Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Der Titel des Buches ist sehr vorsichtig gewählt;
er verpflichtet den Verfasser zu nichts und lässt ihm
gegen den Vorwurf der Unvollständigkeit und
Zusammenhangslosigkeit die Thüre offen. Bock hat
nun, wie mir scheint, doch ein wenig auf die Vorzüge
gesündigt, die der bequeme Titel mit sich bringt.
Die ersten 51 Seiten sagen uns rein nichts Neues.
Sie geben eine, reichlich mit Abschweifungen versehene
Aufzählung und Besprechung der Quellenschriften
und Urkunden, wobei die scharfe aber doch wohl
übereifrige Polemik gegen die in der That etwas
schwache Autorität des Morellischen Anonymus
rühmend anzuerkennen ist. Sehr viel thut sich Bock
darauf zu gut, dass er die Kopie der Notiz des Doppere,
die Memling's Herkunft aus dem Mainzischen so sehr
wahrscheinlich macht, nicht für so wertvoll hält wie
ein Taufzeugnis. Er weist sehr nachdrücklich darauf
hin, dass wir eben doch keine »positive Oewissheit
über Ort und namentlich Zeit seiner Geburt« haben.
Wusste man das nicht schon längst, und wird durch
die Ungewissheit etwas daran geändert, dass wir
Memling mit Sicherheit als einen Deutschen anspiechen
dürfen? Noch unnötiger war es wohl einige Seiten
auf den Nachweis zu verwenden, dass Memling nicht
Hemling hiess. Die Wissenschaft hat doch wirklich
etwas Besseres zu thun, als schon verrichtete Arbeit
immer wieder zu unternehmen. Im übrigen hat
Bock die bis jetzt publizierte Quellenlitteratur besser
zusammengefasst als einer seiner Vorgänger und hat
sich auch von dem üblichen Fehler freigehalten, bei
den meistens etwas flüchtigen und nicht selten unge-
nauen Quellenangaben der bekannten Kompendien
stehen zu bleiben. So ist dieser erste Teil, obwohl
er nichts Neues von Belang bietet, doch nicht ohne
Verdienst; man wird sich freilich immer über den
keineswegs angenehmen Ton wundern müssen, mit
dem der Verfasser seine Ansichten vorträgt und die
kleinen Fehler seiner Vorgänger rügt.

Einem sehr unorganischen, und auch sehr unwill-
kommenen Einschub begegnen wir in dem Kapitel
»Quellen und Forschungen zu Roger van der Weyden«,
die 50 Seiten füllen und mit dem Thema des Buches
in äusserst lockerem Zusammenhang stehen. Das
Kapitel eröffnet eine wenig erfreuliche Polemik nach
rechts und links, leistet aber selbst Erhebliches an
schiefen Urteilen und unrichtigen Behauptungen.
Bock's Schrift, die die längst abgethanen Arbeiten
von Hasse und Wauters hier noch einmal abschlachtet,
stellt sich hier den Werken der beiden Genannten
würdig zur Seite.

Der II. Teil befasst sich in verworrener und un-
genügender Weise mit den Jugendwerken Memling's,
mehr aber noch mit dem Meister des Amsterdamer
Kabinets, mit Dirk Bouts, mit dem Meister der Glori-
fikation Mariae und dann wieder mit dem jüngeren
Wauters, an dem sich der Verfasser mit fast kind-
licher Freude immer wieder reibt. Ein Abschnitt
über die Komposition Memling's von höchst proble-
matischem Wert und eine belanglose Ausführung
über das Triptychon von Najera und die Bethseba
von Stuttgart bilden den Schluss der Schrift, die für

eine Seminararbeit recht lobenswert ist, aber besser
ungedruckt geblieben wäre.

