Beck, Paul A. [Editor]
Schwäbisches Archiv: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Literatur, Kunst und Kultur Schwabens — 27.1909

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konziliatorischen Verhandlungen schätzen
gelernt. Durch Vermittlung der Freunde
Steins wurde anscheinend Eichhorn der
Auftrag erteilt, die preußischen Gefangenen
zu übernehmen, denen Napoleon die
Freiheit geschenkt hatte, und sich zu diesem
Zwecke zunächst nach Erfurt zum Mar-
schall Davoust zu begeben. Die erste
und einzige Frage, die dieser an Eich-
horn richtete, war: „Wo ist Herr
vom Stein?" Als Eichhorn antwortete,
er wisse es nicht, wie er es denn auch
in der Tat nicht wußte, erwiderte der
Marschall: „Sie wissen es recht wohl,
Sie wollen es nur nicht sagen", und
wies ihn mit zornig verächtlichen Blicken
zur Tür hinaus. St. befand sich durch
die über ihn von dem gewaltigsten Manne
der Zeit verhängte Achtung in einer
bedrängten Lage und brachte es über sich,
den inzwischen zum Fürstprimas und zum
Haupt des Rheinbundes aufgestiegenen
Freiherrn von und zu Dalberg, mit dem
er ja früher gut gestanden, zu ersuchen,
sich bei Napoleon für Zurücknahme der
Güterberaubung zu verwenden. Das
Schreiben übergab er zur befürwortenden
Überreichung ebenfalls dem Kammer-
gerichtsasfessor Eichhorn. Letzterer war,
wie Pertz im Leben Steins (II, S. 339)
erzählt, an den Rhein geeilt, um für
St. die Ordnung seiner dortigen Ver-
hältnisse zu versuche» und reiste dann
nach Frankfurt, um auf den Fürstprimas
persönlich zu wirken. Er überreichte den
Brief in einer Privataudienz. Der Fürst
wollte ihn anfangs, wie im Schrecken
und in der Angst, gar nicht annehmen.
Auf die Vorstellung, daß man dem
Überbringer keinen Brief gesandt habe,
wodurch Se. Hoheit irgend kompromittiert
werden könnte, nahm er ihn endlich nach
längerem Zögern an, erbrach und las
ihn mit Aufmerksamkeit auf der Stelle.
Dann trat er auf Eichhorn zu und sagte:
„Sie haben mir den Mann nicht genannt
und ich will und darf ihn auch nicht
nennen. Was ich tun kann, will ich
gern tun. Ich werde Sie rufen lassen
und Ihnen die Antwort schriftlich er-
teilen" — eilte in Heller Angst so schnell
als er nur konnte in ein Nebenzimmer
und ließ Eichhorn allein stehen. Von
der Zeit an bis kurz vor seiner Abreise

nach Aschaffenburg besuchte Eichhorn alle
seine Assembloen und trat ihm überall in
den Weg, um ihn an seine Freundes-
pflicht zu erinnern. Er wußte aber
immer kalt-freundlich an ihm vorüber-
zuschlüpfen. Zuletzt bat Eichhorn wieder
um eine Privataudienz und ward zur
öffentlichen Audienz auf den andern
Tag beschieden. Als letztere aufgehoben
war, kam er beim Weggehen an Eich-
horn heran und sagte: „Sie haben mir
einen Brief gebracht. Sie können sich
leicht vorstellen, daß ich nichts tun kann.
Ich habe bis jetzt nichts tun können.
Ich möchte gern etwas tun". Daß er
etwas tun werde, sicherte er nicht zu
und wir dürfen gleich beifügen, daß er
überhaupt nichts getan hat. Es ist
allerdings zweifelhaft, ob D. mit einer
Verwendung bei Napoleons bekannten Ge-
sinnungen für »Io nomlno Akin- etwas
ausgerichtet hätte; die Gelegenheit hätte
nur eine besonders günstige sein müssen,
allein — D. hatte überhaupt nicht den
Mut dazu! Als Stein später eine Bei-
lage oder einen Nachtrag zu dem Briefe
schickte, reiste E. wieder nach Aschaffen-
burg. Der Fürst gab sich hier höchst
freundlich und sprach gleichsam vertrau-
lich über Allerlei. E. reichte nun das
Blatt hin. Anfangs wieder dasselbe
Sträuben, es anzunehmen. Endlich nahm
er es doch an, las es in E.'s Gegen-
wart durch und sagte: „Zuerst bin ich
Fürstprimas und als solcher habe ich
Pflichten, die mir die heiligsten sind.
Kommen diese nicht in Kollision, so gilt
mir der Freund das Höchste. Ich
werde tun, was ich kann. Leicht stellen
Sie sich vor, was ich Ihnen schon mehr-
mals gesagt, daß ich sehr wenig tun
kann. Man muß zusehen und den schick-
lichen Zeitpunkt abwarten". Er hat
freilich stets zugesehen, nie eine günstige
Gelegenheit finden können, und dann in
der Tat auch fernerhin nichts getan, was
seinem ganzen Wesen gleichsteht. Dal-
berg war ja ein rein äußerlicher Mann,
ohne besondere Charakter- und ethische
Eigenschaften, also auch ohne besondere
Freundschaftsgefühle; er beherzigte die
Tugend, des Freundes im Unglück zu ge-
denken, nicht; er hatte den" Blick stets
nur nach oben gerichtet und so auch blos
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