Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

Page: 439
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1901/0228
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
439

Bücherschau. — Ausgrabungen und Funde. — Nekrologe. — Personalien. — Denkmäler.

440

ausstellung! Sie zeigt die erstaunliche Mannigfaltig-
keit, mit der die moderne Individualität das Indi-
viduum schildert. Jedenfalls wird diese Veranstaltung,
die durch den Vergleich so recht das persönliche
Verdienst des Künstlers an der Menschenschilderung
in den Vordergrund rückt, das Interesse des Pu-
blikums für diese Kunstgattung vermehren helfen.

BÜCHERSCHAU

Rom. Vor kurzem ist in den »Annales de Saint-Louis
des Francais« (April 1901) auch die erste zusammenfassende
Darstellung über S. Maria Antiqua erschienen. Der erste
Teil der gründlichen Arbeit des Abbe P. de Larminat be-
handelt ausführlich die Controverse zwischen Orisar und
Lanciani einerseits und Duchesne andererseits. Da wir
heute wissen, dass die Basilika am Fusse des Palatin den
Namen S. Maria Antiqua führte, so erscheint es von
minderer Bedeutung festzulegen, warum sie so genannt
worden ist, es drängt uns auch nicht einmal mehr die
Gründe zu erfahren, welche Duchesne für seine durch die
Thatsachen widerlegte Behauptung angeführt hat, S. Maria
Antiqua habe dort gelegen, wo sich heute S. Francesca
Romana erhebt, einst S. Maria Nuova genannt. Dafür
aber erhalten wir in diesem historischen Teil der Arbeit
die Schriftquellen, vor allem aus dem Uber Pontificalis,
zusammengestellt, welche auf das augenscheinlich hoch-
berühmte Marienheiligtum zwischen Palatin und Forum
Bezug haben. Dankenswerter noch ist die ausführliche
und gewissenhaft ausgeführte Beschreibung der Basilika,
die allerdings bei der Schnelligkeit, mit welcher die Aus-
grabungen fortschreiten, zum Teil schon veraltet war als
sie erschien. Der Verfasser nimmt zunächst die antiken
Mauern, welche S. Maria Antiqua einschliessen, für Reste
des Caligulapalastes in Anspruch, beschreibt das kleine
Heiligtum zur Linken der Basilika und führt uns dann in
diese selber ein. Schon P. Grisar hatte darauf hingewiesen,
wie vollständig sich die Gliederung des antiken Hauses
hier in der altchristlichen Basilika wiederspiegelt: das
Vestibulum, das Atrium, das Peristylium, das Tablinum
mit den Alae, alles ist geblieben wie es war. Larminat
führt uns nun durch den Porticus in den Vorhof der
Kirche, in welchen drei Thüren hinein, aus welchem drei
Thüren hinaus führen in das Schiff der Kirche, deren
ganze Mitte, wie etwa in San Clemente und S. Maria in
Cosmedin, die Schola Cantorum einnimmt. Zwei mächtige
Granitsäulen, deren Aufrichtung eben vollendet, trennen
die Seitenschiffe vom Mittelschiff und stützten mit den
Eckpfeilern der Schola Cantorum zusammen das Dach der
Kirche. Eine Stufe führt hinauf ins Presbyterium, welches
zwei Seitenkapellen hat, die wie das Presbyterium selbst
gradlinig abschliessen. Zwei Treppen und Eingänge
endlich verbinden die Basilika mit dem Aufgang zum
Palatin. Auf die Beschreibung und Erklärung des über-
reichen Freskenschmuckes von S. Maria Antiqua und das
Entziffern der zahlreichen Inschriften hat der Verfasser
grosse Sorgfalt verwandt; besonders eingehend sind die
Fresken der Kapelle von S. Quirico und Giulitta behandelt.
Ein Plan der Basilika ist der Studie beigegeben worden,
dem nur die örtliche Orientierung fehlt. e. st.

