Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Denkmalspflege. — Wettbewerbe. — Denkmäler. — Vereine. — Sammlungen und Ausstellungen.

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deutschen Holzschnittes künstlerisch verziert hat. Er hat
es vortrefflich verstanden, das künstlerisch Wertvolle an
jener Technik herauszufinden und frei schöpferisch zu ver-
wenden. Er ist sich immer bewusst, dass ausser der
ornamentalen Verzierung, die immer kraftvoll und phantasie-
reich ist, die Erzählung in den Bildern die Hauptsache
sein soll. Während Barloesius sich die deutschen Holz-
schnitte des 16. Jahrhunderts zum Muster nimmt, geht
Bernhard Wenig bis in das 15. Jahrhundert zurück und
ahmt das Orobstrichige und Klexige der primitiven Holz-
schnitte jener Zeit nach. Franz Stassen ist in seiner Form-
gebung moderner. Im Figürlichen genügt er im allge-
meinen nicht ganz, dagegen ist das Landschaftliche bei
ihm sehr gut. — Wir sind überzeugt, dass das Unter-
nehmen, von dem inzwischen 15 Bände erschienen sind,
viele Freunde gewinnen wird. z.

DENKMALSPFLEGE

Berlin. Die kleine Anzahl der Bauwerke aus den
ersten Jahrzehnten des preussischen Königtums schmilzt
immer mehr zusammen. Abermals soll eins dieser Häuser,
welches bisher dem alten Berlin zur Zierde gereichte,
den modernen Bedürfnissen zum Opfer fallen. Das
Gebäude der Kgl. Seehandlung am Qensdarmenmarkt,
eins der stattlichsten Bauwerke aus der Zeit des späten
Barockstils in Berlin, soll in wenigen Wochen abgerissen
werden. Die Umgestaltung, welche das Gesamtbild Ber-
lins durch den Abbruch der Gebäude aus dieser Zeit in
den letzten zwanzig Jahren erfahren hat, ist in künst-
lerischer Beziehung sehr zu beklagen. Nicht nur der
Gensdarmenmarkt, sondern sämtliche Strassenzüge des-
selben Stadtteils hatten durch die Bauwerke aus dem An-
fange des 18. Jahrhunderts ein vornehmes, künstlerisch
fesselndes Gepräge erhalten. Unter der persönlichen An-
regung des Königs, dem selbst die Fassaden der Privat-
gebäude zur Billigung vorgelegt werden mussten, waren
hier sehr erfreuliche künstlerische Leistungen entstanden.
Auch der schlichte Geschäftsmann war auf diese Weise
veranlasst, seinen Bauwerken einen ernsten, monumentalen
Charakter zu geben. Die Privatgtb'&udz dieser Epoche
zu retten, ist natürlich unmöglich gewesen. Zu Hunderten
sind dieselben in den letzten beiden Jahrzehnten abgerissen
worden. Jetzt indessen bietet auch eine staatliche Be-
hörde die Hand dazu, dass ein künstlerisch ungemein
charakteristisches Bauwerk dieser Epoche zerstört wird.
Im preussischen Kultusministerium ist man auf das eifrigste
bemüht, alle künstlerisch oder historisch wertvollen Denk-
mäler früherer Jahrhunderte zu retten. Sollte nicht auch
in diesem Falle der Konservator der Kunstdenkmäler den
geplanten Abbruch verhindern können? Bei Gebäuden
des Staates, welche ehemals von einem der preussischen
Monarchen aus eigenen Mitteln errichtet worden sind,
wurde bisher vor dem geplanten Abbruch die Erlaubnis
des Kaisers eingeholt. Hoffentlich ist es möglich, dass
dadurch noch in letzter Stunde das ehrwürdige Bauwerk
gerettet werden kann. Jedenfalls zeigt sich bei dieser
Gelegenheit, wie wichtig es wäre, wenn in Deutschland
nach dem Vorbilde Frankreichs alle des staatlichen Schutzes
bedürftigen Denkmäler früherer Epochen in eine bestimmte
Liste eingetragen würden. Dann würde jede Behörde ge-
setzlich verpflichtet sein, die in diese Liste eingetragenen
Denkmäler zu respektieren. O. Voss.

