Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Vermischtes

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dem seltenen Meister Benedetto Diana geschafft worden.
Dies interessante und schöne Werk ist ein Geschenk von
Mr. Claude Phillips, des Direktors der Wallace-Sammlung.
Das ausdrucksvolle Gesicht und die reizvolle Farbengebung
des ganzen Gemäldes verleihen diesem außerordentliche
Anziehungskraft. Ein anderer, ebenfalls bisher in der
Galerie nicht vertretener Meister ist Willem Pieters Buyten-
wech. Die von ihm herrührende angekaufte Landschaft
wurde in Saal X aufgehängt. Die über sein Geburtsjahr
in den meisten Nachschlagewerken angegebenen Daten
(i5go und 1600) scheinen irrtümlich, denn es ist eine mit
der Jahreszahl 1606 versehene Radierung von dem Künstler
bekannt. Bestimmt weiß man von ihm, daß er 1640 starb.
Einige Bilder von seiner Hand sind von andern Künstlern
in Kupferstich übertragen, so namentlich das als Haupt-
werk geltende Gemälde (1623) >Der Triumph des Prinzen
Wilhelm von Oranien«. In Holland besitzt weder das
Museum in Rotterdam und Haarlem, noch das im Haag
ein Werk des Meisters; dagegen befindet sich im Amster-
damer Rijks-Museum das gewöhnlich >Le Capitaine« ge-
nannte Bild. Das dritte neu aufgenommene Werk ist der
»schiffbrüchige Seemann.« von Josef Israels, das Mrs. Young
für 4600 Guineen erwarb und dem Institut schenkte. Das
vierte für die Galerie bestimmte, aber zurzeit noch nicht
öffentlich ausgestellte Werk ist das lebensgroße Porträt
von Benjamin Hoadly, Bischof von Winchester, angefertigt
durch Hogarth und wahrscheinlich aus dem Jahre 1743
stammend. Hiermit befindet sich die Galerie im Besitz
von acht Werken Hogarths, nämlich: sein eigenes Porträt;
Mary Hogarth, seine ältere Schwester; eine Familien-
gruppe; Livinia Fenton, Hogarths Dienerin; eine jüngere
Schwester Hogarths; der Schauspieler Quin und eine kürz-
lich erworbene Theaterszene. Der neue Flügel und die
in der Galerie vollendeten Umwandlungen haben Sir
Charles Holroyd veranlaßt, namentlich bei der Unter-
bringung der nicht englischen Abteilungen bedeutende
Änderungen vorzunehmen. Der hierbei sichtlich zutage
kommende Grundsatz ist der gewesen, in den streng ge-
schiedenen Schulen, wenn irgend möglich in jeder der-
selben die chronologische Reihenfolge aufrecht zu erhalten.

O. v. Schleinitz.

Paul Gauguin hat jetzt seinen Einzug ins Luxem-
bourg-Museum gehalten. Zwei Kunstfreunde haben zwei
Gemälde seiner Hand der Sammlung zum Geschenk ge-
macht, ein drittes soll noch folgen.

VERMISCHTES
Oberbaurat Stübben aus Berlin hielt im großen
Vortragssaale der Brüsseler Weltausstellung einen von

einer glänzenden Zuhörerschaft sehr beifällig aufgenom-
menen, sehr gelehrten Vortrag über die Ästhetik der Städte
durch die Jahrhunderte. Dieser Vortrag, unterstützt durch
einen außerordentlichen Reichtum von Lichtbildern, drehte
sich im Grunde genommen um die Frage: sollen die mo-
dernen Städte geradlinig oder krummlinig gebaut werden?
Die einen behaupten, die gerade Linie sei kalt und leblos
und schlage jedem Schönheitsgefühl in das Gesicht, wäh-
rend die phantastische Linie die Quelle jeder Kunst und
jeder Lebensfreude sei. Stübben warnt vor solchem vor-
schnellen Urteil und schöpft seine Gegengründe aus der
Geschichte der Entstehung der Städte selbst. Die Regel-
mäßigkeit in der Bauart sei schon den Alten im Blute ge-
legen, aber nach dem Sturze des römischen Cäsarentums
wäre durch Jahrhunderte eine beispiellose Verwirrung der
ästhetischen Begriffe beim Städtebau eingerissen. Nach
der Mitte des 13. Jahrhunderts jedoch hielt man sich von
neuem an die gerade Linie; Beweis dafür: Carcassonne,
Ypern, Brügge, Nürnberg. Das Malerische also bedinge
durchaus keine Unregelmäßigkeit der Linie. Die fran-
zösische Revolution aber vernichtete vollends den Ge-
danken, den Städten große, freie, wohlproportionierte An-
lagen zu geben. Erst unter Napoleon III. kam das alte
System der Schaffung breiter, von einem Mittelpunkte aus-
strahlender Arterien wieder zur Geltung. Dieses System,
nachdem es von Deutschland aufgegriffen worden war,
habe auch gerade dort starke Anfeindungen erfahren
müssen. Es blieb aber in Kraft in Frankreich, und ge-
wisse neue Viertel in deutschen, belgischen und hollän-
dischen Städten fußen ebenfalls darauf. In Wien beob-
achtet man nur rechteckige Blöcke. In vielen modernen
Städten habe allerdings die angewandte gerade Linie nichts
mit Kunstbegriffen zu tun; eine rühmende Ausnahme darin
bilden der Quai d'Avroy in Lüttich und der Andrassy-
Boulevard in Budapest. Die Anlage einer modernen Stadt
erfordere vielerlei Rücksichten, die man früher nicht zu
beobachten brauchte — als da sind Hygiene, soziale Not-
wendigkeiten, Verkehrswesen; es sei aber darum nicht
nötig, den Schönheitspunkt aus dem Gesicht zu verlieren.
Im ganzen könne man sagen, daß die lateinischen Völker-
schaften nebst den Amerikanern dem barocken System,
dem der Regelmäßigkeit treu geblieben sind, während
Deutsche und Engländer mehr zur Unregelmäßigkeit neigen;
doch sei die Periode der Übertreibungen darin bereits im
Abflauen begriffen. Stübben sprach noch des längeren
über den Umbau von Löwen, mit dem er, wie es scheint,
beauftragt ist. Man wird sich erinnern, daß der berühmte
Berliner Städteerbauer auch Leopolds II. intimster Beirat für
die künftige Umgestaltung Antwerpens gewesen ist. a. r.

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