AUSGRABUNGEN UND FUNDE
Strassburg. Über wertvolle altrömische Funde in Strass-
burg schreibt die Frk. Ztg.«: Auf dem Kleberplatz sind
drei Meter unter dem Pflaster die Bruchstücke einer ganzen
Wand aufgefunden worden, deren Zusammensetzung die
Bemalung der Wand deutlich erkennen lässt. Die mehrere

Meter lange Wandfläche war in drei rechteckige Felder
I geteilt, die von breiten chromgelben Streifen eingefasst
i werden. Zwei der Felder sind nur mit sogenanntem pom-
pejanischen Rot gestrichen, das dritte ist mit einer Garten-
scene geschmückt. Drei Frauen arbeiten in einer Garten-
anlage, Bäume und Weinreben bilden den Hintergrund.
Die mittelste der Frauen hält eigentümliche Fäden, wohl
Grashalme oder Bastfäden zum Aufbinden der Reben,
zwischen den Lippen. Der Grund des Bildes ist dunkel,
die Umrahmungen dagegen in lebhaften hellen Farben ge-
halten. Besonders schön ist eine aus stilisierten Blumen
auf schwarzem Grunde gebildete Umrahmung, aus Enzian
und grossen Margueriten, welch letztere guirlandenartig
eine Schuppensäule umziehen. Ein anderes Motiv verwertet
die stilisierten Rüben, die später in der Renaissance wieder
soviel gebraucht werden. Auf einem anderen Bilde endlich
ist Herakles dargestellt, das Löwenfell mit dem nach unten
hängenden Rachen über die Schulter geworfen, wie er mit
einer jungen Frau plaudert. Der ganze Fund bedeutet eine
, ungewöhnlich wertvolle Bereicherung unseres Museums,
| das leider immer noch in weiteren Kreisen viel zu wenig
: gewürdigt wird. §
Goerz. Hier sind zwei Gemälde zum Vorschein ge-
kommen, die angeblich vorzügliche Werke von Tizian und
Velasquez sein sollen, wofür die Autorität des Direktors
! der Gemäldegalerie zu Venedig, Cantalamessa, angerufen
wird. Näherer Bericht folgt.

NEKROLOGE

Budapest. Hier starb am 30. Mai im Alter von 85
Jahren der Bildhauer Josef Engel. Er war s. Zt. auch im
Ausland sehr bekannt und hat u. a. für das Parlamentshaus
in London eine Reihe bedeutender Werke geschaffen. Er
war zuerst Drechsler, besuchte dann in Wien die Kunst-
akademie und setzte später in Paris und London seine
Studien fort. Er hat für Ungarn u. a. das Szechenyi-Denkmal
geschaffen, das im Jahre 1880 enthüllt wurde. *. *

PERSONALIEN

Dresden. Karl Beding, Professor an der Kgl. Kunst-
gewerbeschule und Assistent am Kgl. Kunstgewerbe-
museum in Dresden ist vom Kgl. sächsischen Altertums-
verein zum Direktor des Kgl. sächsischen Altertumsmuseums
daselbst gewählt worden.

DENKMÄLER

Paris. In Fontainebleau wurde am ig. Mai unter
grosser Teilnahme der Bevölkerung ein Denkmal der Rosa
Boniteur enthüllt. [J

Florenz. Am 22. Mai wurde auf der Piazza della
Signoria feierlich eine Bronzeplatte enthüllt, ganz in der
Nähe des grossen Brunnens, auf der Stelle, wo Fra Giro-
lamo Savonarola den Märtyrertod erlitten hat. Auf dem
Bronzediskus sieht man oben das Bild des Dominikaners
von einem Palmenzweige beschattet und darunter liest man
die Inschrift: »Hier, wo mit seinen Mitbrüdern, Fra Do-
I menico Buonvicini und Fra Silvestro Maruffi, am 23. Mai
1498 durch ungerechten Richterspruch Fra Girolamo Sa-
vonarola gehängt und verbrannt wurde, ist nach vier Jahr-
hunderten dieser Denkstein gesetzt worden.« Ein Kreuz
darunter und Lorbeerzweige zur Seite schmücken die Tafel,
eine Arbeit des Bildhauers Dante Sodini. Am Tage nach
der Enthüllung war die Stätte, auf welcher einst Savona-
rola's Scheiterhaufen gestanden, über und über mit Rosen
j bedeckt, und die Florentiner wallfahrteten, das Denkmal
[ zu besuchen. Die Sitte, das Märtyrertum des Dominikaners
loading ...