Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Personalien.

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schon etwas zu oft gesehenes Rezept wiederholt:
eine in faltenreichem roten Gewand gekleidete Ge-
stalt im Fichtenwflde, von dem nur die von der
Abendsonne beleuchteten Stämme zu sehen sind. Aus-
gezeichnet in der Stimmung sind die beiden Dorf-
bilder bei Mondschein, während in den »Pappeln in
der Abendsonne« und besonders bei den »Spiege-
lungen« genannten Bäumen am Bach die Manier
Martin's fast ad absurdum geführt ist, dergestalt, dass
man bei dem letztgenannten Gemälde das Gefühl
hat, sich einem Bilderrätsel gegenüber zu finden,
dessen Lösung erst nach einigem Schwanken klar
wird. Ganz ausgezeichnet sind sechs Bilder von Fritz
Thaulow, besonders die beiden Skizzen mit dem zur
Hälfte zugefrorenen Flusse, in dessen Wasser sich
die roten Häuser spiegeln. Auf diesem Gebiet ist
Thaulow so sehr unbestrittener Meister, dass neben
ihm überhaupt kein anderer Künstler genannt werden
kann. So fällt Emile Claus, der ein sehr tüchtiger
Landschafter ist, mit seinen Winterlandschaften neben
Thaulow etwas ab. Aman-Jean bringt wie immer
die nämliche Frauenbüste in seltsamer Stellung, bald
blau, bald rot, gelb oder grün drapiert, und setzt mit
dem bunten Gewände einen ebenso entschieden ge-
färbten See, Himmel oder Wald in Gegensatz. Es
ist das ein tric, der dem Maler immer gelingt und seine
Arbeiten stets angenehm harmonisch und interessant
macht, aber auf die Dauer trübt diese ewige Wieder-
holung desselben Kunstgriffes ermüdend. Charles
Cottet hat von Claude Monet gelernt, das nämliche
Motiv ein Dutzend Mal darzustellen. Monet malt
dieselbe Ansicht zu verschiedenen Tageszeiten, Cottet
setzt sie wie ein transponierender Musiker aus einer
Tonart in die andere um. Dieses Mal bringt er den
Hafen von Camaret mit einem halben Dutzend
Fischerbooten, einmal grau, dann gelb, dann rot, blau,
violett, grün u. s. w. Das ist alles mit grosser
Meisterschaft gemacht, berührt aber doch etwas sonder-
bar. Walter Gay bringt eine Anzahl hübsche Interieurs,
Georges Griveau hat ausser einigen weniger guten
Landschaften ein sehr feines Mädchenporträt, worauf
sich das matte Rosa des Kleides von einer silber-
grauen Luft und bronzebraunem Gebüsch abhebt.
Gaston La Touche ist ein bezaubernder Meister der
Farbe, der sich immer mehr Anerkennung erringt
und bald zu den bekanntesten französischen Malern
der Gegenwart gehören dürfte. Seine Parkansichten
sind ebenso poetisch wie die Werke Watteau's, und
er erinnert in mehr als einem Punkte an diesen
überaus graziösen und liebenswürdigen Künstler. Le
Sidaner, der in der Pünktchenmanier Martin's arbeitet,
schwelgt in sanften Dämmerstimmungen, deren poe-
tischen Reiz er ausgezeichnet wiedergiebt, Rene
Menard ist mit mehreren seiner ausserordentlich wohl-
thuenden Farbengedichte vertreten, und Luden Simon
bringt ausser einigen Studienköpfen und Cirkusbildern
aus der Bretagne, wie er uns deren schon mehrere
gezeigt hat, eine ganz famose Schulprüfung, wobei
die geistlichen Herren und sonstigen Examinatoren mit
einer Schärfe charakterisiert sind, die an Daumier er-
innert.

In einem anderen Saale bei Georges Petit hat der
bekannte Maler Ciairin einige sechzig Ölgemälde ver-
einigt. Das ist ein schauderhafter Zuckerbäcker und
Chromofabrikant, dessen gemeine Phantasie von ge-
wöhnlicher Technik bedient wird. Es ist ein Glück
für die jüngeren Himmelsstürmer, dass dieser Priester
der Banalität von Zeit zu Zeit Ausstellungen veran-
staltet. Wenn man von Ciairin kommt, findet man
die wildesten Auswüchse der Modernen schön und
gut. Maufra, der bei Durand-Ruel ausstellt, profitiert
also von dem Eindrucke, den uns Ciairin hinter-
lassen hat, obgleich wir trotzdem nicht unterlassen
wollen, einiges an seinen Bildern auszusetzen. Die
allerjüngsten Impressionisten sind keine grossen
Dichter wie Claude Monet und haben ihm nur ab-
gelernt, was sich überhaupt ablernen lässt: Das Räus-
pern und Spucken. Aber sie spucken und räuspern
doch nicht ganz so wie der Meister. Maufra hat da
verschiedene Landschaften, worauf es weder Luft noch
Erde, noch Wasser noch Bäume giebt, sondern alles
ist aus derselben schwerfälligen Masse gebildet, die
mehr nach Pappe als nach sonst irgend etwas aus-
sieht. Indessen muss anerkannt werden, dass Maufra
sich in anderen Bildern als begeisterter Naturschilderer
und Dichter zeigt, obgleich er selbst in seinen besten
Sachen hinter den guten Arbeiten Monet's zurück-
bleibt.

Die kleine Ausstellung von Zeichnern, Bildhauern
und Kunsthandwerkern bei Hessele bleibt bedeutend
hinter den Erwartungen zurück, die man beim Be-
j treten einer Ausstellung dieser rührigen Firma zu
| hegen pflegt. Jedenfalls wird die hier am 1. April
beginnende Ausstellung der Radierer höchst inter-
essant werden und uns für die bei der gegenwärtigen
Ausstellung empfundene Enttäuschung entschädigen.
Als Kuriosum erwähne ich noch, dass in der Rue
du Colisee eine Kunstausstellung eröffnet ist, wobei
sämtliche Aussteller Eisenbahnbeamte sind. Freilich
ist fast alles Mittelgut und Amateurware, was da ge-
zeigt wird, aber die Sache verdient doch Erwähnung,
sei es auch nur um zu zeigen, wie die Liebe zur
Kunst allenthalben im französischen Volke gepflegt
wird. In keinem anderen Lande der Welt dürfte wohl
etwas Ähnliches zu Stande zu bringen sein wie diese
Kunstausstellung der französischen Eisenbahnbeamten.
In Frankreich ist eben jedermann mehr oder weniger
Künstler, und nirgends findet man so viel Kunstver-
verständnis im grossen Publikum wie hier.

K. E. SCHMIDT.

PERSONALIEN

Charlottenburg. Professor Ludwig Dettmann-C\\&x-
lottenburg hat einen Ruf als Direktor und Professor Olof
Jernberg-D\KSt\dor\ einen Ruf als Lehrer an die Königl.
Kunstakademie zu Königsberg i. Pr. erhalten und ange-
nommen. Letzterer soll den kürzlich verstorbenen Prof.
Max Schmidt, dessen Verdienste auch an dieser Stelle
gewürdigt wurden, ersetzen.

In der Stellung des Direktors folgte auf Rosenfelder 1880
der bekannte Carl Steffeck. Nach seinem Ausscheiden 1890
führteMaxSchmidt dieDirektorialgeschäfte vertretungsweise
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