Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Ausgrabungen und Funde. — Bücherschau.

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und ich gebe diese Wiedererkennung des Rembrandt'schen
Bildes gleichsam als Antwort und zugleich als einen wei-
teren Schritt, dem vortrefflichen Werke die ihm gebührende
Beachtung zuzuwenden. Becker.

AUSGRABUNGEN UND FUNDE

Rom. Über die bei Boscoreale aufgedeckte Villa ist
jetzt eine 90 Seiten umfassende mit 11 lithographischen
und phototypischen Tafeln und mit Illustrationen im Text
ausgestattete Beschreibung aus der Feder des Prof. Ber-
nabei erschienen. Von der Grösse der Anlage, als deren
Besitzer im Unglücksjahr 79 P. Fannius Sinistor ermittelt
ist, geben die Massverhältnisse des Peristyls einen Begriff:
seine Seitenwände messen mehr als 23 m. Von den
Fresken befanden sich Architekturbilder mit lebensgrossen
Figuren im Triclinium, die interessantesten jedoch in den
Schlafräumen: nach Bernabei's Ansicht stellen sie Gegen-
den der Unterwelt und Scenen aus dem Elysium dar, und
sollten zu heiteren und ruhigen Träumen anregen und so
einen Vorgeschmack des Glückes im jenseitigen Leben
geben.

BÜCHERSCHAU

J. Neuwirth. Die Wandgemälde im Kreuzgange de« Ernaus-
klosters in Prag. Forschungen zur Kunstgeschichte
Böhmens III. Veröffentlicht von der Gesellschaft zur
Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Litteratur
in Böhmen. Mit 34 Tafeln und 13 Abbildungen im
Text. Prag 1898. J. G. Calve'sche K. und K. Hof- und
Universitätsbuchhandlung (Josef Koch). 92 Seiten Text,
gr. Fol. In Mappe M. 75.—
J. Neuwirth, Das Braunschweiger Skizzenbuch eines mittel-
alterlichen Malers. Im Auftrage des Vereines für Ge-
schichte der Deutschen in Böhmen herausgegeben. Prag,
Calve'sche Buchhandlung, 1897. 29 Lichtdrucktafeln und
28 Seiten Text. In Mappe M. 25.—
Aus dem von Jahr zu Jahr immer unübersehbarer an-
schwellenden Strome von Denkmäler-Veröffentlichungen
ragen die beiden hier zu besprechenden Arbeiten bedeut-
sam hervor und verdienen, obwohl sie nicht mehr aller-
neuesten Datums sind, eine eingehende Würdigung. Nur
durch eine Verkettung verschiedener Hindernisse hat sich
ihre Anzeige in diesem Blatte so unliebsam verzögert.

Gute Publikationen mittelalterlicher Wandmalereien
haben wir, im ganzen genommen, noch immer recht wenige.
Es ist eine saure und undankbare Arbeit. Um so mehr
verdient die Sorgfalt und Umsicht Anerkennung, mit
welcher Neuwirth uns hier eines der bedeutendsten Denk-
mäler mittelalterlicher Wandmalerei diesseits der Alpen
zugänglich gemacht hat. Die grosse Biblia pauperum,
die in mehr als hundert zum Teil sehr umfangreichen
Bildern in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts an die
Wände des Klosterkreuzganges zu Emaus in Prag gemalt
worden ist und sich, wenn auch vielfach beschädigt und
mehrmals übermalt, bis auf unsere Tage in leidlicher Voll-
ständigkeit erhalten hat, ist schon seit langem von der
kunstgeschichtlichen Forschung beachtet worden (Schnaase,
Anton Springer, Woltmann). Stilgeschichtlich wie in-
haltlich sind diese alten Fresken gleich interessant. Jetzt
liegen sie uns in klaren, zum Teil farbigen Reproduktionen
auf 29 grossen Lichtdrucktafeln vor, wozu noch 4 Tafeln
mit Nachbildungen von Miniaturen aus gleichzeitigen
böhmischen Handschriften, eine vorzügliche farbige Repro-
duktion eines Tafelbildes im Kloster Emaus und 13 Text-
bilder kommen. Der 92 grosse Folioseiten umfassende
Text enthält, wie man das bei Neuwirth's Arbeiten ge-
wohnt ist, eine sehr eingehende und sorgfältige Darstellung

der in Betracht kommenden Gesichtspunkte: 1. Die Ge-
schichte des Emausklosters und seiner Wandgemälde,
2. deren Beschreibung, 3. eine Schilderung der Darstel-
lungsgedanken und Quellen dieser Wandgemälde mit aus-
führlicher Untersuchung der Beziehungen zu gleichzeitigen
oder gleichartigen Schöpfungen böhmischer Meister, 4. eine
Scheidung der Anteile der verschiedenen hier thätig ge-
wesenen Meister und eine Untersuchung über ihre mut-
massliche Herkunft.

