Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1 cm
facsimile
Abhandlungen.

Neues silbervergoldetes Altarpültchen.

(Mit Abbildung)
einer Erzbischöflichen Gnaden
dem Hochwürdigsten Herrn
Erzbischof Dr. Antonius
Fischer von Cöln ist zur
Inthronisationsfeier von den
:Sechs Domvikaren, die
|den früheren Weihbischof als
Ceremoniare auf den Firmungs-
^^ reisen nacheinander zu be-

gleiten pflegten, als sinniges
Geschenk ein silbervergoldetes Mefspültchen
verehrt worden. Vom Cölner Hofgoldschmied
Josef Klee fisch (Gabriel Hermeling) im
hochgotischen (durch den Dom nahegelegten)
Stil ausgeführt, 43 cm breit, 39 cm tief, 12 cm
hoch, verdient es wegen seiner originellen und
gefälligen Form, wie soliden und sauberen
Technik Abbildung und Beschreibung.

Auf den vier Ecken erscheinen je zwei
stämmige Klauen als die Träger des ganzen Ge-
stells, dessen Umfassung aus durchbrochen ge-
gossenen und ziselierten Borten besteht, oval-
artigen Rankenverschlingungen mit Weinlaub
und Weintrauben, von denen jenes mehr die
Zwickel füllt, diese die Mitte. Sie werden
vorn unterbrochen durch das emaillierte Wap-
pen mit dem Wahlspruch-Bande: Omnibus pro-
desse, Obesse nemini, auf den Seiten durch die
Medailloninschriften, gold auf blauem Grund:
Eleclo VI. Nov. MCMII, Confirmato XIV.
Febr.MCMIII, rückwärts durch die auf Gold-
grund schwarz emaillierte Inschrift: Inthroni-
zato XIX Martii MCMIII Dr. Arnold. Steffens,
Dr. Jos. Vogt, Carol. Bohlen, Matthias Dahlhau-
sen, Joes Wellenberg, Joes Jansen, filialis obsequii
ergo. Der vortrefflich modellierte, kräftig und
doch nicht zu schwer wirkende Rankenfries ist
wie nach unten, so nach oben von einer tiefen
Hohlkehle gefafst, von der hier eine Schräge
zur Deckplatte überleitet, mit dem Untersatze
verbunden durch ein die ganze Breite ein-
nehmendes Scharniersystem, in dem zugleich
die niedrige Klappe sich bewegt mit dem auf
schraffiertem Grund ausgesparten, daher sehr
wirkungsvollen Minuskeldistichon:

In sedem sti Materni Antonio evecto
Ad aram qui erant ipsi quondam a libro.

Dieselben Rosettchen, welche ihren vertieften
Rahmen verzieren, schmücken auch ringsum die
Pultdecke, eine reich durchbrochene mit rotem
Leder hinterlegte Tafel. Bis zur Höhe der Klappe
wird dieselbe friesartig durch eine ausgesägte
Eichenranke gegliedert und Eichenlaub füllt
auch die Zwickel, welche die fünf Medaillons
scheiden: das die Mitte beherrschende, über
dem Buch stehende Lamm Gottes mit den
zwölf Nasenornamenten der Umrahmung, und
die in Vierpässe gespannten, ebenfalls im
Silberton belassenen Evangelistensymbole. Diese
Anordnung ist sinnvoll in der Idee, gefällig
in der Gruppierung, klar in der Ausführung,
so dafs der Deckel in symbolischer wie in
künstlerischer Beziehung durchaus befriedigt.
Schon im früheren Mittelalter war diese ebenso
effektvolle wie einfache Durchbruch- bezw. Aus-
schneidetechnik beliebt, was z. B. beweisen: das
höchst merkwürdige romanische Tragaltärchen
des Franziskanerklosters zu Paderborn (Katalog
der kunsthist. Ausstellung Düsseldorf 1902 Nr.
613), der romanische Buchdeckel im Musee Cluny
(»Zeitschr. für christl. Kunst« Bd. III, Sp. 181
u. 182 ff.), der frühgotische Bucheinband des
Cölner Kunstgewerbemuseums (dieselbe Ztschr.
Bd. I, Sp. 25/26 ff.). Die kräftigen Gravuren,
welche sie auszeichnen, zeigen den Weg für die
ornamentale Behandlung, zu der im vorliegenden
Falle noch eine sporadisch angebrachte schwache
Aufbucklung der flachen Blatt- und Mafswerk-
ornamente hätte hinzutreten dürfen zur Er-
reichung noch gröfserer Mannigfaltigkeit und
Bewegung. Der roten Lederunterlage haben
im Mittelmedaillon aufgedrückte Goldsternchen
zu günstiger Zusammenstimmung verholfen
mit der glänzenden Deckplatte. Auf ihrem
Rücken ermöglichen zwei in Scharnieren leicht
funktionierende Streben das Schrägstellen wie
das Niederlegen.

Möge das prächtige mustergültige Pültchenj
welches den Kirchenfürsten in Seine hohe
Würde miteinführte, Sein festlicher Begleiter
sein durch eine lange Reihe glücklicher segens-
reicher Jahre! Schnütgen.
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