Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

HERAUSGEBER:

Dr. Max Gg. Zimmermann

UNIVERSITÄTSPROFESSOR

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Gartenstrasse 15
Neue Folge. xii. Jahrgang. 1900/1901. Nr. 2. 18. Oktober.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblalt« monatlich dreimal, in den Sommer
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Oewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandiung die Annoncenexpeditionen von Haasen-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

DER ERSTE DEUTSCHE »TAG FÜR DENKMAL-
PFLEGE« IN DRESDEN.

Hat man jemals in früheren Zeiten so viel für
die Erhaltung und Pflege der Denkmäler der Kunst
und dir Geschichte früherer Epochen gethan als in
unserem Jahrhundert? Sonst setzte jede Generation
ihren Stolz darin, ihre höchste künstlerische Leistungs-
kraft in neuen und eigenen Schöpfungen zum Aus-
druck zu bringen. Unser Jahrhundert dagegen ist
das Zeitalter der Restaurierungen. Seitdem die Dichter
der romantischen Schule in Deutschland und Frank-
reich von neuem den Blick auf die herrlichen Bau-
werke des Mittelalters zurückgelenkt haben, ist ein
Dom nach dem anderen, die Wartburg, die Marienburg
und manche andere stolze Fürstenburg in ihrer alten
Herrlichkeit wieder hergestellt worden.

Selbst die in den Zeiten des Mittelalters unfertig
gebliebenen Kirchen suchen wir so treu als möglich im
Geiste ihrer ursprünglichen Erbauer zu vollenden. Ist
jemals im Verlaufe unseres ganzen Jahrhunderts in
Deutschland ein Bauwerk mit einem solchen Enthu-
siasmus der ganzen Bevölkerung und mit einem solchen
Aufwand von Arbeitskraft und Geldmitteln ausgeführt
worden wie die Vollendung des Kölner Domes? Dies
nur ein Beispiel für ungezählte andere Kirchen und
Kathedralen unseres weiten deutschen Vaterlandes.

Und dennoch von allen Seiten der laute Ruf nach
grösserer Fürsorge für die Denkmäler der Kunst frühe-
rer Zeiten? Die Künstler jammern darüber, dass bei
allen diesen Restaurierungen ein Teil unserer besten
künstlerischen Kräfte und manche Million dazu alljähr-
lich dem eigenen künstlerischen Schaffen unserer Zeit
entzogen wird. Gerade die jüngere Generation will
ihre eigene Kraft bethätigen und in ihrer Sehnsucht
nach dem neuen Stil des zwanzigsten Jahrhunderts
nicht beständig von neuem durch historische Rück-
blicke gehemmt werden.

Doch glücklicherweise ist die Erhaltung der Denk-
mäler früherer Jahrhunderte nicht bloss eine künstle-
rische Angelegenheit. Auch die weitesten Kreise der
Bevölkerung, welchen eigentliche künstlerische Fragen

fern liegen, haben ein Interesse daran, dass die Denk-
mäler unserer nationalen Geschichte vor der Zerstörung
geschützt werden. Das, was unsere Väter in den grossen
Tagen der Vergangenheit geschaffen haben, sind die
Wahrzeichen unseres nationalen Ruhmes. Der Blick auf
diese Werke hat uns in Zeiten des Niedergangs wieder
aufgerichtet und uns den Mut gegeben, die Herrlich-
keit des alten Reiches unserer Vorfahren zu erneuern.
Goethe's Wort: »Wohl dem, der seiner Väter gern
gedenkt« ist auch in diesem Sinne bei uns wahr
geworden.

Gerade die grosse Menge des Volkes, der die
Bücher unserer Historiker verschlossen bleibt, wird
aus dem Anblick jener ehrwürdigen Zeugen einer
grossen Vergangenheit immer wieder von neuem die
Anregung zu nationaler Begeisterung finden. Das
vor allen Dingen ist der Grund, weshalb wir jetzt
in Deutschland nicht nur in den Altertumsver-
einen, sondern bei den Regierungen eine so starke
Bewegung zum besseren Schutze der Denkmäler sich
vorbereiten sehen. In fast allen einzelnen deutschen
Staaten sind die Regierungen sich der Bedeutung
dieser Angelegenheit bewusst geworden. Nur die
Stadtverwaltungen scheinen mit engherziger Sparsam-
keit hinter diesem allgemeinen Streben zurückzubleiben.

Überall indessen ist man sich auch der Hinder-
nisse bewusst, welche der Fürsorge für die Denk-
mäler früherer Zeiten im Wege stehen. Es fehlt dazu
nicht nur in allen Staaten an der etatmässigen Fest-
setzung erheblich grösserer Geldmittel, sondern auch
an der rechten Organisation durch Gesetze, Be-
hörden und etatmässig angestellte Conservatoren.
Nicht nur die Sparsamkeit der Volksvertretungen, son-
dern manche juristische Bedenken werden sich vor-
aussichtlich auch jetzt diesen Forderungen in den Weg
stellen. Um alle diese Hindernisse durch ein gemein-
sames Vorgehen zu überwinden, hat sich bereits im
vorigen Herbst eine Anzahl von namhaften Fachge-
lehrten und Vertretern der Regierungen in Strassburg
auf der Versammlung der deutschen Geschichts- und
Altertumsvereine zusammengefunden. Jetzt zum ersten
Male sind auf Einladung der Königl. Sächsischen
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