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Mauntel, Christoph; Schneidmüller, Bernd [Begr.]; Weinfurter, Stefan [Begr.]
Gewalt in Wort und Tat: Praktiken und Narrative im spätmittelalterlichen Frankreich — Mittelalter-Forschungen, Band 46: Ostfildern, 2014

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https://doi.org/10.11588/diglit.34763#0243

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242

IVI Problematisierungen

Das Vergehen an Kindern und Frauen (insbesondere Jungfrauen und
Schwangeren) habe, so Gauvard, ein gesellschaftliches Tabu berührt und
Angst ausgelöst, da es die biologische Reproduktion gefährdet habe."''' Im Fall
von Vergewaltigungen betraf dies die Standesehre der Familie, im Falle von
Tötungen sogar die Sicherheit ihres Fortbestands.
Die Aufständischen wurden durch deartige Zuschreibungen gesellschaft-
lich ausgegrenzt: Die AnonfmaBc C/mvnde berichtet, der (imaginäre) Anführer
der Jacques, /de Bondtomme, habe mehrfach Kinder aus den Bäuchen ihrer Müt-
ter geschnitten, um sich dann an deren Blut zu erfrischen.^ Mitte des
14. Jahrhunderts dürfte dieses Bild an die Ritualmordvorwürfe gegen Juden
erinnert haben, die zwischen 1280 und 1340 ihren Höhepunkt erreichten: Man
warf Juden wiederholt vor, sie würden christliche Kinder rituell töten, ihr
Blut trinken und für magische Praktiken verwenden.'"* Die werden so
in eine Reihe mit den Gruppen gestellt, die nicht nur außerhalb der dinsü%-
mhzs standen, sondern die Christen durch die ihnen zugeschriebenen Prakti-
ken zudem missachteten und bedrohten. Als letzter Beleg und maximale Stei-
gerung der Horrorszenarien soll eine drastische Schilderung Jeans le Bel an-
geführt werden:
„Ich wage nicht, die schrecklichen Taten und Übel niederzuschreiben
oder zu erzählen, die sie den Damen antaten. Unter anderen schänd-
lichen Taten töteten sie [die Aufständischen] einen Ritter, spießten ihn
auf eine Lanze und rösteten ihn vor den Augen seiner Frau und der
Kinder. Nachdem sich dann zehn oder zwölf an ihr vergangen hatten,
wollten sie sie zwingen, ihren Mann zu essen. Dann bereiteten sie ihr
einen schlechten Tod."'"*

Gauvard, Grace espedal, S. 218f. und 813f.; Gauvard, Violence et ordre public, S. 12f.; Gau-
vard, Rumeur [2000], S. 284. Siehe auch Gonthier, Chatiment, S. 34-38. Ein Zitat aus Alain
Chartiers QMHdn'LgMC LwA;/" belegt genau diese Angst, da den Engländern entsprechende In-
tentionen zugeschrieben werden: 1L c^brccMf TosLr cf rauL parjorcc L uL cf L SMÜsLucc de uoz
Jcmmcs et cp/äns, t?Me ALfMrc uoMS coMsfnÜMf a doMlccmcMf MOMn'r et tendremeMt awer. Chartier, Qua-
drilogue, S. 24.
ui Et te dite Bonedomme CM p/MsiMrs ILMS grascL cp/HMMfz de /es uewfres de toMr mcrcs et de L sende de
/es ditz en/HMtz p;;r so; re/resedere enMnete sonn corps en desptte de Dien et de ses setntes. The Anoni-
malle Chronicle, S. 42. Die in einer Handschrift überlieferte, anonyme Chronik ist vermutlich
eine reine Kompilation und auch für die englische Peasants' Revolt kein Augenzeugenbericht,
vgl. Hansen, Peasants' Revolt. Die Vorlagen sind jedoch unbekannt: Bulst, ]acquerie, S. 807,
führt Jean le Bel oder Froissart als mögliche Quellen an. Gransden, Historical writing, Bd. 2,
S. 111, vermutet eine verlorene lateinische Chronik. Die Herkunft der Episode über die Jgc^MC-
r;'c ist also nicht bestimmbar.
H3 Erstmals berichtet Thomas von Monmouth zum Jahr 1144 von der Tötung eines Jungen durch
Juden. Der Vorwurf, das Blut zu konsumieren ist zuerst in Fulda 1245 belegt. Siehe dazu Erb,
Ritualmordbeschuldigung; Wasyliw, Martyrdom, S. 107-136; sowie die Beiträge in: Ritualmord
und Die Legende vom Ritualmord, v.a. Erb, Ritualmordlegende und Schroubek, Tradierung.
Zur bildlichen Umsetzung des ,Hostienfrevels' siehe Wiesemann, Hostienfrevel. Ab 1435 wer-
den ähnliche Vorwürfe gegen vermeintliche Sekten von Hexen erhoben, siehe dazu Utz Tremp,
Häresie, S. 5-13, sowie 16 und 19.
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