Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Nekrologe

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im 17. Jahrhundert als Franciabigio der großen Sammlung
einverleibt, ein Teil des Nachlasses des Kardinals Carlo
de' Medici. Was die »Medusa« anlangt, so hat wohl keiner
mehr an Leonardo festgehalten; und Corrado Riccis Nach-
weis, daß es von einem vlämischen Pagen an den Groß-
herzog Ferdinando L geschenkt worden war und in den
alten Inventaren stets als Werk der vlämischen Schule
aufgeführt wird, nicht berücksichtigen, ging doch wohl
nicht an. Der Jünglingskopf en face, der den Namen
Leonardos ebenso zu Recht führte, als er etwa Raffael
oder Sarto hätte getauft werden können, gehört nach der
von Verschiedenen unabhängig geäußerten Ansicht der
venezianischen Schule vom Beginn des 16. Jahrhunderts an;
man dürfte ihn wohl mit den früher um Barbarj grup-
pierten Bildern, die wohl der Frühzeit Lottos angehören,
gesellen.

Die Bilder, die man aus den Sälen zurückzog, waren
mittelmäßige Stücke, denen kein Mensch nachzuweinen
braucht; übrigens sind sie jedermann im Magazin zu-
gänglich. Die andern Werke bekamen so mehr Luft und
konnten besser gehängt werden. Wieder aufgenommen
wurden Bilder, wie eine sehr schöne Madonna von Oiulio
Romano, ein Bild von Pontormo, die von Borghini ge-
rühmte Caritas von Salviati und das von Vasari erwähnte
große Bild von Rosso, ein Prachtwerk, von dessen hohen
Qualitäten hier früher einmal die Rede war.

Die Behauptung, die Neuordnung der Künstlerbild-
nisse verwirre Schulen und Epochen, schlägt der Wahrheit
direkt ins Gesicht; im Gegenteil ist die Aufstellung jetzt
streng nach Schulen geordnet, was in den früheren
Räumen nicht möglich war.

Das Schmerzenskind ist und bleibt die Tribuna: aber
wer kennt heute all die Wandlungen, die dieser Raum
in den verschiedenen Epochen hat durchmachen müssen?
z. B. waren die Panciatichiporträts und der »uomo malato«
von Sebastiano nur ganz kurz dort (letzterer seit igoö).
Die »Parzen« von Michelangelo (!) sind nie in diesem
Räume gewesen.

Das Gesagte mag genügen, um die völlige Haltlosig-
keit der von den Künstlern aufgestellten Behauptungen
zu erweisen. Hinter diesen steckte nichts als die Sorge
der Kopisten, sie möchten in ihren Sonderinteressen ge-
schädigt werden.

Inzwischen ist nun — und das ist das Wichtigste in
der ganzen Polemik — das Gutachten der von der Regie-
rung eingesetzten Kommission über die durch die Restau-
rierung angeblich entstandenen Schäden im Auszug be-
kannt geworden. Drei Männer bildeten sie, Künstler:
Sartorio, Pogliaghi und Cavenaghi. Der erstgenannte stellt
sich dezidiert auf die Seite der Künstler. Die Bilder seien
unharmonisch geworden, besonders das Porträt von Moroni
und die heilige Familie von Sarto im Palazzo Pitti. Sartorio
bezeichnet das Firnissen als essentiellen Bestandteil bei
der Ausführung eines Bildes (wer leugnet das?); diese
Firnispatina bedeute den letzten Willen eines Künstlers
(und die später darübergelegten Firnisschichten?). Wesent-
lich anders lautet die Meinung der beiden anderen, von
denen Cavenaghi als der erste Restaurator Italiens, ein
Mann von Weltruf in seinem Fach, besonders gehört zu
werden verdient. Auch hier wird die farbige Dissonanz
bei dem Porträt von Moroni — dasselbe gilt für den
Beocadelli von Tizian, selbst die Porträts von Rembrandt
und Salvator Rosa — hervorgehoben: doch sei von der
originalen Malerei nichts verloren gegangen und keine
Velaturen oder sonst etwas von der ursprünglichen Mache
verschwunden. Der Restaurator habe es nur nicht ver-
standen, nach der Reinigung dem Bild eine Gesamt-
harmonie zu verleihen (das kann ich nicht finden; aber

selbst wenn es so wäre, so ist das Unglück so groß nicht;
das Bild gewinnt diese in wenigen Jahren wieder). Eben-
sowenig ließe sich von den übrigen Bildern sagen, daß
sie irgendwie ernsthaft beschädigt seien; die heilige Fa-
milie von Sarto erschiene auch nach der Reinigung als be-
sonders gut erhaltenes Werk des Meisters. Die Restau-
rierung des Mosti von Tizian habe dem Bild seinen ur-
sprünglichen Charakter wiedergegeben.

