Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Ausgrabungen und Funde. — Nekrologe.

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die mehr oder minder verwandten verschiedenen
westfälischen Meister dieser Zeit auf einem älteren
gemeinsamen Boden der Kunst stehen, der den grössten
Teil Deutschlands umfasst und auf welchem sich, je
nach der Lage der Landschaften, mehr oder minder
verwandte Entwickelungsreihen im Laufe der Zeit
bemerkbar machen.«

Fast gleichzeitig mit dem Thomasaltar der Eng-
hellandesfahrer entstand in Nürnberg der Imhofaltar
in der Lorenzkirche, und das Jahr 1424 ist auch das
Geburtsjahr des Genter Altars. Dass aber zwischen
Hubert van Eyck und Meister Francke die geistige
Unabhängigkeit kaum geringer als die räumliche
Entfernung ist, wird niemand bezweifeln können,
der beide Künstler kennen gelernt hat. Auch in der
Anwendung der »Eiweissmalerei« geht Francke tech-
nisch seine eigenen Wege. Er vertreibt die Farbe
weniger, trägt sie weit energischer auf als es vor ihm
einer gewagt hätte, und wenn er Lichter aufsetzt,
z. B. auf Stirn, Mund, Kinn und Nasen seiner Volks-
typen, Ritter und wilden Soldaten, so sind das förm-
liche Pinselhiebe, die an eine > Frans Hals-Technik
im Kleinen« erinnern.

In rein koloristischer Beziehung überragt Meister
Francke die deutschen Zeitgenossen um ein Beträcht-
liches. Stets enthält seine Farbenverteilung einen
grossen und einheitlichen Gedanken und die Qualität
ist jedesmal in ihrer geradezu leuchtenden Glut neu-
artig und überraschend. Ganz vereinzelt findet er
auch, wo es ihm darum zu thun ist, kühle Harmo-
nien in der Zusammenstellung der Töne. Aber die
unruhige Fracht der Brokatgewänder, die bei den
zeitgenössigen Westfalen so beliebt war, muss bei
ihm einer breiten ruhigeren Grösse in den Flecken-
wirkungen Platz machen und nur in einem Falle
kommt bei ihm der scheckige Silberbrokat vor, der
ein Lieblingstoff der Westfalen war. Gerade in
Bezug auf die durchsichtige Leuchtkraft seiner Farben
kann man vielleicht das malerische Gleichnis an-
wenden, das mir bei der ersten Begegnung mit dem
Meister auf die Lippen kam: Meister Francke hat das
bunte Kirchenfenster auf die Holztafel übertragen.

Zeichnerisch ist er ein Neuerer, insofern er vom
Typus zum Individuum vorzudringen sucht und in
der intensen Charakterkunst seiner Natur die ganze
Skala der Leidenschaften anklingen lässt, ja in der
Darstellung von Schächern, Zöllnern und Galgen-
gesichtern bis zur Karikatur schreitet, ohne als Kari-
katurist zu erscheinen. Auch beginnt bei ihm das
deutliche Streben nach Raumillusion, namentlich im
Vordergrund der Bilder, wo er das Nebeneinander
durch ein Vor- und Hintereinander mit gewagten
Überschneidungen zu unterbrechen sucht. So steht
er selbständig an der Schwelle eines neuen Zeitalters,
dessen Hauch ihn berührt hat zur selben Stunde, als
in Gent die van Eyck und in Italien Masaccio zur
Weihe eines neuen Frühlings die Natur entdeckten.

