Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Bücherschau.

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weniger auffallend vertreten. Es ist, wie wenn sie sagen
wollten: Wir haben euch Venezianern nun gelehrt, wie
man malen muss; nun habt ihr uns nicht mehr nötig.
Wir haben euch nur die Federn ausgerupft, seht zu wie
sie euch wieder wachsen. — Ein Gefühl des Bedauerns
kann nicht unterdrückt werden, wenn man sieht, wie mit
wenigen Ausnahmen die vortrefflichen Venezianer ruiniert
wurden in den letzten sechs Jahren: Laurenti, die beiden
Ciardi, Vater und Sohn, Milesi, der durch Kraft des Kolorits
alle übertraf, Fragiaccomo, Tito, ein Talent ersten Ranges,
u. s. w.: Sie alle sind von der nordischen Krankheit an-
gesteckt, sie malen nur noch Nebel und Regenwetter oder
todesmüde, schmerzzerflossene Gestalten. (Es scheint uns
doch nicht ausgeschlossen, dass sich aus dieser Wendung
zu neuen Gegenständen und neuer Auffassung ein Auf-
schwung der italienischen Malerei entwickelt. Die Red.)
— Bressanin hat sich in seinem vortrefflichen Bilde: Spiel-
hölle seine Eigenart vollkommen gewahrt. Voller Leben
ist diese Scene des vorigen Jahrhunderts, welches er mit
Vorliebe behandelt, gegeben. Luigio Nono haben wir
schon oben genannt, dessen herzerfreuende Leistungen
nicht veralten. Leider war es nicht möglich, seine »Orec-
chini da festa« aus dem Nachlasse Königs aus Berlin zu
erhalten. — Eine einfache prächtige Arbeit ist das Selbst-
porträt des vortrefflichen De Stefani und die Arbeiten der
Brüder Selvatico.

Unter den ausgestellten Werken der Bildhauerei ver-
blüfft vor allem Rodin, der geniale Franzose, durch seine,
einen ganzen Saal füllenden kühnen Werke. Man sieht
unter anderen »Die Bürger von Calais«, den Kopf der
vielumstrittenen Statue des Balzac und 18 andere be-
deutende, Widerspruch und Bewunderung zugleich heraus-
fordernde Arbeiten. — Unter den Italienern ist es vor
allen Trentacoste, Canonica und der italienische Russe
Fürst Troubetzkoy, welche unsere höchste Bewunderung
erregen. — Eine Neuheit für Venedigs Ausstellungen ist
die grosse Anzahl bewunderungswürdiger Plaquetten von
den Franzosen M. Cazin, P. Du Bois, A. Charpentier, und
einer Anzahl Medaillen von dem Engländer Framton,
ferner den Franzosen G. Lemaire, Patey, Yencesse, und
besonders J. E. Roine. — Diese reiche Ausstellung der
Medaillen- und PIaquettenkunst ist für unsere Ausstellung
ein wahres Ereignis zu nennen. Es sind in der plastischen
Abteilung ferner vertreten Braeke, van der Stappen, die sehr
anspruchsvollen Ringer von J. Lambeaux, und Adam und
Eva, unter den Italienern ausser den oben Genannten noch
der Maler Bressanin mit einer sehr guten Büste seines
verstorbenen Söhnchens, Marsiii, Urbano Nono mit zwei
vortrefflichen alten Karrengäulen u. s. w. —

Die Ausstattung der Ausstellungsräume, welche von
Jahr zu Jahr prächtiger wird, darf nicht unerwähnt bleiben.
Sie übertrifft alle Erwartungen. Besonders elegant der
erste Kuppelraum und der grosse internationale Saal, in
welchem alles Plastische, die geschnitzten Bänke mit ein-
gerechnet, von der geschickten Hand V. Cadorin's herrührt.
Leider ist die Fontäne in der Mitte des Salons mit ihrem
Blumenschmuck entfernt worden. An ihrer Stelle die oben
genannten Ringer. Ganz prachtvoll ausgestattet ist die
Sala Fontanesi. — Die Ausstellung wird ohne Zweifel
allen Besuchern reichlichen Genuss, und besonders an-
regenden Stoff zu nicht immer zu erfreulichem Resultate
führender Reflexion gewähren.

