Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 2.

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bürg baute aus dem Holze heidnischer Haine
Kirchen, schon sein Nachfolger Bescelinus
(-{-. 1045) ersetzte aber die wichtigste derselben
durch einen Quaderbau.44) Die Kapelle Hein-
richs IV. auf der Harzburg bei Goslar ward
freilich 1074 aus Holz errichtet; der Chronist
sagt aber ausdrücklich, dies sei geschehen, weil
man Eile gehabt hätte.45) Sie würde also
bald einer besseren Platz gemacht haben. In
Lübeck gründete 1163 der Slavenherzog Heinrich
ein Stift, dem er zu Ehren Marias und des
h. Nikolaus vorläufig eine Holzkirche gab,
welcher später ein festerer Bau folgte.46)

Auffallend ist, dafs der zu Cöln aus Stein
erbaute grofse Dom der karolingischen Periode
sich lange mit einem hölzernen Turme be-
gnügen mufste.47) Vielleicht wollte die Bürger-
schaft ihm aus strategischen Rücksichten keinen
festeren zugestehen, weil er dicht bei der alten
Stadtmauer auf einem Hügel lag. Erlaubten
doch die Ordensritter in Preufsen vielfach ihren
Städten nicht den Bau steinerner Türme, deren
man sich im Kriege gegen sie hätte bedienen
können.48)

Fafst man alles zusammen, so ergibt sich
als ein Grundgesetz der kirchlichen Baukunst
der Satz: „Holzbau ist nur der Vorläufer des
Steinbaues." Holzkirchen findet man nicht im
Zentrum der Kirche, sondern nur in der
Peripherie, in den dem Christentum gewonnenen

*«) L. c. II, 68, pag. 831.

«) Lambert ad an. 1074, Mon. Germ. SS. V, 211.
46) Annales Palidenses 12; Annales Magdebur-
genses ad an. 1163, Mon. Germ. SS. XVI, 92, 192.
«) Nota s. Petri, Mon. Germ. SS. XVI, 734.
**) Otte, »Kunstarchäologie« 5. Aufl. I, 71.

Ländern, als Vorstufe zu festeren Gotteshäusern.
Sie verschwinden mit dem Fortschreiten der
Kultur vor den in römischer Art aus Ziegeln
oder Bruchsteinen, Tuff und Quadern errichteten
Kirchen. Ansätze zu einem künstlersich ent-
wickelten Holzstil lassen sich für das Mittelalter
in Deutschland und seinen Nachbarländern,
abgesehen von Schweden und Norwegen, kaum
nachweisen. Sobald Geldmittel und Bildung
in höherem Grade vorhanden waren und
künstlerische Ausgestaltung einer Kirche oder
eines gröfseren Klosters erstrebt wurde, wandte
man sich dem in Italien und in allen älte-
ren Kulturländern der Christenheit üblichen
Steinbau zu. Die allgemeine, schon durch
die Sitten des Alten Bundes und der Heiden-
welt geheiligte Gewohnheit, Altäre aus Stein
zu errichten, ging ins Christentum über.
Bildete aber der Altar naturgemäfs den Kern
der Kirche, so drängte er von selbst zur Er-
richtung von Gotteshäusern aus Stein.

Die in altern und neuern Kunstgeschichten
so häufig gebrachten Darlegungen über die
Ausdehnung und Dauer des Holzbaues zu
kirchlichem Gebrauche wird man auf ein be-
scheidenes Mafs herabsetzen müssen. Liebe
zur Wahrheit fordert, bei jedem der aus älteren
Werken stammenden Nachweise genau zuzu-
sehen, ob es sich wirklich um Holzbauten
handelte und zwar um solche, die nicht blofs
bei rasch entstandenem Verlangen nach Grün-
dung neuer Kirchen einstweilen dienen sollten,
sondern um dauernde und zufriedenstellende
Unternehmungen.

Stephan Beissel S. J.

Nachrichten.

Clemens Freiherr von Heereman f.

Am 23. März starb zu Berlin an der Stätte seiner lang-
jährigen, idealen und opferreichen Parlamentstätigkeit
der um die Kunstgeschichte seiner Heimatprovinz, wie
um die Erhaltung ihrer Denkmäler hochverdiente,
den erhabensten Kunstbestrebungen unermüdlich zuge-
wandte, in den weitesten Kreisen hochgeschätzte Edel,
mann, dem unsere «Zeitschrift ftlr christ-
liche Kunst« Entstehung und fortdauernde
Förderung verdankt. Auf seinen Ruf versam-
melten sich zu Bonn im Sommer 1887 zahlreiche
Kunstfreunde, und seinem Einflüsse ist es in erster
Linie beizumessen, dafs schon bald nachher die Zeit-
schrift ins Leben treten konnte, als seine Gründung mit
besonderem Vertrauen begrüCst und von seiner Für-
sorge beständig begleitet. Alljährlich berief er den von

ihm geschaffenen »Verein zur Förderung der Zeitschrift«
zur Generalversammlung und hier, wie im mündlichen
und schriftlichen Verkehr mit dem Herausgeber be-
währte sich sein abgewogenes Urteil wie sein weiser
Rat, der bei aller Bestimmtheit in den Grundsätzen
stets mafsvoll lautete. — Seine »Mitteilungen über An-
tependien« in Bd. IV, Sp. 73—90 sind aus seinen
SpezialStudien hervorgegangen, als deren Frucht schon
1882 sein Werk über »Die ältesten Tafelmalereien
Westfalens« erschienen war. An den sinnigen Er-
zeugnissen der Soester Schule, des Ursprungsortes der
frühesten Tafelgemälde, hatten sich seine Kunstanschau-
ungen genährt und geklärt, ihnen die weiche Richtung
und den hohen Zug dankend. „Der Weise erwirbt
sich unter seinem Volke Ehre: und sein Name wird
ewig leben". Eccl. 37, 29. Schnütgen.
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