Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13
Neue Folge. XXI. Jahrgang 1909/1910 Nr. 24. 29. April.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« monatlich dreimal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 40 Nummern.
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Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen an.

PARISER BRIEF

Die traurige schaurige Zeit der großen Kunstaus-
stellungen ist wieder da, und der Salon der Unab-
hängigen hat die Reihe würdig begonnen: mit 5669
Nummern im Katalog. Daß man darüber nicht in
einem kurzen* Briefe urteilen kann, ist selbstverständ-
lich, aber es ist auch unnötig, denn der heurige Salon
hat uns keine Überraschungen und Neuheiten gebracht,
es sei denn, daß wir der neu erfundenen Schule des
Exzessivismus besondere Aufmerksamkeit schenken
wollten. Und bei Licht besehen, verdient sie diese Auf-
merksamkeit, denn das Auftreten dieser exzessivistischen
Schule ist bezeichnend für unsere Zeit. Der neue
Reformator nannte sich Boronali und überschwemmte
schon vor der Eröffnung der Ausstellung die Pariser
Redaktionen und Kritiker mit Manifesten, worin er die
Prinzipien seiner Erfindung erklärte. Er sagte, Über-
treibung sei das einzig Wahre, und um etwas zu
leisten, müsse man überlaut schreien und toben.
Eigentlich ist das weder neu, noch sonderbar, denn
nicht nur Edmond Rostand, sondern auch sehr viele
bildende Künstler befolgen schon lange dieses System
und befinden sich sehr wohl dabei. Der geheimnis-
volle Boronali aber war darum auffallend, weil er
nur ein einziges Bild in die Ausstellung schickte.
Dieses Bild stellte nach dem Katalog einen Sonnen-
untergang am Adriatischen Meere vor. Man sieht auf
der Leinwand ein regelloses Durcheinander von wil-
den Pinselstrichen grell roter, gelber und blauer Farbe,
aber aufregend ist die Sache nicht, und seit Jahren
schon sehen wir in allen diesen Ausstellungen weit
tollere und erstaunlichere Dinge. Also verhielt sich
die durch Erfahrung gewitzigte Kritik vorsichtig zurück-
haltend, meinte, die Sache sei nicht schlecht, aber
man könne noch kein definitives Urteil fällen, und
Herr Boronali solle einstweilen nicht so unbescheiden
sein, sondern warten, bis er etwas mehr geleistet habe.
Wer will der Kritik diese Haltung verargen? Wer
heutzutage über Kunst schreibt und nicht jeden mo-
dernen Blödsinn, jedes Aufdenkopfstellen aller Regeln
des guten Geschmackes, der Harmonie und der künst-
lerischen Überlieferung als herrliche Offenbarungen
selbsttätigen schöpferischen Genies bewundert, wird
alsbald als vertrocknetes Fossil und unverständiger
Banause abgetan und zum alten Eisen geworfen: dieses
grausigen Schicksals eingedenk geht der moderne
Kunstrichter schlau und vorsichtig um den heißen

Brei herum und spricht sich gar nicht oder in sorg-
fältig abgewägten diplomatischen Orakelsprüchen aus.
Allerdings kann man auch das System ergreifen, alles
Tolle und Neue über den Schellenkönig zu loben,
aber ganz ohne Gefahr ist das auch nicht, obschon
der augenblickliche Erfolg für diese fortwährend be-
geisterten Leute zu sein scheint.

Im Falle Boronali und seines Exzessivismus sind
diese Lobredner aller künstlerischen Neuerungen zum
Beispiel grausam abgeführt worden, denn nachdem
sie ihrer Entzückung Ausdruck verliehen hatten, er-
klärten die Urheber jenes Sonnenuntergangs, daß kein
zweibeiniger, sondern ein vierbeiniger Esel das Bild
gemalt habe: man hatte einem braven Grautier, das
in einer bekannten Künstlerkneipe auf dem Nord-
abhang des Montmartre sein philosophisches Dasein
führt, einen zuvor tüchtig in Farbe getauchten Pinsel
an den Schwanz gebunden, das wackere Tier rück-
wärts vor eine Leinwand gestellt und dann zu hef-
tigen Beweguugen des Schwanzes gereizt. Auf diese
Weise ist der Sonnenuntergang über dem Adriatischen
Meere zustande gekommen. Bei Licht besehen scheint
mir dieser Scherz ziemlich täppisch: daß es auch Esel
unter den Bildermalern gibt, haben wir alle schon
lange gewußt, und es bedurfte keines neuen Beweises.
Ebensowenig brauchte man zu beweisen, daß die
Kunstkritik ein heikles Geschäft ist, bei dem man in
Ermangelung des leider nicht immer vorhandenen
Kunstverständnisses über ganz infernalische Schlauheit
verfügen muß, um niemals hereinzufallen. Und am
allerwenigsten konnte man uns überraschen, indem
man das Eselsbild bei den Unabhängigen unterbrachte.
Die Unabhängigen nehmen überhaupt alle Einsen-
dungen auf, mögen sie nun von Eseln oder Affen
geschaffen sein, solange der Einsender den üblichen
Beitrag zahlt. Viel amüsanter wäre es gewesen, wenn
man das Bild an einen der alten und offiziellen Salons
gesandt hätte, wo die Kunstwerke zuerst von einer
Jury geprüft werden. Wäre die Schöpfung des Esels-
schwanzes durch das Feuer dieser Jury durchgegangen
— und im Herbstsalon zum Beispiel wäre das durch-
aus wahrscheinlich — dann hätte man die Geschichte
als einen gelungenen Witz bezeichnen können.

Jedenfalls hat der Salon der Unabhängigen durch
dieses Eselsbild einen Clou erhalten, und das
ist in den Augen aller praktischen Ausstellungsver-
veranstalter das Wichtigste und Nötigste. Jetzt gehen
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