Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Zur Kenntnis der mittelalterlichen

Schnitzaltäre Schleswig-Holsteins.

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Kunst beschäftigen, gilt diese Annahme freilich seit langem
nicht mehr als haltbar, denn abgesehen davon, dass es an
und für sich wenig annehmbar erscheint, ein Meister von
der Bedeutung Brüggemann's sei plötzlich aus einem bis
dahin künstlerisch völlig sterilen Volke hervorgegangen,
sprach schon die gewaltige Fülle im Lande erhaltener
Holzplastik aus dem 14. bis zum Anfang des 16. Jahr-
hunderts dagegen. Allein 180 gotische Altäre sind voll-
ständig oder doch in wesentlichen Teilen erhalten. Ein
wissenschaftlicher Nachweis eigener Kunstentwicklung im
Mittelalter ist für Schleswig - Holstein jedoch erst in dem
uns zur Besprechung vorliegenden Buche obigen Titels
von Professor Dr. A. Matthaei gegeben.1) Die unmittel-
bare Veranlassung zur Abfassung der Arbeit gab die Not-
wendigkeit, für die Katalogisierung der im Thaulow-Mu-
seum zu Kiel gesammelten Schätze der Holzschnitzkunst
eine wissenschaftliche Grundlage zu gewinnen. Das vor-
liegende Heft der Beiträge zur Kunstgeschichte Schleswig-
Holsteins will diese Aufgabe für die erste — in der Haupt-
sache gotische Schnitzaltäre umfassende Abteilung des
Museums lösen. Haupts verdienstvolle Inventarisation der
Bau- und Kunstdenkmäler Schleswig - Holsteins giebt das
hier Notwendige an und für sich noch nicht, sie konnte
vielmehr ihrer Natur nach nur als eine Materialsammlung
gelten und andere von dem Verfasser im Vorwort (S. 8
und 9) aufgeführte Arbeiten bieten nur Gelegentliches
oder Einzelnes — namentlich auf Hans Brüggemann
Bezügliches. So war der Verfasser dem ganzen Umfange
der in Betracht kommenden Kunstepoche gegenüber we-
sentlich auf eigene Studien angewiesen.

Matthaei giebt im ersten Abschnitt seines Buches zu-
nächst einen Uberblick über die Geschichte des Landes bis
1530 unter besonderer Beachtung der für die Kunstent-
wicklung massgebenden Punkte. In der Hauptsache legt er
dem Überblick G. Waitz »Schleswig-Holsteins Geschichte «
zu Grunde. Das Ergebnis ist: die Bedingungen für eine
eigene heimische Entwicklung, Friede nach Aussen, Ruhe
und wachsender Wohlstand im Innern, Hebung des Stamm-
gefühls, Gedeihen des Bürgertums, Neigung zu Stiftungen
sind vorhanden:

1. In den Tagen des Grafen Klaus von 1375 bis in
den Anfang des 15. Jahrhunderts.

2. Unter der segensreichen Regierung Adolfs VIII.
nach 1430.

3. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts.

Dabei wird hervorgehoben, dass ein niederländischer
Einfluss bis über die Mitte des 15. Jahrhunderts durch die
politischen Verhältnisse erschwert, ja geradezu behindert
wurde, da die Niederländer im Kampfe gegen das dänische
Königtum fast stets auf Seiten des letzteren standen. Da-
gegen war während der ersten beiden oben angegebenen
Epochen die Beziehung des Landes zu der mächtigen
Hansestadt Lübeck eine vielfach sehr enge. Erst in der
letzten der drei genannten Perioden gewannen die Nieder-
länder infoge der veränderten Weltlage mehr Boden in
Schleswig-Holstein.

Es fragt sich nun, ob eine Prüfung des vorhandenen

:) Beiträge zur Kunstgeschichte Schleswig-Holsteins.
Herausgegeben von der Verwaltung des Thaulow-Museums
in Kiel. I. Zur Kenntnis der mittelalterlichen Schnitzaltäre
Schleswig-Holsteins. Mit einem Verzeichnis der aus der
Zeit bis 1530 im Thaulow - Museum in Kiel vorhandenen
Werke der Holzplastik von Dr. Adelbert Matthaei, a. o.
Professor der Kunstgeschichte an der Christ.-Alb.-Univer-
sität. Leipzig 1898. Verlag von E. A. Seemann. — 4.
206 Seiten, Übersichtskarte und zahlreiche Abbildungen im
Text.

