Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Der Firnistag

des Salons.

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Behang im Hintergrund, ein paar goldrote Flecke
von der umgeschlagenen Innenseite des Mantels. Das
andere Ölbild zeigt ein nacktes Mädchen in einem
finstern Zimmer; aus dem Dunkel leuchtet nur die
weisse warme Haut und einiges Geschmeide, eine
ganz ausserordentlich schöne und eindrucksvolle
Arbeit. Weniger gefallen mir die zwölf Zeichnungen,
Entwürfe zur Ausmalung einer Kapelle, Christus als
Tröster der kranken Kinder und vier, besonders den
Kindern empfohlene Heilige darstellend. Besnard
hat durchaus nicht, was wir von dem Maler religiöser
Bilder verlangen müssen: den Glauben an die Wahr-
heit seiner Schilderungen. Er ist bei seinen mon-
dänen und pariserischen Phantasien in seinem Element,
entzückt und berauscht uns, als religiöser Maler lässt
er uns kalt, weil ihm hier selber die Wärme und
Begeisterung fehlt. Auch Gaston La Touche, der
anmutigste und bestrickendste der jüngeren franzö-
sischen Koloristen hat eine grosse Ausstellung: ausser
mehreren Ölgemälden einen ganzen Saal mit Pastellen,
lauter berauschende Farbensymphonien von bezwingen-
der Schönheit. Der Spanier Zuloaga, der vor zwei
Jahren einen durchschlagenden Erfolg mit seiner, jetzt
im »Luxembourg« befindlichen Porträtgruppe erzielte,
hat eine vermehrte Auflage dieses schönen Bildes
gesandt. Von der Gruppe hat er nur den Mann
weggenommen, die beiden Mädchen und den Hund
aber gelassen und ihnen noch acht oder zehn lebens-
grosse Gestalten beigegeben, zumeist spanische Frauen
in schwarzer oder weisser Mantilla und zum Teil in
knallroten Röcken, die dem Bilde die vornehme Ruhe
rauben, welche die Arbeit im »Luxembourg« aus-
zeichnet. Auch ist die Gruppierung etwas zerrissen
und unruhig, und alles in allem gefällt mir das frühere
und kleinere Bild weit besser. Ein prächtiges Bild
ist die Fähre mit Kühen von dem Belgier van
Cauvelaert, und ähnliche Qualitäten zeigt das mit
seeländischen Frauen gefüllte Boot im Kanal von
Guillaume Roger. Beide Künstler gefallen sich in
der breiten und saftigen Wiedergabe des auf Menschen
und Wasser fallenden hellen Sonnenscheins. Beson-
dere Beachtung verdienen die wirklich al fresco ge-
malten Fresken von Baudouin, weil sie seit Jahren
die ersten mit dieser für die Dekoration von Innen-
wänden unübertrefflichen Technik hergestellten Ar-
beiten sind, die man in einer Pariser Ausstellung
zu sehen bekommt. Alle hiesigen grossen Dekorations-
maler der letzten 50 Jahre haben mit Ölfarben auf
Leinwand gemalt, ein Verfahren, das der Fresken-
malerei in jeder Beziehung unterlegen ist, und dem
es unsere Nachkommen zuschreiben werden, wenn
sie von den herrlichen Arbeiten von Puvis de
Chavannes nichts mehr erkennen können.

Die Zahl der guten Bildnisse ist in diesem Salon
sehr gross: Dagnan Bouveret hat ein Frauenporträt
in vornehmen braunen Tönen; Zorn eine junge
Dame in weisser, mit blauen und roten Blumen ge-
stickter Balltoilette, auf einem rotseidnen Sofa sitzend,
mit der staunenswerten Maestria des Künstlers hin-
geknallt; Blanche mehrere gute Bildnisse, deren jedoch
keines seiner »Familie Thaulow« im »Luxembourg«

gleichkommt; Gandara wird immer mehr zum mon-
dänen Virtuosen, der sich auf die glänzende Wieder-
gabe von Toiletten beschränkt und darüber den in
den Kleidern steckenden Menschen vergisst; Neven
Dumont hat mehrere ausgezeichnete Porträts von
feinstem Geschmack geschickt, darunter eine junge
Mutter mit Kind, ein wahres Meisterwerk; Roishoven
hat seinen kleinen Jungen in eine viel zu grosse
Leinwand gestellt und ihn obendrein mit einem
schweren Riesen Vorhang erdrückt; sehr hübsch und
fein ist das junge Mädchen von dem Kölner Eugen
Stibbe; Aman-Jean hat ausser einem Mädchen in Weiss
auf einer Bank im Freien mehrere andere Porträts
in seiner distinguierten Art; sehr duftig und geschmack-
voll ist die junge Dame in Rosa, umgeben vom
durchsichtigen Blau des Himmels von Louis Picard;
der Spanier Garrido hat ein ausserordentlich an-
sprechendes und sympathisches Mädchenporträt in
vornehm gemessenen Tönen; der Irländer Lavery
drei vorzügliche weibliche Bildnisse, der Österreicher
Kollmann eine in duftigem Farbenschleier ver-
schwindende Frauengestalt und Jeanniot ein kräftiges,
lebendiges Männerporträt.

Von den Landschaftern habe ich einige bereits
genannt, Maurice Eliot ist mit mehreren seiner farben-
frohen Parkansichten erschienen, Alfred Smith mit
den gewohnten Ansichten aus den Seitenkanälen
Venedigs, der Belgier Gilsoul hat zwei vorzügliche
Flachlandschaften, Menard bleibt seinen träumerisch
stillen Abendstimmungen am Meer treu, Dauches
bringt mehrere Ansichten aus der Sumpfgegend
der Rhonemündungen, Montenard schwelgt in der
Bläue des Mittelmeers, Duhem zeigt uns ausser seinen
gewohnten Schafherden wieder einen Holzhacker,
den der Tod besucht, Walter Gay schildert die
Architektur des Schlosses von Fontainebleau, Mesdag
ist mit mehreren Marinen vertreten, und Sandreuter
hat zwei saftig grüne, echt deutsche Fluss-, Wald-
und Wiesenbilder gesandt. Ehe wir die Ölgemälde
verlassen, müssen noch erwähnt werden: die »Sere-
nite« von Osbert, ein von Henri Martin besser und
interessanter behandeltes Thema, der von modern
gekleideten Menschen gegeisselte Christus von Beraud,
ein Bild, das berufen scheint, bei der sensations-
lüsternen Menge der Clou« dieses Salons zu
werden, die famosen spanischen Tänzerinnen von
Anglada und von Bunny, die lebendige Strassenscene
von Abel Truchet, die Kriegsfurie von Delance, die
»Rückkehr von Cythere« von Metivet, die anmutigen
Plänkeleien zwischen nackten Liebesgöttern und
jungen Mädchen von dem graziösen Zeichner Wil-
leme und die ins Märchenreich übertragene Geschichte
der Königin von Holland und des Präsidenten Krüger
von Jean Veber.

Ausser den bereits erwähnten Pastellen von La
Touche und den Zeichnungen von Besnard befinden
sich im Erdgeschoss noch zwei Sonderausstellungen:
Tissot hat einige hundert Aquarelle geschickt, Illu-
strationen zur Bibel, korrekt aber kalt, und Renouard
hat einen Saal mit sehr lebendigen und amüsanten
Zeichnungen von der Weltausstellung gefüllt. In
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