AUSGRABUNGEN UND FUNDE

Berlin. Die Wiederentdeckung des berühmten Por-
träts der Herzogin von Devonshire von Oainsborough, die

aus New-York telegraphisch gemeldet wird, macht in eng-
lischen und amerikanischen Kunstkreisen das grösste Auf-
sehen. Die Geschichte dieses Bildes, das vor fünfund-
zwanzig Jahren gestohlen worden war, klingt wie ein Ro-
i man. Im Jahre 1876 hatten, wie die »H. N.« mitteilen,
Messrs. Agnevv das Bild zu dem Preise von 217 150 M.
bei einer Auktion bei Christie gekauft und es in ihrer
I Galerie in Old Bond-Street ausgestellt. Als im Mai 1876 eines
I Morgens der Portier die Galerie aufschloss, entdeckte er, dass
das grosse Bild, über das damals ganz London sprach,
verschwunden war. Der vergoldete Rahmen hing aller-
dings noch da, aber das Bild war herausgenommen. Trotz
j der sofort ausgesetzten Belohnung von 20 000 M. wurde
[ das Geheimnis nicht gelöst; man war nur überzeugt, dass
das Bild nach Amerika gebracht worden war. Alle mög-
lichen Behauptungen wurden damals über die Beweg-
gründe des Diebes aufgestellt. So sollte es gestohlen
worden sein, um dafür Geld zur Befreiung eines Gefan-
genen in Frankreich zu lösen. Unter noch seltsameren
Umständen ist das Bild nunmehr wieder aufgefunden wor-
den. Der Dieb behielt das Bild, um sich die Belohnung
zu verschaffen. Es wurden nun zwar Belohnungen aus-
gesetzt, aber die Straflosigkeit des Diebes sollte nicht
garantiert werden. Der Dieb aber dachte söhne Garantie
kein Bild«, that das Bild in den falschen Boden eines
Koffers und ging damit nach New-York, Brooklyn, Phila-
delphia, Boston und Chicago, ohne dass jemand wusste,
was für ein Schatz in seinem Koffer verborgen war. Die
Wiedererlangung des Bildes geschah jetzt durch Vermit-
telung eines bekannten amerikanischen Spielers Pat Sheedy.
Vor vielen Jahren verlor Sheedy beim Pharaospielen in
I Chicago. Ein anderer Spieler, der an jenem Abende
glücklicher war, als er, lieh ihm 2000 M., obgleich beide
einander völlig fremd waren. Sheedy verlor den Mann
' aus dem Auge, bis er bei einem Besuch in Konstantinopel
, von einem Griechen angesprochen wurde, der ihm sagte,
I dass ein alter Freund ihn zu sehen wünschte. Es stellte
sich heraus, dass sein früherer Wohlthäter von Seeräubern
gefangen genommen war. Sheedy bezahlte das Lösegeld
für ihn und befreite sich dadurch von seiner früheren
Schuld. Als Sheedy dann später einem Detektiv Pinkerton
von diesem Vorfall erzählte, war er erstaunt, als der De-
tektiv ihm sagte, dass sein Freund der Dieb des Bildes
von Gainsborough wäre. Pinkerton bat Sheedy, die Ver-
handlungen um Rückgabe des Bildes zu leiten. Nachdem
man übereingekommen war, dass eine Belohnung gezahlt
und keine Klage anhängig gemacht werden sollte, dass
auch das Geheimnis der Identität des Mannes bewahrt
I bleiben sollte, kam der Bilderdieb nach Amerika und brachte
1 seinen kostbaren Raub im Boden des Koffers mit. Das
j Geschäft wurde zwischen Mr. Morland Agnew, einem
Mitgliede der bestohlenen Firma, und dem Diebe in Chi-
cago perfekt, und beide kehrten auf der »Etruria« nach
England zurück. Sheedy soll als Anteil an diesem Ge-
schäft 4000 M. erhalten haben. -r-

NEKROLOGE
Paris. In dem südfranzösischen Kurort Lavandou, wo
er Heilung von einem langwierigen Leiden gesucht hatte,
starb, wie schon kurz berichtet, am 27. März der Maler
Jean Charles Cazin, noch nicht ganz sechzig Jahre alt.
Cazin war in dem Dörfchen Samer in Nordfrankreich als
Sohn eines Arztes geboren, erhielt seine künstlerische
Ausbildung in Paris, wurde Zeichenlehrer an der von Tre-
j lat gegründeten Architekturschule und später Direktor der
Kunstschule und des Museums in Tours, wo er es aber
nur wenige Monate aushielt. Nach dem Kriege nahm er
1 einen Ruf nach England an und wurde an Stelle seines
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