Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Die Zuverlässigkeit der englischen Zeugen im Florastreit

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Weise zusammenfassend, vereinfachend, sich nur auf
die Haupttöne und -linien beschränkend.

In demselben Raum, wo die van Goghs hängen,
befinden sich auch die Sachen von Cezanne, im
ganzen elf Werke, Stilleben und Landschaften in hellen,
dünnen Farben, so dünn ist die Farbe zuweilen auf-
getragen, daß die Leinwand noch durchschimmert;
manches ist noch teilweise unfertig, eben angelegt,
so daß einige Landschaften unklar und zu flächen-
haft erscheinen. Besonders stört diese Behandlung
bei den Kiefern zwischen Felsblöcken (Nr. 688 G);
das sind keine aus dem Boden frei emporwachsenden
Bäume, sondern tote Stämme, die man da in den
Felsgrund gesetzt hat und die der leiseste Windhauch
umwerfen wird; aber wie hier die Farben gegen-
einander gesetzt sind, das versöhnt einen dann wieder
mit dem Künstler. Ein koloristisches Meisterstück ist
dagegen die Flußlandschaft mit dem Städtchen an
dem bergigen Ufer, das sich in dem Wasser spiegelt
(Nr. 688J); hier offenbart sich die hohe malerische
Kultur Cezannes, die nur zusammenklingende Werte
in seinen Farbensymphonien verwendet und schrille
Dissonanzen verschmäht. Dasselbe vornehme Farben-
gefühl spricht aus seinem Selbstbildnis, das auch
darum besonders interessant ist, weil es zeigt, was
der Künstler auch im Erfassen des geistigen Eindruckes
leisten konnte (Nr. 688 D); ein gewaltiger Kopf von
langer, dunkler Mähne umwallt, mit ebensolchem
langem Bart, hoher Stirn, wo sich das dichte Haar
schon gelichtet hat; aus dem gesunden vollen Gesicht,
in dem die nervösen feinen Nüstern so charakteristisch
sind, springen lebensprühende, dunkle Augen hervor,
in deren Blicken etwas Faszinierendes liegt. Ein Werk
von der höchsten Lebendigkeit und Ursprünglichkeit,
Ein impulsives, gallisch-sanguinisches Temperament,
das ganz im Augenblick lebt und in der unmittelbaren
Wirklichkeit sein Genügen findet, verrät sich in diesen
geistreichen Zügen. Cezanne macht hier eher den
Eindruck eines heißblütigen radikalen Agitators, als
eines feinbesaiteten Artisten. Daneben wirkt das Selbst-
porträt van Goghs an der anderen Wand durch den
Kontrast um so ergreifender; hier spielende Leichtig-
keit des geistigen Stoffwechsels, dort Schwere und
Leiden; es ist nicht nur der Gegensatz zweier Tempera-
mente, es sind auch verschiedene Rassen; es ist der
nordische Mensch, für den alles ein Problem ist, sein
Leben wie seine Kunst, und der Südländer, der die
Dinge mit einer Art kindlicher Selbstverständlichkeit
betrachtet. — Hervorragende Arbeiten sind ferner
noch die Fruchtstücke; die Behandlung ist hier meistens
weniger nonchalant, oft geradezu sorgfältig, dabei
aber stets breit und kräftig; die Äpfel und Birnen
sind rund und saftig und warm in der Farbe; eigen-
tümlich ist die Einfachheit der Zusammenstellung oder
vielmehr es fehlt jede Gruppierung, wie die Früchte
zufällig lagen, sind sie im Bilde festgehalten. — Von
den Neuerwerbungen ist ferner noch ein feines Werk-
chen von Jean-Edouard Vuillard bemerkenswert, eine
Skizze in freundlichen lichten Tönen, eine alte Dame
mit Näharbeit beschäftigt (Nr. 2607 a); idyllisch und
friedlich nimmt sich dieses intime Bildchen unter den

wilden und leidenschaftlichen Schöpfungen van Goghs
und Cezannes aus, zu denen es so eine willkommene
Ergänzung bildet, wo man einen Augenblick ausruhen
kann. — Neu sind außerdem zwei sonnige Land-
schaften von Sisley, ein sonniger Garten mit Beeten
von Caillebotte, eine ganz sachliche weibliche Nackt-
studie von Fehden Rops, ohne alle Philosophie über
die diabolische Macht des Ewig-Weiblichen, und ver-
schiedene Landschaften und Stilleben in Honigfarbe
von Voerman; der den quietistischen Charakter der
holländischenFlachlandsnatur durch seine vereinfachende
und nach dekorativen Wirkungen strebende Kunst
noch steigert; seine saftigen grünen Wiesen mit den
ruhig , grasenden Kühen und den eigentümlichen
weißen Wolkenballen, die sich am Horizont wie ferne
Schneeberge lagern, mit dem klaren blauen Himmel
darüber haben durch ihre reinen, durchsichtigen Farben
etwas von dem leisen traumhaften Reiz von Fata-
morgana-Erscheinungen; es ist keine tiefe, keine große
aber gefällige, saubere und nervenberuhigende Kunst.

M. D. H.

DIE ZUVERLÄSSIGKEIT DER ENGLISCHEN
ZEUGEN IM FLORASTREIT
Von Frida Schottmüller

Herr Direktor Pauli sagt in der Kunstchronik vom
24. Dezember, die englischen Zeugen für Lucas »sind
nicht als lügnerisch oder vertrauensunwürdig erwiesen,
vielmehr haben sich verschiedene Umstände vereinigt,
um ihre Glaubwürdigkeit zu bekräftigen«.

Andrerseits versichern mir Juristen, daß Zeugen,
die in verschiedenen Nebenpunkten irren, nach richter-
lichem Brauch für verdächtig gelten, und ihre Aussage
eben dieser Ungenauigkeiten wegen zweifelhaft er-
scheint. Im folgenden sind einige »Ungenauigkeiten«
der englischen Aussagen zusammengestellt:

1) Die Photographie
der Büste ist von Lucas
senior nach Vollendung
der Büste, d. h. um 1846,
angefertigt.

(Cooksey, Times 23. u.
29. X. 09.)

2) »Sobald die Lehm-
form für die Büsten fertig
und alles zum Guß bereit
war, nahm der Vater ge-
schmolzene Überreste alter
Wachskerzen und Stücke
alter Kleider — einmal so-
gar eine ganze Weste —
und füllte die Form«, so
beschreibt Lucas junior die
Arbeitsmethode seines Va-
ters dem Spezialbericht-
erstatter des Vorwärts (24.
XII. 09), vergl. auch Cook-
sey, Times 1. u. 10. XI. 09.

Die Photographie der
Büste ist nach den wissen-
schaftlichen Untersuchun-
gen des Herrn Geheimrat
Miethe 1859/60 gemacht.

(Amtl. Bericht a. d. Kgl.
Museen, Dez. 190g.)

Auf der Auktion Lucas-
scher Werke am 20. Dez.
1909 bei Christie in Lon-
don wurden eine Anzahl
von Wachsbüsten ohne
Sockel versteigert; diese
alle waren hohl und keine
enthielt alte Gewebe!

(Morning Leader 21.

XII. og.)
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