Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Personalien — Wettbewerbe — Ausgrabungen

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aufhalten; denn hier ist die hervorragendste Neuerwerbung
des reichen Bostoner Museums ausgestellt: der Marmor-
thron mit der Darstellung des Eros (Thanatos? Hermes?),
der zwei Seelen vor zwei sitzenden Göttinnen abwiegt. Hier
sehen wir das Pendant des berühmten Ludovisithrones in
Rom und noch dazu in weit besserer Erhaltung, als in der
dieser Hauptschatz des Thermenmuseums sich befindet.
Trotzdem die Dimensionen der Bostoner Hälfte nicht ganz
die gleichen sind, wie die des Ludovisithrones, ist an einem
Zusammenhang nicht zu zweifeln. Doch muß die Be-
zeichnung Thron jetzt fallen gelassen werden. Die Innen-
flächen sind roh zubehauen und zweifellos nicht daraufhin
bearbeitet, daß man sie sehen sollte. Die beiden zusammen-
gehörigen Teile waren entweder in Mauerwerk eingelassen
oder dienten als Krönung eines Momentes oberhalb der
Augenhöhe. Während das Ludovisirelief Aphrodite aus
dem Meere — vielleicht auch Persephone aus der Unter-
welt — emporsteigend in Oesellschaft von zwei Nymphen
zeigt, sehen wir auf dem korrespondierenden Teil zu Boston
eine nackte beschwingte Figur, die eine Wage hält, in deren
beiden Schalen zwei athletische Figuren in Miniaturform
schweben. Zur Linken des wägenden Gottes sitzt eine
Göttin, die die Hand voll Trauer über das bevorstehende
Schicksal erhebt, während die andere weibliche Figur eher
zufrieden und bewegungslos sitzt. Wenn auf dem soge-
nannten Ludovisithron in der Tat Aphrodite dargestellt ist,
so muß der Seelenwäger in Boston Eros sein. Nimmt man
aber Persephone in der auftauchenden Figur in Rom an,
so muß der beschwingte Seelenrichter Hermes oder mög-
licherweise Thanatos selbst sein. Die kleinen Figuren in
der Wage sind mit einer kaum zu übertreffenden Feinheit
und Schönheit ausgeführt. Auf dem rechten Seitenteil des
Bostoner Stückes sitzt ein gänzlich nackter Jüngling von
harmonischster Gestalt auf einem Doppelkissen und spielt
die Lyra (das Pendant zu dem flötenblasenden Mädchen
auf dem Ludovisithron). Zur Linken sitzt eine kurzhaarige
alte Frau mit den Händen auf den Knien. Sie scheint einen
Stab zu halten und blickt nach einer bekleideten Priesterin,
die Weihrauch auf ein kleines Räucherbecken legt. Der
Kopf der alten Frau hat einen derartig intensiven Ausdruck,
daß man an ein Porträt denken möchte. In dieser Dar-
stellung der alten Frau wird uns der Genius Griechenlands
in einer ganz neuen Weise offenbar. Einen ähnlichen Re-
alismus kann man in keinem Werk aus dieser Periode
mehr finden. Mit Recht ist dieser Raum so eingerichtet,
daß das dreiteilige Marmorrelief an seinem Ende vor allem
das Auge auf sich ziehen muß. — Im Parterrestock ist die
Hauptmasse der griechischen Vasen, die Reservestücke
von Terrakotten, Glas, Arretiner Töpfereien usw. unterge-
bracht.

Auch über die neueingerichtete Gemäldesammlung,
aus der die amerikanischen Zimmer in dem Bulletin des
Museum of f ine arts wiedergegeben sind, und über das Kupfer-
stichdepartement wäre manches zu erwähnen. Als eine
besondere Sammlung in dem Museum erscheinen die Ge-
genstände westlicher Kunst nach Jahrhunderten geordnet
(Europa, der nahe Orient, aber auch afrikanische und ameri-
kanische Eingeborenenkunst). In dieser Abteilung hat das
Museum zum erstenmal auch einen Versuch gemacht, die
muhammedanische Kunst zusammenfassen. Für den Fall
sich um den Kern, den das Museum bereits besitzt, eine
noch größere Sammlung entwickeln sollte, so sind bereits
Räume dafür bestimmt. — Wir haben schon bemerkt, daß
die chinesische und japanische Kunst die einzige ist, die
in gewisser Weise eine besondere Innenarchitektur er-
forderte. Dabei ist Naturholz und Gips in jener rein
strukturalen Vereinigung verwandt worden, wie sie in Japan
insbesondere seit der Ausdehnung des Bilder- und schmuck-