Die Handzeichnungen und Radierungen füllen nur zwei
weit von einander entfernt liegende kleine Räume, sind
aber um so interessanter, als an Zahl gering. — Es fallen
zunächst ins Auge eine Anzahl Radierungen von Zorn,
darunter sein Selbstporträt mit Palette und Atelierhinter-
grund. Der Armenier E. Chaine, der hier begonnen und

nun in Paris lebt, giebt das dortige Strassenleben in
wirkungsvollen Radierungen verschiedenster Technik vor-
trefflich wieder. Von erhabener Wirkung ist die grosse
farbige Radierung »Pietä« von Oscar Graf (Freiburg).
Sie ist das grösste Blatt dieser Abteilung. E. Burne-Jones
ist mit einigen Bleistiftzeichnungen vortrefflich vertreten,
meist Studien zu Bildern, darunter der lebensgrosse schöne
Kopf eines Engels. Der seit Jahren hier lebende Bolognese
E. Brugnoli hat Venezianische Scenen in Radierung ge-
bracht. F. Vitalini in Rom tritt mit farbigen Radierungen
auf (Campagnalandschaften). Mehr als alles andere dieser
Weiss- und Schwarzkunst interessieren jedoch des Trevis-
aners Alb. Martini 38 Federzeichnungen. Es sind Illu-
strationen zu Tassoni's heroisch-komischem Heldengedichte:
»Sa secchia rapita«. — Schon in der vorigen Ausstellung
fielen seine mit unglaublichstem Fleisse und ebenso viel
\ Geist ausgeführten und erdachten Kompositionen (Feder-
zeichnungen) auf. Er ahmt mit überraschendstem Geschick
die Vortragsweise der alten deutschen Meister des Holz-
schnittes und Kupferstiches nach. — Seine Art der Nach-
ahmung ist jedoch so geistreich, so hochinteressant, dass
wir von einer Zeichnung zur andern von neuem staunen
über diesen anspruchslosen, so ganz allein stehenden
deutschen Italiener. Wie kommt dieser 25jährige Sohn
eines Trevisaner Zeichenlehrers dazu uns seine reiche Fan-
tasie in der Sprache eines Dürer, Schongauer, Beham zu
übermitteln. Man möchte ihn für einen eingefleischten
Deutschen halten, dessen Wiege wenigstens in Nürnberg
gestanden. — Erwähnt seien noch einige Zeichnungen
Sartorio's, Scenen aus dem Tierleben der römischen Cam-
pagna, des Schweden W. Peters, besonders dessen Selbst-
bildnis in grosser Radierung. Rieh. Müller stellt einige
; vortreffliche Zeichnungen aus, darunter bemerkenswert ein
lebensgrosser Frauenkopf im Profil. — Greiner hat dies-
mal die Ausstellung leider nicht beschickt, ebensowenig
Klinger. A. Wolf.

BÜCHERSCHAU

Alfred Peltzer. Deutsche Mystik und deutsche Kunst.

Studien zur deutschen Kunstgeschichte Heft 21. Strass-

burg 1899. 8°. 241 S.
Alfred Peltzer bekennt sich bereits in der Einleitung
seines umfangreichen Buchs, die eine begeisterte Apologie
der romantischen Kunstauffassung eines Wackenroder,
Tieck, Novalis etc. enthält, als überzeugter Mystiker. Ein
solcher wird dem Thema: deutsche Mystik und deutsche
Kunst andere Seiten abgewinnen, als der nüchterne
Historiker. Da sein Buch uns aber nicht als »Herzens-
ergiessung eines kunstliebenden Klosterbruders«, sondern
als »Studie zur deutschen Kunstgeschichte« vorgelegt ist,
muss die Kritik auf dem historischen Standpunkt den von
P. aufgeworfenen Fragen gegenüber verharren.

Zweifellos ist die spätmittelalterliche Weltanschauung
stark von mystischen Elementen durchsetzt, und es ist
von Interesse, diese Elemente auch in der deutschen
Kunst nachzuweisen. Wertvoller freilich wäre es, diesen
Parallelismus der Erscheinungen auf seine Ursache zurück-
zuführen, insbesondere den sozialen Boden gründlich
abzusuchen, auf dem die Mystik erwuchs. Nur ein
ganz exakter Nachweis von Entstehungsursachen und
Reflexwirkungen könnte das völkerpsychologische Problem
der Lösung näher bringen. Von alledem ist in Peltzer's
Buch nur wenig die Rede. Ihm gilt die Mystik als das
schlechthin Gegebene, als Sauerteig aller künstlerischen
Kultur, als Hauptfaktor jeder Kunstentwicklung. Ihre
Erklärung als Ausfluss der »germanischen Volksseele« ist
so gut wie keine.
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