Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

HERAUSGEBER:

Dr. Max Gg. Zimmermann

universitätsprofessor
Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Gartenstr. 15 und Berlin SW., Dessauerstr. 13

Neue Folge. XII. Jahrgang.

1900/1901.

Nr. 30. 27. Juni.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum «Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haasen-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

Die nächste Nummer (31) der Kunstchronik erscheint am 18. Juli.

DIE AUSSTELLUNG DER DARMSTADTER
KÜNSTLER-KOLONIE

Von Ernst Polaczek-Strassburo

Plakate haben insgemein den Zweck, aufmerksam
zu machen, anzulocken. Was jedoch von den Darm-
städter Künstlern für ihre Ausstellung, für das »Doku-
ment deutscher Kunst«, wie sie sie seltsam genug
nennen, an Plakaten gezeichnet worden ist, dient offen-
bar anderen Absichten. Sie locken nicht an, sondern
sie schrecken ab; sie bereiten nicht auf eine Dar-
bietung von Kunstwerken, sondern auf Bizarrerieen
schlimmster Art vor, und es ist ein Glück, dass der-
gleichen Erwartungen von der Ausstellung selbst in
der Hauptsache enttäuscht werden.

Freilich, des Ungewöhnlichen bietet das Darm-
städter Dokument eine Menge. Ungewöhnlich ist
seine Entstehung, ungewöhnlich sind die Mittel und
ungewöhnlich auch die Zwecke der Veranstaltung.
Sieben Künstler verschiedenster Herkunft — irren wir
nicht, so ist nur ein einziges Landeskind unter ihnen —
haben sich auf den Ruf des Grossherzogs zu freiem
Schaffen in der hessischen Hauptstadt, auf einem künstle-
risch bisher gewiss nicht übermässig produktiven Boden,
vereinigt. Es handelt sich also um eine Kolonie im
eigentlichsten Sinne des Wortes. Wahrlich, der Ge-
danke ist schön, und die Erinnerung an altitalienische
Fürstenhöfe taucht sofort auf. Aber der Vergleich
ist doch nur teilweise zutreffend, und auch München
und König Ludwig I. bieten keine vollständige Analogie.
In Darmstadt ist das Verhältnis der Künstler zu dem
Fürsten ein vollkommen freies, es handelt sich
auch keineswegs um Kunst mit patriotisch - dynas-
tischen Nebenabsichten, und die erste Aufgabe, die
sich die Kolonie als solche stellte, ist vollkommen
modern, zu keiner anderen Zeit denkbar: Jeder der
sieben Künstler sollte sich — dieser Gedanke ist
offenbar unter dem Einflüsse des seit wenigen Jahren
so intensiv gewordenen Interesses an der »Nutzkunst«
entstanden — nach seinem persönlichen Geschmacke

und nach seinen persönlichen Bedürfnissen ein Heim
erbauen und bis ins letzte Detail künstlerisch durch-
bilden. Der Wiener Josef Olbrich, ein Schüler
Otto Wagner's, übernahm, als der einzige Architekt
unter den Sieben, die räumliche Anordnung des
Ganzen auf der Mathildenhöhe, einem prächtigen
Parke mit uraltem Baumbestand; ihm fiel auch sonst
der architektonische Teil der Aufgabe zu, und so
erklärt es sich leicht, dass man ihn allzu oft als den
eigentlichen Schöpfer des Werkes bezeichnete. Der ur-
sprüngliche Gedanke ist schliesslich nicht in voller Rein-
heit und auch nicht seinem ganzen Umfange nach ver-
wirklicht worden. Es versteht sich, dass der Ent-
schluss, die Künstlerhäuser auszustellen, auf ihre Aus-
gestaltung von stärkstem Einfluss war, und einer der
Sieben, Christiansen, giebt auch im Kataloge seines
Hauses ganz offen zu, dass sein Haus grösser und
reicher geworden sei, als er selbst es sich erträumt:
»Die Ausstellung war schuld daran, da möglichst
viele Techniken und diese möglichst reich gezeigt
werden sollten.« Statt der sieben Künstlerhäuser sind
nur vier erbaut worden; dafür haben sich ihnen zwei
Villen für Nichtkünstler und zwei verkäufliche —
also nicht für bestimmte Besitzer-Individualitäten er-
richtete — Häuser hinzugesellt. Der Grossherzog
stellte den Kolonisten ein Ateliergebäude, das Ernst
Ludwig-Haus, zur Verfügung, und ausserdem entstand
noch eine Anzahl provisorischer Bauten, die mit der
Ausstellung wieder verschwinden sollen: Ein »Ge-
bäude für Flächenkunst«, das heisst wohl, falls wir
richtig aus dem Symbolischen ins Gemeinverständ-
liche übersetzen, für Malerei, ein »Spielhaus«, ein
»Haus der Blumen«, ein Restaurant u. a. m. Wohl-
thuend berührt es, insbesondere wenn man an die
Pariser Ausstellung des Vorjahres zurückdenkt, dass
alle diese provisorischen Bauten auch wirklich den
Charakter des Provisorischen an sich tragen. Nirgends
ist versucht worden, dem Holz, aus dem sie erbaut
sind, das Ansehen eines anderen, kostbareren Materials
zu geben. Die Gesamtsituation ist von Olbrich ohne
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