Altarmaterials die Annahme eines Kunstaufschwunges in
den oben als günstig dafür festgesetzten Zeiten rechtfertigt.
Gegen den nahe liegenden Einwurf, dass die Epochen der
Kulturgeschichte sich mit denen der Kunstgeschichte keines-
wegs immer decken, verwahrt sich der Verfasser, indem
er darauf hinweist, dass in einem Koloniallande, wo es
sich um Anfänge handele, und zwar um solche, die von
aussen angeregt worden seien, wie bei Schleswig-Holstein,
die Wechselbeziehungen zwischen Kultur und Kunstge-
schichte näher aneinander gerückt erschienen und unmittel-
barer zum Ausdruck kämen. (S. 3t).

Eine Prüfung im oben genannten Sinne nimmt Matthaei
im zweiten Teil seines Buches vor. Zunächst war das
vorhandene Material chronologisch zu ordnen und hier
gaben wiederum zuerst eine Anzahl von datierten Altären
Anhaltspunkte. Durch Datierung oder urkundliche Nachricht
festgelegt sind 16 Altäre1), der früheste für das Jahr 1330.
Erhalten sind von ihnen jedoch nur zehn Werke, nämlich:
von 1451, in Schwesing, von 1460, bezw. 1444, (S. 33 sub 4)
in Kiel; von 1480, in Osterfeld; von 1506 in Kotzebüll;
aus gleichem Jahre in Kiel Heil. Geist; von 1515 in Eken;
von 1517 in Hütten; von 1520 in Loit; von 1521 Hans
Brüggemanns berühmter Altar aus Bordesholm, jetzt in
Schleswig und von 1522 in Tatenbüll. Zu diesen datierten
Altären tritt noch eine Reihe von Arbeiten, die durch
den Charakter ihres Ornamentes, wie durch das Zeitkostüm
ihrer Figuren mit ziemlicher Sicherheit festzustellen sind.
So ergiebt sich eine chronologische Tabelle mit 26 Nummern.
(S. 38 ff.). Die aus ihr gewonnenen Resultate (S. 43 ff.)
dienen zur Grundlage einer Prüfung der nicht datierten
Werke. Bevor jedoch der Verfasser diese unternimmt,
giebt er eine durch teilweise recht gute Illustrationen und
praktische Schemata trefflich unterstützte Besprechung
der datierten Altäre nach ihrem Erhaltungszustand, nach
ihrer Konstruktion, Einteilung und Ornamentik, sowie
nach dem figürlichen Inhalt bezüglich des Gegenstandes
der Darstellung, der Auffassung und technischen Behandlung
des Einzelnen (S. 46 ff.).

Die für die weiteren Leserkreise interessanteste und
von dem Verfasser selber offenbar mit besonderer Liebe
behandelte und ausgestattete Partie dieses Teiles ist natur-
gemäss der den Brüggemannschen Altar Bordesholm-
Schleswig vorführende Abschnitt.2)

Der Verfasser geht bei der wissenschaftlichen Prüfling
der Brüggemann-Frage mit strenger Sachlichkeit vor.
Auf die Ausführungen über die Frage, woher Brügge-
mann etwa beeinflusst ist, muss besonders aufmerksam
gemacht werden. Matthaei weist hier gegenüber der bis-
her geltend gemachten Behauptung des überwiegend
niederländischen bezw. niederrheinischen Einflusses3) mit
vollem Rechte auf das Überwiegen oberdeutscher Be-
ziehungen hin, die sich nicht etwa auf die Benutzung
Dürer'scher Vorlagen beschränken, aber auch keineswegs

1) Die auf sie bezüglichen erhaltenen Nachrichten
stellt Matthaei S. 33—36 zusammen.

2) Matthaei S. 71 bis 94. Vergleiche A. Matthaei
Zeitschr. f. bild. Kunst N. E. IX. 9 p. 201 bis 12.

3) In der Auseinandersetzung, welche Matthaei S. 89 ff.
unter Bezugnahme auf einen Artikel Friedrich Denekens
über eine Brüggemannmonographie von August Sach
einfliessen lässt, wird man sich nicht unbedingt auf die
Seite des ersteren stellen können. Wenn man dem Resultate
seiner Ausführungen auch beistimmt, so erscheint doch
die Veranlassung dazu insofern nicht begründet, als Matthaei
das Wort »Schulzusammenhang« in viel engerem, speziel-
lerem Sinne nimmt, als Deneken es offenbar aufgefasst
haben will.
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