Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Vermischtes — Forschungen

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The Fairy Tales of the Brothers Grimm. Illustrated
by Arthur Rackham. Translated by Mrs. Edgar Lucas.
London, 1909, Constable and Co. Ltd. (XV und 326
Seiten.) Onginalleinenband 15 sh. net.

Rackham, einer der bedeutendsten Buchiliustratoren
Englands, ist auch uns Deutschen längst kein Fremder mehr.
Von seinem bekanntesten Werke, den Illustrationen zu Ir-
vings Rip van Winkle, ist 1905 eine Ausgabe mit deutschem
Texte erschienen und ebenso im vergangenen Jahre von den
wunderbaren Zeichnungen zum Sommernachtstraum, die
den Abbildungen der drolligen Geschichte des amerika-
nischen Autors in jeder Hinsicht ebenbürtig sind, sowohl
was künstlerische Größe wie vollendete Technik betrifft.
Rackham erfreut sich von seiner ersten größeren Arbeit an,
den Illustrationen zu den Ingolsby Legends bis auf den heu-
tigen Tag einer ständig wachsenden Popularität. Jetzt liegt
nun ein stattlicher, dicker Band vor, eine prächtige Aus-
gabe der Grimmschen Märchen, die Mrs. Edgar Lucas mit
feinem Verständnis übersetzt hat. Es ist ein Genuß zu
sehen, wie der Künstler in den Geist dieser deutschen
Märchen eingedrungen ist. Seine Fähigkeit, die poetische
Empfindung in Bildern auszudrücken, feiert auch hier wie-
der Triumphe. Sein Erfindungsreichtum, seine subtile, geist-
reiche Stilisierung und das vornehme Kolorit zaubern uns
die Gestalten und Geschehnisse packend vor Augen. Feine
landschaftliche Stimmungskunst mischt sich mit all dem
phantastischen Märchenzauber, den Zwergen, Kobolden,
Ritterfräulein. Illustrationen wie die, welche Hänsel und
Gretel und die aus ihrem Hause heraustretende Hexe
zeigen, Hänsel im Schweinekober, Rotkäppchen und der
Wolf und andere, das sind Meisterstücke, die diese Aus-
gabe zu einer der schönsten gestalten, ja vielleicht zur aller-
besten, die wir überhaupt von Grimms Märchen besitzen,
denn glänzende Technik und mit frischem Humor gewürzte
Darstellungskunst gehen hier Hand in Hand. Der statt-
liche Band, der nicht weniger als 40 große farbige und un-
gefähr 60 schwarze Illustrationen enthält, ist übrigens
außergewöhnlich billig und es ist ihm auch in Deutsch-
land eine weite Verbreitung zu wünschen. Schulz-Besser.

Das neueste Neujahrsblatt der Zürcher Kunstgesell-
schaft enthält ein Lebensbild des am 15 Januar 1909
in Luzern gestorbenen tüchtigen Landschaftsmalers Robert
Zünd, verfaßt von Dr. Jules Coulin.

VERMISCHTES

Kunstinventar. Die »Societe des Beaux-Arts< in
Brüssel und die »Societe des Arts Contemporains« in Ant-
werpen haben den löblichen Beschluß gefaßt, einen Katalog
aller in belgischem Privatbesitz befindlichen Bilder und
Skulpturen aufzustellen. Eine ähnliche Arbeit soll nach
dessen Fertigstellung sich auch mit allen anderen Kunst-
und kunstgewerblichen Werten befassen. a. r.

Einen großen Freskenauftrag hat Auguste Rodin
vom französischen Staate erhalten, er soll einen der großen
Säle des künftigen Luxembourg-Museums mit Fresken
schmücken.

FORSCHUNGEN
® Heinz Braune veröffentlicht im Repertorium (XXXII,
Heft 6) das von ihm gefundene Bild Grünewalds, auf
das in letzter Zeit schon mehrfach hingewiesen worden ist,
eine Verspottung Christi, in der Münchener Universität.
Nach den beigegebenen Abbildungen scheint es ganz
außer Frage, daß es sich um ein sicheres und sehr |

Inhalt:

