Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

Page: 67
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1901/0042
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
07

Die neueste Eycklitteratur.

08

Unsicherheit und ungenügender Kenntnis des in
Frage stehenden Materials. Ein solcher Fall scheint
hier vorzuliegen. Immerhin sind die Zweifel weniger
bedenklich, als die Art, in der Seeck sie zu beseitigen
sucht. Ihn hat die Beweisführung Tschudi's über-
zeugt, dass der Berliner Crucifixus notwendigerweise
von einem der beiden Meister herrühren muss, die
an dem Genter Altar thätig waren. Hier hätte seine
Skepsis bereits einsetzen sollen. Die feinen Unter-
schiede, die das Berliner Kreuzigungsbild vom Genter
Altar trennen, liegen nicht sowohl in der Typik, die
Tschudi's Zuschreibung leicht erklärt, als vielmehr in
den schwer definierbaren Qualitäten der malerischen
Technik und der Auffassung, die Voll etwas scharf
als »larmoyant« bezeichnet. Ein Übertreiben des Em-
pfindungsausdrucks auf Kosten der Wahrscheinlich-
keit, wie es in den Gestalten der Mutter und des
Lieblingsjüngers Christi zu Tage tritt, vermag ich
weder im Genter Altar noch in anderen authentischen
Bildern der Eyckwerkstatt wahrzunehmen. Die ver-
zerrten Mienen zweier singenden Engel auf den Genter
Flügeln, die überraschende äusserliche Verwandtschaft
mit den Zügen Johannis haben, sind aus dem Be-
streben erklärlich, eine körperliche Anstrengung recht
augenfällig wiederzugeben. Somit bleibt als Residuuni
der Stilgemeinschaft eine gewisse Unbeholfenheit, die
bei dem Maler des Cruzifixus allerdings erheblich
grösser ist, als bei dem Maler des Engelbildes. Sie
kehrt bei vielen Bildern der gleichen Epoche — so
z. B. in einigen Bildnissen des Meisters von Flemalle

wieder. Individuelle Schwächen des Kruzifixmalers
aber lassen sich leicht feststellen; die verzwickte, durch-
aus naturwidrige Stellung und Bewegung des Johannes,
die bei aller Kleinlichkeit der Einzelmotive plumpe
Gewandbehandlung, die äusserliche Wiedergabe des
Christuskörpers, die wenig entwickelten Architektur-
forinen des landschaftlichen Hintergrundes — all dies
sind Qualitätsunterschiede, deren Eindruck unbewusst
bei der Abwertung des Bildes gegen Eyck'sche Ori-
ginale mitspricht und die Begeisterung lähmt, die der
Anblick eines solchen erwecken müsste.

Vor allem aber verstärken Farbengebung und techni-
sche Einzelheiten der Behandlung das Widerstreben ge-
gen die Zuschreibung Tschudi's. Dem Maler des Kruzi-
fixbildes fehlt durchaus jene Bestimmtheit, Klarheit,
Wärme und smaltartige Tiefe des Farbenvortrags, der
Eyck'sche Schöpfungen auszeichnet. Man vergleiche
die Behandlung des Himmels, des Erdreichs, des
Baumschlages, der Karnation in dem kleinen Bilde
mit den gleichen Teilen der Einsiedler- und Richter-
flügel des Genter Altars. Der warmen, unergründ-
lichen Tiefe des Kolorits, die man mit Recht als
Kennzeichen Eyck'scher Malweise rühmt, steht eine
blonde, aber unklare Farbengebung gegenüber, die
keine Kraft besitzt, die Tiefenkomposition und die
Körperlichkeit im Einzelnen zum Ausdruck zu bringen.
Man glaubt, diese Mängel durch den Umstand er-
klären zu können, dass das Bild von seinem ursprüng-
lichen Malgrunde auf Leinwand übertragen wurde;
indes beweist die Verkündigung Jan's in Petersburg,
die dieselbe Prozedur durchgemacht hat, dass deren

Einwirkung auf das Kolorit keineswegs hoch anzu-
schlagen ist. Karl Voll rühmt die Sattheit und Kraft der
Farben dieses Bildes in überschwänglichen Ausdrücken
(p. 107). Auch bezeugen die pastosen und gut er-
haltenen Stellen des Kruzifixbildes, dass die kraftlose
Haltung lediglich durch die Malmittel hervorgerufen ist.