Der reiche Inhalt ist mit diesen Titelangaben nur
annähernd umschrieben. Um so mehr bedauert man das
Fehlen eines Registers, das ein schnelles Zurechtfinden in
den mannigfachen Einzelheiten ermöglichte. Der Text ist
ohnehin infolge zu breiten Zeilensatzes schwer zu über-
schauen. Auch ein Verzeichnis der Tafeln mit Angabe des
Inhaltes der Darstellungen wird schmerzlich vermisst. —
Nicht 1343, wie man bisher auf Grund der wenig zu-
verlässigen Inschrift in einer Ecke des Kreuzganges annahm,
sondern wahrscheinlich erst kurz nach 1350 ist die Aus-
malung des Kreuzganges begonnen und etwa 1372 be-
endigt worden. Für die Auswahl der Scenen, — meist
steht in jedem Bogenfelde eine Scene aus dem neuen
Testamente zwei typologischen Scenen aus dem alten
Testamente gegenüber oder umgekehrt, — ist die Armen-
bibel vorbildlich gewesen, in noch stärkerem Grade
der Heilsspiegel. Daneben sind auch Einflüsse der
»Concordantia veteris et novi Testament/« unverkennbar.
Mannigfache Zerstörungen und viermalige Übermalungen
im Laufe der Jahrhunderte, von denen namentlich die letzte
aus dem Jahre 1632 recht nachdrücklich und umfangreich
gewesen ist, haben einen grossen Teil der Scenen teils
bis zur Unkenntlichkeit verwischt, teils wesentlich in ihrer
künstlerischen Erscheinung alteriert. Die ursprünglichen
Kompositionslinien aber haben sich doch bei den aller-
meisten Bildern durch alle Übermalungen hindurch leidlich
erhalten und bei einer kleinen Auswahl von Scenen tritt
uns die Formen- und Farbensprache des 14. Jahrhunderts
noch ganz überzeugend entgegen.

Es ist eine interessante Übergangskunst, die sich uns
hier allenthalben darbietet, einesteils ein Haften an tradi-
tionellen Kompositionsgedanken, ein Schalten mit formel-
haften Ausdrucksmitteln, andererseits ein Suchen und
Ringen nach neuen Ausdrucksformen, eine bewusste Ab-
kehr vom Herkömmlichen und vereinzelte Züge selbstän-
diger Naturbeobachtung. Stellenweise erhebt sich die
künstlerische Sprache zu monumentaler Grossartigkeit.
Schon diese Ungleichheit in der künstlerischen Höhe
der einzelnen Scenen führt mit Bestimmtheit darauf, ver-
schiedene Meister als Urheber des ausgedehnten Fresken-
schmuckes anzunehmen. Neuwirth hat denn auch vier
verschiedene Hände festzustellen vermocht, die hier teils
gleichzeitig, teils rasch nacheinander thätig gewesen sein
müssen. Gemeinsam ist ihnen allen eine tiefgehende Be-
einflussung durch die gleichzeitige italienische Kunstweise.
Der Geist Giotto's klingt vernehmlich herein in die Hallen
des nordischen Slawenklosters in der Prager Vorstadt.
Die Heranziehung ausländischer, besonders italienischer
Künstler durch Karl IV., mit dessen Person auch die
Emauser Wandbilder in Beziehung stehen, ist ja allbekannt
und der italienische Einfluss damit genügend erklärt. Des-
wegen brauchen die ausführenden Künstler in Emaus noch
nicht geborene Italiener gewesen zu sein. Sie stehen
etwa auf der Stufe des italienisierenden Meisters der
Karlsteiner Kreuzkapelle. Wie bei jenem, so verbinden
sich auch hier im Kreuzgange zu Emaus »Anschauungen
der italienischen Kunst mit jenen der aus Böhmen selbst
stammenden Meister, welche offenen Blickes für das
I Schaffen der Fremden und ihre Überlegenheit, keineswegs
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