Man sieht aus diesem ausführlichen Bericht über die
von den verschiedenen Parteien geäußerten Ansichten, auf
welcher Seite das Recht, auf welcher das Unrecht war.
Man könnte damit die Angelegenheit auf sich beruhen
lassen, hätte sie nicht eine betrübliche Nachwirkung. In
Italien hat der Angriff durch die Presse eine gewaltige
Macht: einerlei ob die Argumente gut waren oder nicht.
Und so ist auch in diesem Fall die beste Initiative ge-
knickt. Kein Wunder, wenn die jungen, von bestem Streben
erfüllten Gelehrten, die an der Spitze der Sammlungen
stehen, den Mut verlieren, sehen sie sich so verleumdet.
Die Entscheidung über die Restaurierung ist dem Consi-
glio superiore übergeben; das bedeutet wohl, daß nur
dann noch eingegriffen wird, wenn ein Bild in seiner
Existenz bedroht ist. Wieviele Bilder durch Schichten von
Firnis und Übermalungen entwertet sind, weiß nur, wer
die hiesigen Galerien genau kennt. Und welcher Restau-
rator wird sich bereit finden, die Hand anzulegen, wenn
er im voraus weiß, daß ihm Schmähungen als Dank für
hingebende Arbeit zuteil werden?

Wir aber geben die Hoffnung nicht auf, daß allen
Polemiken zum Trotz die trefflichen Männer, die der Zu-
fall in Florenz vereint hat, in dem begonnenen Werk fort-
fahren werden. Vielleicht tröstet sie das Bewußtsein, daß
diejenigen, die keine Privatinteressen unter dem Deck-
mantel der öffentlichen Wohlfahrt zu verbergen haben, zu
ihnen stehen. a. Gr.

NEKROLOGE

Osman Hamdi Bei. Mit Hamdi Bei, der am 24. Februar
in Konstantinopel gestorben ist, verliert die aufstrebende
Türkei nicht allein einen bedeutenden Patrioten und einen
tüchtigen Staatsbeamten, sondern vor allem den Organi-
sator der Kunst und der archäologischen Wissenschaft in
dem großen osmanischen Reiche. Hamdi Bei ist 1842 als
Sohn des von griechischen Eltern stammenden berühmten
Staatsmannes und Militärs Edhem Pascha geboren. Er
hat französische Erziehung genossen und in Paris studiert.
Nachdem er von 1868 bis 1870 Gouverneur des Vilajets
Bagdad gewesen ist und 1873 als Delegierter bei der
Wiener Weltausstellung fungiert hat, fand er 1882 An-
stellung als Direktor der kaiserlichen Museen zu Konstan-
tinopel und hat von da an während fast 30 Jahren eine
für die Wissenschaft im allgemeinen sowohl wie für die
seiner Heimat außerordentlich fruchtbringende Tätigkeit
entwickelt. Er hat die kolossalen Vorurteile der Musel-
männer gegen das Kunststudium und die Kunst über-
wunden; und gleichzeitig mit dem Antritt seiner Direktor-
stelle an den kaiserlichen Museen wurde die türkische
Kunstschule 1882 in Konstantinopel eröffnet, die seiner
Initiative allein zu verdanken ist und die nach kurzer Zeit
schon so Hervorragendes leisten konnte, daß die Ver-
größerungsbauten des Museums einem Professor dieser
Kunstschule, Vallaury Effendi, und die Restauration der
Sarkophage von Sidon dem Professor für Skulptur an
dieser Kunstschule, Osgan Effendi, übertragen werden
konnte. Den größten Ruhm für die Kulturwelt erwarb
sich aber Osman Hamdi Bei durch die Ausgrabung der
schon genannten Sarkophage von Saida (Sidon). Kurz
nachdem die Nachricht eingetroffen war, daß man auf
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