Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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Abhandlungen.

Die Kalkarer Bildhauer
auf dem Wege von der Gotik zur
Renaissance.
(Mit 8 Abbildungen.)
I. Heinrich Douvermann in Kleve.
(1510—1517.)
on keinem westdeutschen Bild-
schnitzer aus der ersten Hälfte
des XVI. Tahrh. sind bessere
Nachrichten, von wenigen kunst-
vollere Meisterwerke erhalten, als von Heinrich
Douvermann. Obwohl seine Arbeiten oft be-
handelt wurden, hat noch niemand eine ein-
gehende Schilderung seines Entwickelungs-
' ganges versucht.

Er stammte aus Dinslaken im Kreise Ruhr-
ort.1) Sein Vater Heinrich war dort wieder-
holt Schöffe. Der Bruder seiner Mutter
Katharina Nielant, Evert Nielant, wurde 1468
auf Präsentation des Herzogs von Kleve mit
der Bartholomäuskapelle in Isselburg (Kreis
Rees) begiftet, dann Pfarrer in Reeken. Von
ihm erhielt Johann Douvermann, ein Bruder
unseres Bildhauers, im Jahre 1490 eine Mefs-
stiftung zu Dinslaken. Wenn er dieselbe gleich
selbst versehen sollte, hätte er damals 24 Jahre
alt sein, also um 1465 das Licht der Welt er-
blickt haben müssen. Im Jahre 1506 war er
Kanonikus zu Wissel bei Kaikar, später Pfarrer
in Dinslaken, wo er am 4. September 1555
starb. Er wäre also nach jenen ersten Be-
rechnungen 90 Jahre alt geworden. Da das
ein ungewöhnliches Alter ist, wird man besser
annehmen, jener Onkel habe ihm die Stiftung
so bald als möglich übertragen, d. h. als er
sieben Jahre alt und Kleriker geworden war.
In diesem Falle wäre er 1483 geboren und
72 Jahre alt geworden.

Sein Bruder, der Bildhauer Heinrich Douver-
mann, tritt bereits 1510 als selbständiger Mei-
ster auf, und mag um 1485 zur Welt ge-
kommen sein. Vielleicht hat er um 1510 für
Johann, den Pfarrer von Dinslaken, die beiden
70 und 78 cm hohen Engel geschnitzt, welche

') Schölten, »Beiträge zur Geschichte von
Wissel und Grieth« 80; Beissel, »Die Bauführung
des Mittelalters, III. Ausstattung der Kirche des
hl. Victor.« (Freiburg 1880, Herder), 2 Aufl. 177.

die sog. „Waffen Christi" tragen und in der
dortigen katholischen Kirche erhalten sind.2)
Der Altaraufsatz jener Kirche, den Schölten
ihm zuweisen möchte,8) stammt aber nicht von
ihm, sondern ist die wohl schon um 1490
entstandene Arbeit einer Brüsseler Werkstätte.4)
Eine ihm von Schölten zugeschriebene „Statue
des hl. Martinus in der evangelischen Kirche
daselbst" scheint abhanden gekommen zu sein.
Um dieselbe Zeit (um 1510) wurde Hein-
rich Douvermann zu Kleve mit der Herstellung
eines Marienaltars für die Stiftskirche betraut.
Der Auftrag war sehr ehrenvoll, weil die Stadt
damals als Residenz des Herzogs eine hohe
Kunstblüte erlebte und mit den Künstlern
zu Brüssel und Antwerpen in regem Verkehr
stand. Von Brüssel und Antwerpen aus wurde
ja damals die ganze Umgegend mit „flämischen
Altären" versehen.

Leider ergab Douvermann sich einem leicht-
fertigen Künstlerleben. Er machte Schulden
und förderte seine Arbeiten nur langsam. Die
Sache wurde so arg, dafs er um Ostern des
Jahres 1513 verurteilt wurde und seinen Auf-
trag verlor. Die Vollendung desselben über-
wies man, wie es scheint, dem Bildschnitzer
Jakob Derichs.5)

In die Mitte des Marienaltais der Stifts-
kirche zu Kleve ist ein thronendes, um 1350
geschnitztes Marienbild gestellt. Sein Schrein ist
in einem Mischstil ausgeführt; denn die Predella
mit dem Anfange des Stammbaumes Jesse und
die trefflich geschnitzte Fortsetzung dieses Stamm-
baumes in den breiten Kehlen des Schreines
ahmen Teile des Matthiasaltares von Xanten
nach, der wohl aus der Gegend von Utrecht und
Haarlem stammt. Dagegen sind die Gruppen zur
Rechten und zur Linken des Marienbildes
(Christi Geburt und Anbetung der Könige)
sowie über demselben (Marias Tod und
Himmelfahrt), deren reiche Baldachine und die

'-' Clernen, »Die Kunstdenkmäler der Rhein-
provinz« II, 209 Fig. 15.

8) Beiträge a. a. O.

*) Münzenberger-Beissel, »Zur Kenntnis und
Würdigung mittelalterlicher Altäre Deutschlands,«
(Frankfurt a. M.) II, 20.

•'') Schölten, »Die Stadt Kleve 1879«, (Bofs) 607.
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