feindlichen Zenismus während der Ashikaga-Periode (1400 bis
1600 n. Chr.) üblich gewesen ist. — Eine große Bibliothek
mit Lese- und Arbeitszimmer befindet sich ebenfalls in den
Parterreräumen des neuen Museums, ebenso wie die Pho-
tographiensammlung, die in ungefähr 30000 Blättern Skulp-
tur, Malerei und Architektur von Europa, dem nahen Orient
und Japan umfaßt. Die Sammlung der Gipsabgüsse ist
bis zu der Herstellung eines eigenen Gebäudes in zwei
großen Höfen und den nebenliegenden Räumen unter-
gebracht. Der gelehrte Berichterstatter der amerikanischen
Wochenschrift »The Nation« hat in seinem Aufsatz über
das neue Bostoner Museum hervorgehoben, daß unter den
Ausstellungsgebieten das der griechischen Altertümer in
Boston in ganz außergewöhnlicher Weise glänze, so daß
außerhalb Griechenlands die griechische Kunst nur in dem
britischen Museum in London auf ähnliche Weise vor das
Auge trete und nur in einem einzigen Museum, dem Thermen-
museum in Rom, auf angenehmere und gefälligere Weise
genossen werden könne. m.

PERSONALIEN

Der seit geraumer Zeit verwaiste Posten des Direktors
der Kasseler Gemäldegalerie hat eine Wiederbesetzung
gefunden, die in den Kreisen der Kunsthistoriker allseitig
mit Freude begrüßt wird: Dr. Georg Gronau ist mit
diesem Amte betraut worden, das er am 1. April antreten
wird. Gronaus Leistungen und Kennerschaft sind unseren
Lesern zu bekannt, als daß hier noch eine besondere Auf-
zählung vonnöten wäre. Sein neunjähriger Aufenthalt in
Florenz, der hiermit nun abschließt, hat seine wissenschaft-
liche Stellung besonders befestigt.

-f- München. Der Maler Franz von Stuck, Professor
an der Akademie der bildenden Künste, wurde von der
Akademie der schönen Künste in Mailand zum Ehrenmit-
glied ernannt.

— An die Stelle des, wie kürzlich gemeldet, in das Kul-
tusministerium berufenen Malers und Radierers Prof. Max
Dasio wurde der Maler Robert Engels mit dem freige-
wordenen Lehrstuhl an der Kunstgewerbeschule betraut.

X Professor Hugo Lederer, dem eine Lehrstelle in
Wien angeboten worden war, hat den Ruf nach seiner
österreichischen Heimat abgelehnt und wird seinen Wohn-
sitz in Berlin beibehalten.

WETTBEWERBE

4- Metz. Der Gemeinderat der Stadt Metz erläßt ein
Preisausschreiben zur Gewinnung von Entwürfen für ein
künstlerisches Plakat. Den Wettbewerb, an dem sich alle
reicksdeutschen Künstler beteiligen können, krönen drei
Preise in Höhe von 1500, 1000 und 500 Mark.

-(- Bern. Ein Preisausschreiben zur Errichtung eines
Denkmals auf dem Helvetiaplatz in Bern, das die Erinnerung
an die Gründung der internationalen Telegraphenunion
wacherhalten soll, erläßt der schweizerische Bundesrat.
20000 Mark stehen zu Preisen zur Verfügung. Die Aus-
führungskosten schätzt man auf 170000 Fr. Die Art des
Denkmals, das auch mit einer Brunnenanlage verbunden
werden kann, sowie das Material überläßt man den Wett-
bewerbern.

AUSGRABUNGEN
Die Ausgrabungen in Sparta. In einem größeren
Artikel über Ausgrabungen in Griechenland, der die Tätig-
keit der verschiedenen Nationen auf dem archäologischen
Felde in den letzten Jahren rekapituliert,- erwähnen »The
Times« auch einiges Neue über die Ausgrabungen der Eng-
länder in Sparta. Alles andere, was der Aufsatz enthält,
ist an dieser Stelle jeweils schon berichtet gewesen. Be-
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