Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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X. Tag für Denkmalpflege

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wollte Dissonanz ergeben (z. B. an der Marienkirche
in Mühlhausen und bei der Restaurierung des Braun-
schweiger Gewandhauses). Verkehrt ist es, alle Restau-
rierungsarbeiten des 19. Jahrhunderts in Bausch und
Bogen zu verdammen, einzelne solcher Bauten von
Schmidt, Ungewitter, Heideloff, Essenwein, Schäfer
verdienen Anerkennung, aber im Ganzen ist uns die
alte Formensprache zu wenig vertraut, als daß da
künstlerisch einwandfreie Leistungen möglich wären.

Wir wollen genaues Studium des Alten, wollen
aber frei werden von den Stilen; wir wollen über
dem historischen Stil stehen und ihn nach dem Emp-
finden unserer Zeit umgestalten, weiterbilden. Solche
Werke haben wir: den archaistischen Werken Schäfers
— dem Universitätsbau zu Marburg und der Kirche
zu Karlsruhe — stehen als moderne Bauten in For-
men unserer Zeit Theodor Fischers Universität zu
Jena und Kirche zu Schwabing gegenüber, glänzende
Beispiele von Werken eines Meisters, der über den
Stilen steht. Und noch könnte man eine ganze Reihe
schätzenswerter Leistungen moderner Architekten
nennen, die das Jahrhundert überdauern werden, wie
Martin Dülfers Theater zu Dortmund, die protestan-
tische Kirche Fritz Schumachers in der 3. deutschen
Kunstgewerbeausstellung Dresden 1906, Olbrichs
Warenhaus Tietz in Düsseldorf, Werke von Schmitz,
Billing, Hoffmann u. a. Diese Bauten sind Vertreter
der Richtung, die wir modern nennen. Wie in der
Architektur, geht auch durch die moderne Plastik und
Malerei ein frischer lebendiger Zug. Männer wie
Otto Gußmann in Dresden sind den Aufgaben der
Denkmalpflege durchaus gewachsen. Wir sind also
auf gutem Wege und haben Leistungen hinter uns,
die uns berechtigten, auf dem Gebiete der Denkmal-
pflege mitzuwirken. Man soll deshalb den modern
empfindenden Künstlern auch die Gelegenheit geben,
ihre Kräfte zu erproben und zu betätigen.

An diese beiden Vorträge schloß sich eine längere
Debatte, die in Verbindung mit dem stärkeren oder
schwächeren Beifall darauf hinwies, daß sich die mo-
derne Anschauung auf den Denkmalpflegetagen mehr
und mehr Geltung errungen hat. Vor allem vertraten
Clemen, Ourlitt und Kpnrad Lange mit allem Nach-
druck und starker Überzeugungskraft den modernen
Standpunkt. Lange führte aus, man müsse der älteren
Generation die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß
sie unter den gegebenen Verhältnissen nicht anders
handeln konnte und daß Tornow mit seinen Sätzen
zu seiner Zeit noch Recht hatte. Jetzt aber haben
wir einen modernen Stil, nicht einen einheitlichen
Stil, wie ihn Prof. Weber ganz mit Unrecht verlange,
denn wir leben in einem individualistischen Zeitalter
und schätzen vor allem die persönliche Freiheit, wir
wollen gar keinen vollkommen einheitlichen Stil haben,
aber einen modernen Stil haben. Wir haben neue
Materialien, neue Techniken, neue Konstruktionsmög-
lichkeiten, neue praktische Aufgaben der Baukunst,
an die frühere Jahrhunderte nicht dachten, und unsere
jungen Baukünstler haben das Bedürfnis eigener künst-
lerischer Belebung der Materie. Mithin haben wir
einen neuen Baustil oder wir werden wenigstens

einen haben, wie wir die Sehnsucht nach einem neuen
Stil haben. Daher dürfen wir unseren Baukünstlern
nicht verwehren, in ihrem Stil auch alte Bauwerke zu
erweitern und auszubauen. Wir wollen nicht eine
Formengebung persönlicher Willkür, aber wir wollen
dem Baukünstler erlauben, wo er es ohne Schädigung
kann, seine persönliche Formensprache zu sprechen.
Ehrfurcht vor dem Alten, aber gleichzeitig Liebe,
| herzliche Liebe zu allem Neuen, das soll unsere Losung
sein. Damit schloß Lange seine eindringlichen Aus-
führungen.

Einen ausgezeichneten Vortrag hielt dann noch
der Beigeordnete Stadtbaurat Schilling über Trier und
seine Bauten, der teils frühere Forschungen zusammen-
faßte, teils auf ergänzenden eigenen Forschungen be-
ruhte.

Weiter wurde folgender Antrag der Herren Haupt
(Preetz), Gradmann (Stuttgart), Lemcke (Stuttgart) und
Meier (Braunschweig) einstimmig angenommen.

»Der Denkmalstag wolle erklären, es sei not-
wendig, daß in umfassendster Weise an Bauten und
Kunstwerken aus neuerer und neuester Zeit Her-
stellungsinschriften, besonders Jahreszahlen, angebracht
werden

und er wolle den Ausschuß bitten, in diesem Sinne
die einflußreichsten Behörden, zunächst die Leitung
des Reichspostwesens und das preußische Kultus-
ministerium, anzugehen.

Die Kommission für die Aufnahme des deutschen
Bürgerhauses wurde für aufgelöst erklärt, nachdem
der Verband deutscher Ingenieur- und Architekten-
vereine die Aufgabe übernommen hat.

Damit war die Tagesordnung erschöpft; der Vor-
trag über Hochschulunterricht und Denkmalpflege
wurde auf das nächste Jahr verschoben.

Herr v. Öchelhäuser schloß den Tag mit dem
Ausdruck lebhafter Befriedigung über den so wohl-
gelungenen Verlauf und mit dem Ausdruck des Dankes
für die Redner und alle sonst am Erfolg des Tages
Beteiligten. Diese lebhafte Befriedigung wird jeder
Teilnehmer mit dem Vorsitzenden teilen. Der Tag
war in allen Teilen so vorzüglich vorbereitet und
so ausgezeichnet geleitet, daß alles klappte wie am
Schnürchen.

Ein wundervoller Ausflug moselabwärts führte
dann noch zahlreiche Besucher nach Berncastel, zu-
erst zu der Ruine Larldshut hinauf mit ihrem wunder-
vollen Blick in die Täler, nach dem Josephshof, nach
Graach, Zeltingen und sonstigen schönen Orten, die
man von der Moselweinkarte her kennt, dann gings
hinab in das reizende Städtchen, auf dessen Markt-
platz man sich an den alten schönen Fachwerkbauten
erfreute, und weiter über die Mosel hinüber zu dem
nach Berncastel eingemeindeten Cues mit seinem
interessanten alten Stift und nicht minder interes-
santen ausgedehnten Weinkellereien. Festessen und
Beleuchtung der Burg Landshut schlössen den Tag ab,
dann fuhren die Denkmalschützer frohen Herzens
heimwärts, um sich im nächsten Jahre in Danzig
wiederzutreffen.
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