charakteristisches Werk des Meisters handelt. Abgesehen
von der willkommenen Bereicherung, die das an Zahl
noch immer sehr kleine Oeuvre des größten Malgenies
der deutschen Renaissance durch den Fund erfährt,
gewinnt das Bild eine besondere Bedeutung durch seine
Datierung. Mit der Jahreszahl 1503 stellt es das früheste
gesicherte Werk Grünewalds dar und gibt uns eine
ebenso unerwartete wie höchst erwünschte Klarheit über
eine bisher gänzlich im Dunkel liegende Frühzeit des
Meisters. Die müßigen Zuschreibungen, die Bilder aus
dem Kreise Schongauers, des Hausbuchmeisters und Dürers
in buntem Wechsel als Jugendwerke Grünewalds ausgeben
wollten, werden nun hoffentlich gründlich widerlegt sein
und aus der kunstgeschichtlichen Literatur verschwinden.
Aber auch die jüngste Hypothese H. Alfred Schmids,
über die an dieser Stelle sogleich zweifelnd berichtet wurde,
— nach ihr sollte Grünewald Schüler des älteren Holbein
sein und dieses Schülerverhältnis bis zum Jahre 1503 ge-
dauert haben, — wird durch das neue Bild, das mit Hol-
bein kaum etwas zu tun hat, dagegen alle Eigenarten des
Grünewaldschen Stiles bereits in voller Ausprägung ent-
hält, einen starken Stoß erleiden. Es geht nicht an, die
wenigen Meister, deren Kenntnis uns erhalten geblieben
ist, in ein schulmäßiges Abhängigkeitsverhältnis voneinander
zu bringen, und alle Bemühungen in dieser Richtung müssen
von vornherein Bedenken erwecken. Hoffenilich bringt
der glückliche Fund Braunes die erwünschte Klärung für
die Grünewald-Forschung, die bisher trotz mancher — und
vielleicht auch durch manche Bemühungen noch sehr im
argen liegt. o.

© Drei neue Dürerzeichnungen aus der Sammlung
der Veste Coburg veröffentlicht Gustav Pauli im Jahr-
buch der preußischen Kunstsammlungen (XXXI, Heft 1),
eine Himmelfahrt der Maria Magdalena, die um 1493 anzu-
setzen ist, eine Geburt Christi zeitlich der vorigen nahe-
stehend, nnd eine Geißelung, die mit der nachträglich auf-
gesetzten Jahreszahl 1502 richtig datiert sein mag.

© Das Geheimnis der Altäre in der Capilla Real
zu Granada, in deren Türen unter Philipp IV. 1632 innen
die Gemälde des 15. Jahrhunderts aus dem Nachlaß Isa-
bellas eingelassen wurden, beginnt sich zu lichten. 1908
gab Gomez Moreno in der Gazette des Beaux-Arts Abbil-
dungen einzelner der Bilder. Nun hatte auch V. v. Loga
Gelegenheit, die kostbaren Schränke eingehend zu studieren.
Er gibt im Jahrbuch der preußischen Kunstsammlungen
(XXXI, Heft 1) schematische Zeichnungen, die den Inhalt
veranschaulichen. Und in Granada besteht die Absicht,
die gesamten Kunstschätze der Capilla Real in einem Mu-
seum zu vereinigen. Loga geht des näheren auf das
andere Exemplar von Roger van der Weydens Berliner Mira-
floresaltar ein, von dem zwei Tafeln sich in den Schränken
befinden, stark beschnitten, um in die Rahmen eingepaßt
zu werden. Es zeigt sich, daß die dritte Tafel, die einmal
im Kunsthandel auftauchte und in den amtlichen Berichten
(1908) publiziert war, niemals mit den zwei anderen sich
in dem Altar befand, also mindestens seit 1632 von ihnen
getrennt war. Auch aus einem anderen Grunde, weil näm-
lich die zwei Tafeln in Granada sich hoch oben an 6 m über
dem Fußboden befinden, kann nach dieser Zeit eine Kopie
unmöglich gefertigt worden sein. Der alte Verdacht, das
Berliner Exemplar des Marienaltars könne eine Kopie vom
Anfang des 19. Jahrhunderts sein, wird damit also vollends
hinfällig.

Ein englischer Sammler und sein Vermächtnis an die Nation. Von Wilhelm Bode. — Rudolf Quitter t; A. L G. Geiser f; H. Aschenbroich t;
Fred Remingtont; Paul Hoeckerf; |. F. N. Vermehren f. — Personalien. — Wettbewerbe: Oroßherzog-Friedrich-Denkmal in Mannheim,
Polytechnikum in Zürich, Gebäude der Generaldirektion der Staatseisenbahnen in Stuttgart. — Schutz der Kunstschätze in den Kirchen. —
Ausstellungen in Berlin, Köln, Brüssel. — Die Florabüste im Kaiser-Friedrich-Museum; Erwerbungen der Kgl. Gemäldegalerie in Stuttgart;
Kunsthaus der Stadt Zürich. — Ludwig Mond-Stiftung. — Bayerischer Verein der Kunstfreunde; Historischer Verein für Kunstfreunde. —
A Pointner, Die Werke des florent. Bildhauers Agostino d'Antonio di Duccio; Der 5. Jahrgang der »Tnerischen Chronik«; The Fairy Tales
of the Brothers Grimm; Neujahrsblatt der Züricher Kunstgesellschaft. — Vermischtes. — Forschungen.

Herausgeber und verantwortliche Redaktion: E. A. Seemann, Leipzig, Querstraße 13
Druck von Ernst Hedrich Nachf. g. m. b. h. Leipzig
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