Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 8.

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Nachrichten.

Kunstfahrt der Utrechter St. Bernulphus-

Gilde im Jahre 1900 nach Löwen,

Villers, Brüssel.

II.

Im grofsen Speisesaal des »Hotel des Ruines«,
der alten klösterlichen Korn- und Ölmühle, geräumig
placiert, reichlich und freundlich bedient, fanden
sich die Reise- und Gildebrüder wieder ganz zu
Hause. Die hohe Decke mit ihren kolossalen Unter-
zügen und kräftigem Gebälk verbreitete einen feinen
Duft von Eichenholz, ganz übereinstimmend mit ihrem
der mittelalterlichen Kunst zugewandten Studium;
dieses Zimmer- und Schreinerholz ersten Ranges, in
unserer Zeit so teuer und selten, hier so verschwen-
derisch angewandt, versetzt den Geist von selber in
frühere Jahrhunderte und Zustände. Unser erster
Sekretär, der Vorbereiter der Reise, Mgr. A. Jansen,
hatte sich den Fall gut überlegt und gab uns schon
hier im voraus die nötigen historischen und örtlichen
Fingerzeige; er wufste, einmal eingeführt in diesen
Zauberort, würde keiner mehr ruhig und andächtig
der nüchternen Geschichte sein Ohr leihen. Da
drinnen noch einige kurze Erklärungen zur Orientie-
rung, zum Überblick des Ganzen, bereitwillige Ant-
wort auf einige nähere Fragen — aber dann keine
Pläne mehr, keine Grundrisse und Durchschnitte;
wir dürfen uns ganz hingeben dem ersten, mächtigen,
unbeschreiblichen Eindruck. Noch vor hundert Jahren
erhob sich hier eine der imposantesten Abteien mit
allem Zubehör, eine in sich abgerundete und abge-
schlossene, fast vollkommene kleine Welt. Die eigen-
nützige Menschenhand hat sie nicht ganz abtragen,
nicht ganz vernichten können; sie hat die Mönche
vertrieben, und dadurch den Chorgesang verstummen
machen, die nützlichen Hand- und Kunstbetriebe ge-
stört, dem ausgebreiteten Haushalt, dem sorgsamen
Garten- und Ackerbau Einhalt getan ; die Dächer sind
abgebrochen, die Fenster zerstört, Gewölbe und Pfeiler
zum Teil eingestürzc — aber die Poesie hat ihren
Einzug in diese verlassenen Mauern jubelnd gehalten;
mit Sonnenglanz und Mondesflimmer, mit Blumen und
Gesträuch und schattenreichen Baumwipfeln; sie hat
ihre Werke in Übereinstimmung mit dem verfallenen
Menschenwerk wunderbar malerisch arrangiert; sie
winkt und lacht uns zu, die Schöne, und ladet uns
ein, über eine grofse Vergangenheit zu sinnen,
von den Strapazen einer rastlosen Gegenwart uns zu
erholen und einer besseren Zukunft zu gedenken.
Wollte einer für etliche Wochen sich in diese wunder-
bare Stille zurückziehen, um sich seinen Phantasien
zu überlassen oder die Einrichtung einer grandiosen
Abtei zu studieren, so würden wir ihm raten, als
wissenschaftliche und poetische Lektüre mitzunehmen
Montalemberts herrliches Werk: >LesMoines de l'Oc-
cident« und Webers Klosterepos das herrliche »Drei-
zehnlinden«.

Wie oft sagt man und hört man sagen: diese
schlauen Mönche! Welche herrlichen Plätzchen wufsten
sie auszuwählen; wie verstanden es diese frommen
Männer, indem sie das Himmlische anstrebten, auch

das irdische Leben höchst erträglich sich einzurichten,
alle Reize der Natur, alle Gaben eines fruchtbaren
Bodens behaglich zu genielsen. Aber diese lachenden
Täler und Hügel, die uns jetzt entzücken, waren ur-
sprünglich Orte voller Schrecken. Den ersten Pio-
nieren der Zivilisation sank das Herz in die Schuhe
oder die Sandalen, wenn sie zur Urbarmachung sol-
cher Wüsten sich anschickten. Das strenge Gebot
eines heiligen Klostervaters, zuweilen ein Zuruf, ein
Trosteswort von oben waren erforderlich, um sie aus
ihrer Rat- und Mutlosigkeit aufzurichten. Nur stück-
weise wurden Äcker und Wiesen erobert, erst nach
langer Zeit machten Baracken und Scheunen Platz
für endgültige monumentale Gebäude; die anhaltende,
geduldige, nach keinem sofortigen Profit haschende,
aber einer gesicherten Zukunft zustrebende Mönchs-
arbeit vermochte selbst der Natur abzugewinnen, was
der modernen Schaffenshast unerreichbar bleibt: der
Weinbau begleitete die Klosterbrüder bis weit hinauf
in unsere nördlichen Gegenden; die Gewächse von
Villers durften sich gewifs guter Qualität rühmen, da
wir sie als fürstliche Tischweine erwähnt finden Auf
Sankt Bernards Befehl machten sich im Jahre 1146
zwölf Mönche und fünf Brüder von Clairvaux auf den
Weg, Laurentius ist ihr Führer. Sie kommen in die
Nähe von Nivelles und lassen sich dort an einem
wüsten Ort nieder; gar zu wüst. Auf ihre Klagen
mufs Sankt Bernard selber herüberkommen, um sie
zu ermutigen. Nein, der gewählte Platz scheint auch
ihm nicht geeignet; er führt seine Kinder in ein be-
nachbartes Tal, in dessen Grund ein Flüfschen
strömt. Dort pflanzt er das Kreuz als Mittelpunkt
für Gebet und Arbeit. Sehr einladend scheint es
auch dort nicht ausgesehen zu haben, denn er ruft
aus: An diesem fürchterlichen Ort werden viele ihr
Heil finden! In hoc loco horroris plures salvabuntur!
Als die wilde Natur ein wenig gezähmt, der Thyle
ihr Lauf zwischen, festen Dämmen angewiesen war,
konnte mit der vorläufigen Einrichtung von Kloster
und Kirche begonnen werden, wozu die gefällten
mächtigen Eichen Holz in Überflufs lieferten. Schon
gleich aber wurde ein grofsartiger Plan entworfen,
wonach, die provisorischen Zelte ersetzend, ein Bau
erstehen sollte, geeignet, viele Jahrhunderte zu über-
dauern. Der achte Abt von Villers, Karl Graf von
Seyne, macht 1197 den Anfang mit der Einrich-
tung zweier Schlafsäle für Mönche und Brüder. Der
Reichtum wächst, die Abtei erwirbt Weinberge am
Rhein und die Fischerei bei Dortrecht. Konrad,
Karls Neffe folgt ihm; er war Abt von Villers, Clair-
vaux und Citeaux, wird Bischof von Porto, das Licht
des ganzen Ordens, ein Licht der Kirche. Als päpst-
licher Legat beteiligt er sich am Krieg gegen die
Albigenser, aber auf seinem Sterbebett ruft er aus:
Warum hab' ich nicht allzeit in Villers gelebt, unter
den Klosterschülern, mit den KirchenbrUdern die Ge-
fälse spülend. Der zehnte Abt, Walter von Utrecht,
scheint sich hauptsächlich den geistlichen Übungen
gewidmet zu haben. Der folgende, der elfte Abt,
Wilhelm von Brüssel, ist wieder ein Mann der schaffen-
den Tat; er gründet Klöster, wird Abt von Clairvaux,
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