgo
Maria qui appellatur Antiqua« bezeichnete, Hess Duchesne
seine Behauptung nicht fallen, und der Autorität des
Herausgebers des Liber Pontificalis sind zahlreiche christ-
liche Archäologen gefolgt. Nun wurde eben ein neues
Monument dem Schoss der Erde entrissen, welches für
alie Zeit der neu entdeckten Basilika den Namen S. Maria
Antiqua zuerteilt. Man ist eben im Begriff, den Mosaik-
fussboden in Apsis und Querschiff der Basilika bloss zu
legen, und es war bei dieser Gelegenheit, dass sich eine
etwa handbreite oktogonale Marmorplatte fand, um deren
Rand herum in wohl erhaltenen Lettern die Worte ge-
schrieben stehen:

+ iohannes servvs scae mariae
+ jqannot aovaot thc ©eqtokov

Die lateinische Inschrift ist zu interpretieren: Johann,
der Knecht der h. Maria (schenkte); die griechische In-
schrift ist zu verstehen: (Geschenk) des Johannes des
Knechtes der Mutter Gottes. Man fragt nun sofort, wer
ist dieser Johannes, und welcher Zeit gehört die Inschrift
an. Die Antwort lautet, dem 8. Jahrhundert! und der
Beweis für diese Bestimmung ist nicht schwer zu erbringen,
da wir noch heute in den Vatikanischen Grotten eine ganz
ähnliche, auf denselben Johannes bezügliche, in gleichem
Duktus geführte Inschrift besitzen, welche sich hier auf
die berühmte Kapelle der Gottesmutter in St. Peter bezog,
die Papst Johann VII. erbaut und mit den herrlichsten
Mosaiken geschmückt hatte. In den Vatikanischen Grotten,
S. Maria in Cosmedin, im Lateranischen Museum und in
S. Marco zu Florenz haben sich noch heute Fragmente
dieser Mosaiken erhalten. Der Liber Pontificalis, welcher
im Leben Johann's VII. (Papst von 705—707) die Errich-

tung des Oratoriums in Sl. Peter rühmend erwähnt, weiss
aber auch noch von anderen Wohlthaten zu berichten, die
Johann VII. den Kirchen Roms erwiesen hat: »Basiiicam
itaque sanctae dei genetricis«, heisst es hier, »qui Antiqua
vocatur pictura decoravit illicque ambonem noviter fecit et
super eandem ecclesiam episcopium quantum a se con-
struere maluit, illicque pontificati sui tempus vitam fini-
vit.« (Ed. Mommsen I, p. 21g; Duchesne 1, p. 385.) Nun
hat man schon früher als die Inschrift in der Kapelle der
Hh. Quirico und Giulitta, in der Nähe der Apsis eine
andere Inschrift gefunden, welche bezeugt, dass die Basi-
lika der Gottesmutter zu Ehren errichtet war. Die In-
schrift auf der Marmorplatte bringt nun den Namen Jo-
hann's VII. mit dieser Basilika in Verbindung; ja die eigen-
tümliche Form dieser Platte lässt uns sofort erkennen,
dass wir hier ein Fragment des Ambo besitzen, den Jo-
hann VII. in den Jahren 705—707 nach S. Maria Antiqua
gestiftet hat. Damit ist denn endlich erwiesen, dass Lan-
ciani und Grisar recht hatten, als sie für die Kirche unter
S. Maria Liberatrice den Namen S. Maria Antiqua in An-
spruch nahmen. In diese Basilika aber hat Johann VII.
nicht nur den Ambo gestiftet; hier hat er auch Gemälde
ausführen lassen und über der Kirche den bischöflichen
Palast errichtet, in dem er selbst sein Leben beschlossen
hat. Man sieht, wie einzigartig die Bedeutung dieses
Ruinenkomplexes ist. Denn nicht nur Johann VII. und,
wie wir früher sahen, Papst Zacharias haben hier Spuren
ihrer Kunstthätigkeit hinterlassen. Auch spätere Päpste
nach Leo III. (795-816), Leo IV. (847—855), Benedict III.
(855—858) und vor allem Nicolaus I. (858—867) haben
S. Maria Antiqua ihr Interesse zugewandt. Ja, von letzterem
heisst es, er habe die von Leo IV. restaurierte Kirche aufs
schönste und mannigfachste mit Farben ausmalen lassen.
Wir können also in der Geschichte der Freskomalerei in
S. Maria Antiqua schon jetzt vier Perioden unterscheiden,
welche die Regierungszeit von Johann VII. (705—707), von
Zacharias (741—752), von Paul I. (757—767) und endlich
von Nicolaus I. (858—867) umfassen. e. st.

Die Engelsburg ist bisher ein Schmerzenskind der
Archäologen, Geschichts- und Kunstgeschichtsforscher ge-
wesen. Bis 1870 konnte keine Rede davon sein, den
unzähligen wissenschaftlichen Fragen näherzutreten, welche
die moles Hadriana, das Kastell der Päpste, bei seiner Be-
trachtung erstehen lässt. Seit der Errichtung des National-
staates und der Erklärung der Engelsburg zum raonu-
mento nazionale sind viele ihrer Teile in Stand gesetzt
und der Forschung und Besichtigung erschlossen, so die
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