Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

Page: 435
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1901/0226
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
435

436

sparsam mit den Auszeichnungen umgegangen ist, ja
die höchste Belohnung überhaupt nicht ausgeteilt hat.
Man scheint sich auch hier noch über die Bedeutung
der Kunstfaktoren, die bei Erzeugung eines wirklich
künstlerischen Gegenstandes der dekorativen Kunst
mitspielen, noch nicht ganz genügende Rechenschaft
gegeben zu haben. Handelt es sich hier doch zur
Zeit noch in viel mehr Fällen um ein wirkliches
Neuschaffen von Grund auf, indem auf den Gebieten
der übrigen Kunst nur gar zu viele Rezepte zum be-
liebigen Gebrauch für jedermann bereit liegen.

Weiter darf nicht übersehen werden, dass auf den
Dresdner Kunstausstellungen zwei grosse Gebiete der
Kunst eine Bedeutung gewinnen, wie auf keiner an-
deren deutschen Ausstellung: die Plastik und die
graphischen Künste. Schon deswegen, weil sie jedes-
mal als die geläutertsten aller erscheinen. Ganz
Schlechtes findet man hier überhaupt nicht. Die Jury
muss hier immer schrecklich ihres Amtes walten. Ist
es hierbei ein Zufall, dass gerade diese Abteilungen
stets nicht von Künstlern, wie sonst ganz allgemein
auf deutschen Ausstellungen, sondern von Museums-
leitern geleitet werden? Es dürfte zu vorschnell sein,
aus vereinzelten Thatsachen allgemeine Schlüsse zu
ziehen. Denkt man jedoch an die trefflichen Aus-
stellungen, wie sie Krefeld und vor einigen Jahren
noch Hamburg veranstaltet haben, für die gleichfalls die
jedesmaligen Direktoren die eigentliche Seele waren,
so liegt die Frage nahe, ob hier nicht ein Feld offen
ist, dass sich die der Praxis ergebenen Kunstforscher
in gleicher Weise mit der Zeit erobern werden, wie
sie es mit den Museen schon längst gethan haben.
Wie weit es Künstler auf diesem Gebiete bringen
können, sieht man ja alljährlich an der grossen Ber-
liner Kunstausstellung, hat man ja zu Deutschlands
grösstem Schaden auf der letzten Weltausstellung er-
kannt.

Unerreicht und nur mit der Wiener Sezessions-
ausstellung rivalisierend, stehen schliesslich die Dresdner
Veranstaltungen hinsichtlich der dekorativen Anord-
nung da. Man will die Eliteausstellung auch in Elite-
aufstellung zeigen. Es ist ja noch gar nicht so lange
her, dass man in dieser Beziehung dem Kunstwerk
giebt, was des Kunstwerks ist, sogar in den
Museen! Die Sezession hat hier überall den Anfang
gemacht, und unter dem Zeichen der Sezession hat
sich diese Errungenschaft dann auch weiter verbreitet.
Die ersten erträglich aufgestellten Ausstellungen waren
die des Champs de Mars, von denen dann zuerst in
Deutschland die der Münchner Sezession lernte. Die
Dresdner Ausstellung ist in Deutschland bisher am
weitesten gegangen. Sie hat die Kunstwerke nicht
nur in vornehmer Breite ausgestellt, sondern auch,
da nichts so ermüdet, wie eine gleichförmige Grund-
anlage, für thunlichste Abwechslung in der Raum-
anlage gesorgt, hat grosse neben kleine Gelasse ge-
setzt und für die Kleinkunst des Kunstgewerbes reiz-
volle Nischen geschaffen. Der Haupteffekt ist hier
indessen jedesmal die Umdekorierung der grossen, an
sich so unschönen Haupthalle, deren glückliche Lage
sie von Natur aus zum Mittelpunkt der ganzen An-

lage macht. Diesmal ist sie dem jungen Dresdner
Architekten Kreis, dem Wallotschüler, der in der Kon-
kurrenz um die Bismarcksäule den Preis davon ge-
tragen, zugefallen, und sie ist ganz auf das Inwirkung-
setzen des von der Stadt Dresden im Abguss ange-
kauften grossen Grabreliefs Bartholome^ vom Pere
Lachaise angelegt worden, das thatsächlich als das
bedeutendste Kunstwerk dieser Ausstellung, wie über-
haupt wohl aller deutschen Ausstellungen dieses Jahres
eine solche Auszeichnung verdient. Kreis hat sich
mit dem grössten Erfolg aus der nicht dankbaren
Affaire gezogen; es zeigt sich an ihm so recht, was
die deutsche Architektur durch jene Richtung zum
Grossen und Einfachen, die mit Wallot's Reichstags-
bau begann und sich dann aus Mangel an Aufträgen
wohl oder übel durch Rieth's Vorbild auf das Ge-
biet der »Architekturskizzc flüchtete, Thatsächliches
gelernt hat. Kreis schloss der Lichtwirkung wegen
die eine der beiden mit grossen Fenstern versehenen
Langseiten, rückte das Grabmal dem die Ausstellung
Betretenden gegenüber an die Schmalseite und wölbte
darüber einen kühnen, mächtigen Bogen. Im übrigen
vereinfachte er die Architektur, so weit als irgend
möglich, sorgte für dezentes, flaches Ornament und
tönte das Ganze auf ein stumpfes Blau mit gelblichem
Schimmer. Es ist für Kreis' Arbeit vielleicht die
höchste Anerkennung, dass hier zwischen den grossen
Pfeilern auf der hohen Galerie so wunderbar har-

! monisch sich die Abgüsse der Herkulanerin des
hiesigen Albertinums ausnehmen, die wie Genien der
Kunst über dem Gewühl der Menschen und der
modern erregten Bildwerke dort unten thronen.

Bartholome's Grabmal wird jedenfalls auch nach
Schluss der Ausstellung eines der bedeutendsten
Kunstwerke Dresdens bleiben, falls es gelingt, ihm
dauernd den gebührenden Platz anzuweisen. Im dicht
gedrängten Albertinum kann man es sich nach seiner
jetzigen freien, grossen Aufstellung kaum vorstellen.
Das Werk wirkt auf uns wie eine neue Offenbarung:
Plastik und Architektur sind selten so eng zusammen-
gegangen; selten auch hat ein Künstler es verstanden,
so wie hier den ganzen menschlichen Körper zum
Ausdruck seelischen Empfindens zu machen. Es ist
einer der feinsten Züge dieses Denkmals, auf dem
auch nicht zum wenigsten seine Hauptwirkung be-
ruht, dass man Gesichter fast gar nicht sieht. Den

; höchsten Schmerz darzustellen, nicht indem man, wie
Timanthes, die Figur einfach den Kopf verbergen
lässt, sondern indem der ganze Körper erbebt, das
war das eigentliche Ziel dieses Künstlers.

Noch eine ihrer ersten Grössen hat die fran-
zösische Plastik hierher gesandt: Rodin ist diesmal
noch besser als vor vier Jahren vertreten. Seine grosse
Bildniskunst zeigen die Büsten von Chavannes und Lau-
rens, sein hohes, aber vielleicht vergebliches Streben,
die verödete Denkmalskunst zu beleben, das Haupt-
stück des Viktor Hugo-Denkmals. Die unübertroffene
Wiedergabe des Nackten erblickt man an dem Adam
und der für das Albertinum erworbenen Eva, sowie
in jenen bekannten ringenden, schwebenden Menschen-
paaren, zu denen Rodin auf seinem Wege von der
loading ...