BÜCHERSCHAU

Ein Aachener Patrizierhans des XVIII. Jahrhunderts,

herausgegeben von Professor Dr. M. Schmid. 44 Licht-
drucktafeln nebst erläuterndem Texte. Verlag von Jul.
Hoffmann, Stuttgart. Preis in Mappe Mk. 40. —
Seit im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts das Ver-

1 ständnis für die Schönheiten der Rokokokunst wieder er-

j wachte, sind Kirchen und Schlösser dieser Epoche, die in
so grosser Zahl fast unverändert erhalten blieben, durch
Bild und Wort den Künstlern und Kunstfreunden nahe
gebracht worden. — Weit seltener würdigte man das
Bürgerhaus des 18. Jahrhunderts eingehender Beachtung.
Und doch darf auch dieses in seiner Art, an Schönheit
der Ausstattung und künstlerischer Vollendung der Deko-
ration, mit den Prachtbauten der Fürsten wetteifern.

| Freilich sind die bürgerlichen Rokokobauten weit mehr der
Zerstörung, der Umwandlung nach dem Geschmacke
späterer Generationen erlegen. Auch das prächtige Wohn-
haus, das Herr Johann Wespien, Bürgermeister der freien
Reichsstadt Aachen errichten liess, ist heute von gleichem
Schicksal bedroht. — Um die Erinnerung an dieses, mit
so viel Pracht und Geschmack erbaute Bürgerhaus zu
bewahren, hat Max Schmid, unter Beihülfe des Stud. arch.
Grewe eine Reihe photographischer Aufnahmen in dem-
selben gemacht, von denen eine Auswahl uns hier darge-
boten wird. Das Haus wurde in Aachen durch den Rats-
baumeister J. J. Couven errichtet und 1737 vollendet.
173g war die Ausschmückung des Treppenhauses, 1742 die
der Zimmer beendet. — Es bietet also schon dadurch
Interesse, das es der Frühzeit des deutschen Rokokostiles
angehört. Trotz mehrfacher Renovation ist die Dekoration
der Haupträume und des eleganten Treppenhauses wohl-
erhalten. Die prächtigen Gobelins von van der Borght
(Brüssel), eingerahmt von schön gezeichneten und vor-
züglich geschnitzten Holzverkleidungen, die alten Marmor-
kamine, die wohl von italienischen Stuccateuren gefertigten
Decken, das herrliche Treppengeländer, ein Meisterwerk
der Eisenschmiedekunst, u. a. m. werden in geradezu
prächtigen Lichtdrucken wiedergegeben. k,
Jungbrunnen. Verlag von Fischer & Franke, Berlin.

Die Verleger F. und F. glauben, dass in der modernen
Kunst Realismus und Pessimismus abgewirtschaftet haben,
dass Künstler und Dichter sich wieder einer Auffassung

1 zuwenden, welche der des deutschen Volksliedes parallel
ist. Sie weisen darauf hin, dass Märchendramen und
Märchenopern den grössten Erfolg auf den Bühnen er-
zielen, dass Märchenbilder und Schöpfungen der reinen
Phantasie unter den Kunstwerken der neueren Aus-
stellungen vielfach zu finden sind. Sie erblicken in dieser
Wendung der Kunst ein grosses Glück und wollen sie
ihrerseits begünstigen, indem sie den deutschen Sagen-
und Märchenschatz, den sie mit Recht einen ewigen
Jungbrunnen nennen, den Künstlern als Stoff an die Hand
geben. In monatlich erscheinenden Heften, die im Abonne-
ment 1 M. kosten, sollen die deutschen Sagen, Märchen,
Schwänke, Volkslieder und volkstümliche Kunstdichtungen
herausgegeben werden, so dass der künstlerische Bild-

| schmuck die Hauptsache und der Text die Erklärung
bildet. Damit wollen sie auch das ihrige zur Einführung
einer würdigen deutschen Buchausstattung beitragen.
Unter den Illustratoren der zur Besprechung vorliegenden
4 Hefte ist der talentvollste Georg Barloesius, welcher

I lustige Schwänke des Hans Sachs in der Weise des alten
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