Dass ein Werk, das gewiegte Kenner den Ar-
beiten Jan van Eyck's einzureihen kein Bedenken
tragen, ungewöhnlich bedeutend sein muss, steht
ausser Frage. Es — wie Voll thut — als hübsch,
aber »künstlerisch belanglos« und »konventionell«
abzufertigen, geht nicht an. Noch viel weniger aller-
dings, es mit Seeck als authentische Schöpfung Hu-
bert's van Eyck anzusprechen und auf diesem schwanken
Grunde ein Gebäude von weiteren kühnen Hypothesen
zu errichten. Aber, da sich auch aus Irrtümern lernen
lässt, wollen wir Seeck's Weg wenigstens soweit
folgen, bis er durch das Gestrüpp unmöglicher Ver-
mutungen und halsbrecherische Sprünge für halbwegs
Vorsichtige unpassierbar wird. Wir werden kaum
ermüden.

Dass Seeck den h. Franciscus in Turin, die beiden
Flügelbilder in St. Petersburg und die Marien am
Grabe (Smlg. Cook in Richmond) mit dem Cruci-
fixus in Verbindung bringt, darf nicht verwundern.
Es hat sogar Berechtigung, wenngleich sich wohl nur
wenige die bestimmte Ausdrucksweise des Verf. an-
eignen werden, dass sich in diesen Bildern »unzwei-
deutig dieselbe Künstlerhand« verrate (p. 13). Den
Brunnen des Lebens in Madrid hat bereits Hymans
dieser Gruppe eingereiht. Er ist nach Seeck das
älteste bekannte Bild Hubert's, dem nun in bunter
Reihe die verschiedenartigsten Arbeiten, wie die Roth-
schildmadonna, das männliche Bildnis in Hermann-
stadt, die Karthäusermadonna in Berlin (meiner An-
sicht nach ein sicherer Petrus Cristus), das späte
Greisenporträt der Sammlung Oppenheim, der Mann
mit den Nelken, die Rolinmadonna, der Profilchristus
in Berlin u. s. w. folgen. Von Interesse ist auch die
Aufteilung der Genter Altarbilder an die Brüder:
Hubert erhält die gerechten Richter und Streiter
Christi, die musizierenden Engel, die oberen Mittel-
bilder (Maria, Gottvater und Johannes), die Statue
Johannis des Evangelisten, die Verkündigung (in die
der Techniker Jan allerdings einige Streifen Sonnen-
licht, eine Wasserflasche, vielleicht auch Diadem und
Mantelschliesse Marias u. a. hineingemalt hat!), die
Anbetung des Lammes und die Einsiedlertafel (die
beiden letzten ebenfalls unter Mitwirkung von Jan),
und schliesslich den Himmel, die linke Hälfte der
Landschaft und den unteren Rand des Erdreichs auf
der Pilgertafel. Das Übrige verbleibt Jan van Eyck.

Für diese Parzellierung fehlt mir durchaus der
nötige Scharfblick; sie zu bekämpfen, würde mehr
Zeit und Raum in Anspruch neTimen, als einem so
undankbaren Unternehmen geopfert werden kann.
Statt dessen sei mir gestattet, die Ansicht Karl Volls1)
über diesen Punkt auszugsweise mitzuteilen, der die

1) Karl Voll, die Werke des Jan van Eyck. Eine
kritische Studie. Strassburg 1900. 8°.
loading ...