Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13
Neue Folge. XXI. Jahrgang 1909/1910 Nr. 14. 28. Januar.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« monatlich dreimal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 40 Nummern.
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EIN ENGLISCHER SAMMLER UND SEIN VER-
MÄCHTNIS AN DIE NATION
Von Wilhelm Bode

In George Salting, dessen Tod kurz vor dem
Weihnachtsfest die Zeitungen meldeten, hat England
seinen größten Kunstsammler seit der Zeit des Marquis
of Hertford verloren, und hat zugleich das Glück ge-
habt, daß dem Lande die unschätzbaren Sammlungen
dieses einfachen Emporkömmlings, wie die jenes
großen Sammlers aus einem der ältesten und ersten Ge-
schlechter Englands, der Nation erhalten sind. Salting
verdient als Sammler noch höher gestellt zu werden
als der Marquis of Hertford, da dieser das Kunst-
sammeln mehr als Sport, als eine seiner vielen Exzen-
trizitäten betrieb, während jener nur für das Sammeln
lebte, sein ganzes Einkommen darauf verwendete, mit
dem leidenschaftlichsten Eifer und zugleich bei emi-
nenter natürlicher Begabung mit größter Besonnen-
heit und Schlauheit seine Kunstschätze zusammen-
brachte. Auch als Original konnte er sich mit seinem
vornehmen Konkurrenten messen.

George Salting war Däne von Abkunft; sein Vater
war in Jütland ansässig, wanderte von dort nach
Australien, wo er anfangs als Schafzüchter in der
Nähe von Sidney, dann durch Fabriken und schließ-
lich durch den Verkauf seiner Ländereien an die sich
darüber ausbreitende Stadt ein großes Vermögen er-
warb. Als sein Sohn George, der jüngere von zwei
Brüdern, die aus Eton verzogen waren und in Sidney
die Universität besucht hatten, durch den Tod des
Vaters als junger Mann selbständig wurde, hatte er
ein jährliches Einkommen von etwa 600000 Mark.
Im Laufe der Jahrzehnte — Salting starb im Alter
von dreiundsiebzig Jahren — hat sich seine Einnahme
mehr als verdoppelt. Dieses stattliche Einkommen
hat er so ziemlich ganz auf seine Sammlungen ver-
wendet, denn seine Ansprüche an das Leben waren
im übrigen mehr als bescheiden. Sein Heim war
und blieb seit vierzig Jahren ein kleiner, keineswegs
übermäßig sauberer Klub, der Thatched House Club
in St. James' Street. Im Nachbarhaus, dem Con-
servative Club, nahm er sein zweites Frühstück und
abends sein Diner. Die Zeit zwischen beiden Mahl-
zeiten verbrachte er auf Besuchen der Kunsthändler,
mit kurzer Unterbrechung, um den Tee im Burlington
Fine Arts Club zu nehmen, wobei er einen flüchtigen
Blick in illustrierte Fachzeitschriften tat. Die öffent-

lichen Sammlungen und Ausstellungen Londons bc
suchte er gelegentlich, vornehmlich weil er dort seine
Kunstwerke untergebracht hatte, für die sein beschei-
denes Heim schon seit Jahrzehnten keinen ausreichen-
den Platz mehr bot. Ein großes zweifenstriges
Zimmer und eine kleine Kammer im obersten Stock
des Thatched House Club, das war die Behausung
des Mannes, der gelegentlich an einem Tage hundert-
tausend und mehr für ein Kunstwerk ausgab. Vor
Jahrzehnten sprach er freilich viel von einem Haus-
bau; damals kamen täglich morgens, während er noch
im Bett lag, oder in halber Toilette zwischen seinen
Schätzen herumkramte, Häusermakler: aber wie er
überhaupt sehr schwer im Entschluß war und jede
Veränderung haßte, so ließ er seinen Plan allmählich
fallen und schaffte sich Platz, indem er zuerst im
South Kensington Museum, später auch in der National
Gallery seine Schätze leihweise ausstellte. Daß es
zum Hausbau nicht kam, hatte vielleicht auch seinen
Grund darin, daß George Salting, um mich eines
euphemistischen Ausdruckes zu bedienen, äußerst spar-
sam war. Zu einer Droschke konnte man ihn nur
bereden, wenn sein neuer Hut vor argem Regen in
Gefahr war, und niemals protestierte er, wenn der
Mitfahrende die Droschke zahlte. Daß er bei Leb-
zeiten auch nur eine Kleinigkeit für öffentliche
Zwecke hergegeben hätte, ist mir nicht erinnerlich.
In den fünfunddreißig Jahren, die ich mit ihm be-
kannt und oft täglich in London zusammen war, habe
ich manchen Weg mit ihm machen, manche Auskunft
ihm erteilen müssen. Auf wiederholte Ermahnungen,
daß er sich dafür unseren Museen gegenüber auch
einmal dankbar erweisen müsse, schenkte er mir un-
verhoffterweise eine seltene Cinquecentomedaille. Als
ich sie zu Hause näher ansah, fand ich, daß sie falsch
war, und brachte sie ihm daher zurück; seine Freude
darüber, daß ich hineingefallen sei und mir einge-
bildet habe, er würde unseren Museen ein echtes
Stück geschenkt haben, war eine ganz unbändige.
Aber man tut sehr unrecht, wenn man dieses Original
heute meist nur als Geizhals verschreit; er hatte auch
seine sehr guten Eigenschaften. Um Rat fragte er
gern, ja jeden, dessen er habhaft werden konnte;
selbst zum Schreiben, das er sonst haßte, fast wie das
Lesen, entschloß er sich deswegen. Und doch war
niemand selbständiger im Entschluß, unabhängiger
und eigenartiger im Geschmack. Manchen galt er
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