WETTBEWERBE

Wien. Bezüglich der für den Wettbewerb um den
Mozartbrunnen zu Wieden eingegangenen zahlreichen Ent-

würfe ist nunmehr die Entscheidung getroffen worden.
Den I. Preis erhielten der Architekt Otto Schönthal und
der Bildhauer Karl W°"ek, den II. Preis Josef Breitner
und den III. Preis Leopold Scholz. Der mit dem ersten
Preis gekrönte Entwurf zeigt als Hauptfiguren den Tamino
und die Pamina, die Helden der »Zauberflöte«, die mit
den Klängen des wunderbaren Instrumentes verschiedene
Ungeheuer anlocken. *»*

DENKMÄLER

Görlitz. Dem Berliner Bildhauer Harro Magnussen
wurde zum Schmucke der hiesigen, aus privaten Mitteln
erbauten Ruhmeshalle ein Überlebensgrosses Standbild des
Fürsten Otto von Bismarck in Auftrag gegeben.

Zu einem Wettbewerb um zwei grosse Gruppen, Krieg
und Frieden darstellend, die als Aussenschmuck für die
Ruhmeshalle gedacht sind, wurden seitens der Landes-
kunstkommission aufgefordert die Bildhauer Prof. Behrens-
Breslau, Prof. Calandrelli, Günther-Gera, Hidding und
Lederer-Berlin. Die Entwürfe sollen 85 Centiineter hoch
sein und müssen bis zum 31. Dez. a. c. abgeliefert sein.
Die Figuren sollen in Kupfer getrieben werden. -r-

VEREINE

Stuttgart. Der Verein für dekorative Kunst und Kunst-
gewerbe, dem über 400 Mitglieder angehören, hat einen
schweren Schlag erfahren: fünf sehr bekannte und bedeu-
tende Mitglieder des Aufsichtsrates, Rob. Haug, Gustav
Halmhuber, Carlos Grethe, Rob. Pötzelberger und Graf
L. von Kalckreuth, haben ein Schreiben an die Mitglieder
des Vereins gerichtet, das nach den Mitteilungen hiesiger
Blätter diesen Passus enthält: »Wir haben von Anfang an
Bedenken gehabt, ob der Vorstand im Besitze derjenigen
Eigenschaften ist, welche für eine gedeihliche Führung
der Vorstandschaft nicht entbehrt werden können; da aber
bei Gründung des Vereins allseits betont wurde, dass alle
künstlerischen Fragen nur durch den Aufsichtsrat, also
unter unserer Mitwirkung gelöst werden sollten, glaubten
wir uns in der Lage, für die Handlungen des Vereins mit
verantwortlich sein zu können. Da dieser Beschluss, der
grundlegend für unsere Mitarbeit war, vom Vorstand ausser
acht gelassen wurde, und von ihm Handlungen unter-
nommen wurden, die weder mit unseren künstlerischen
Anschauungen, noch mit unseren Begriffen von richtiger
Form sich deckten, sind wir zu unserem Bedauern nicht
mehr in der Lage, fernerhin die Verantwortlichkeit für
die Handlungen des Vereins mit tragen zu können. Wir
haben demgemäss unsern Austritt aus dem Verein erklärt«.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN

St. Petersburg. Wie die St. Petersburger Zeitung
mitteilt, soll im Museum Kaiser Alexander III. eine be-
sondere Abteilung zum Gedächtnis dieses Monarchen ein-
gerichtet werden. Es wird zu diesem Zwecke eine Organi-
sations-Kommission gebildet, der u. a. angehören: Graf
J. J. Tolstoi, Graf S. D. Scheremetew und Stallmeister
P. W. Shukowski. — In der kaiserlichen Eremitage sind
in letzter Zeit einige Umgestaltungen vorgenommen worden.
In dem Rembrandt-Saal ist die Verteilung der Gemälde
endgültig ausgeführt worden. Die Bilder der französischen
Schule, von denen viele aus Raummangel nicht ausgestellt
oder in anderen Abteilungen untergebracht waren, sind
jetzt an einer Stelle in den früheren Sälen der russischen
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