Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 3.

samkeit. Das Auge des Gesetzes wacht. Wach-
sam mufs der Richter sein, sonst leidet die
Gerechtigkeit Schaden.

Eben wegen ihrer Wachsamkeit spielen nun
aber die Kraniche in der „Rechtsgeschichte"
noch eine ganz besondere Rolle. Ähnlich wie
wir beim Straufs an die berühmte Sage von
Brutus erinnern konnten, dürfen wir hier zur
Erklärung die Kraniche des Ibykus heranziehen.
Sie sind die geflügelten Rächer des Unrechts,
die vindices justitiae, das sichtbare Gegenbild
der Rachegeister, die den Schuldigen dem
rächenden Schwert des Richters überliefern.
Ihr rascher Flug symbolisiert zugleich die

Schnelligkeit der Justiz, um deren willen die
bildende Kunst der Gerechtigkeit so oft Flügel
gab und gibt.

Heute ist der Kranich so wenig mehr wie
der Straufs Attribut der Gerechtigkeit. Aber
seine häufigere Verwendung zeigt, dafs er be-
liebter war. Und mit Recht! Er ist kein
schöner, aber doch ganz stattlicher und kluger
Vogel. Vor allem aber: seine Bedeutung neben
der Justitia ist nicht so rätselhaft und die Er-
klärung nicht dadurch erschwert, dafs er neben
der Gerechtigkeit zugleich Symbol aller mög-
lichen Untugenden ist.

Berlin. Ernst von Moeller.

Der Reliquienschrein der Heiligen Gervasius und Protasius zu Breisach.

;icht viele unter den Reliquien, welche

die katholische Christenheit verehrt,
sind durch eine so bedeutende ge-
schichtliche Überlieferung ausge-
zeichnet, wie diejenigen der Protomartyrer
Gervasius und Protasius. Die Nachrichten über
das Leben und den Tod der beiden Heiligen
freilich sind dürftig und überdies schlecht be-
glaubigt: den Kern der verschiedenen Er-
zählungen bildet jedoch, dafs Gervasius und
Protasius Zwillingssöhne des unter Nero zu
Ravenna gemarterten Vitalis und der Valeria
waren; die Mutter, welche nach dem Tode des
Gatten sich in Mailand niedergelassen hatte,
erlangte dort schon bald die Martyrerkrone,
während die Söhne erst später, vielleicht erst
unter Domitian, um des Glaubens willen ge-
tötet wurden: Gervasius durch Bleigeifseln,
Protasius durch Stockschläge und schliefslich
durch Enthauptung.

Es war kein geringerer, als der grofse
Kirchenlehrer Ambrosius, der, wie er selbst
erzählt, „von einer brennenden Ahnung ge-
trieben", die heiligen Leiber an ihrer in Ver-
gessenheit geratenen Ruhestätte auffand und
ihnen im April 386 in der eben vollendeten
Basilika, die heute noch seinen Namen trägt,
den Platz unter dem Altare anwies, den er
ursprünglich für sich selbst bestimmt hatte.
Und wiederum kein geringerer war Augenzeuge
der grofsartigen und eindrucksvollen Feierlich-
keiten, unter denen die Übertragung stattfand,
als der damals noch der Kirche fernstehende
Augustinus: in seinen Bekenntnissen sowohl
wie in der Civitas Dei gedenkt er des Ereig-
nisses und insbesondere der begleitenden
Wunderzeichen, welche auch auf die Arianer in

Mailand nicht ohne Wirkung geblieben waren.
Unter dem Hochaltar der Basilika, wo am
Ostertage 397 Ambrosius selbst zur Linken der
beiden Blutzeugen beigesetzt wurde, behielten
nunmehr die Reliquien ihre Stätte, bis am
26. April 1162 mit dem Einzüge des siegreichen
Friedrich Barbarossa das schwere Verhängnis
einer beispiellosen Verwüstung über Mailand
hereinbrach und neben der reichen Fülle anderer
Schätze auch die sorgsam gehüteten Heilig-
tümer der Stadt in die Hände des deutschen
Eroberers fielen.

Bei diesem Punkte nun setzt die Über-
lieferung ein, aufweiche Breisach, die gegen-
wärtig in ein bescheidenes Stillleben zurück-
getretene, ehedem aber als Grenzfeste und
Schlüssel des Reiches hochberühmte Stadt am
Oberrheine, den gewichtigen Anspruch gründet,
die Überreste der Mailändischen Märtyrer seit
nahezu siebenhundertundfünfzig Jahren in ihren
Mauern zu bergen.

Es ist bekannt, dafs der Kölner Erzbischof
Rainald von Dassel, als er im Juni 1164 das
Hoflager in Pavia verliefs, aufser den Gebeinen
der hl. Dreikönige auch noch andere, aus der
Mailänder Beute herrührende Reliquien durch
den Kaiser zum Geschenk erhielt; ausdrücklich
genannt werden jedoch in den gleichzeitigen
Quellen nur die Heiligen Felix und Nabor, die
jetzt ebenfalls im Dome zu Köln beruhen. Ver-
gegenwärtigt man sich nun, dafs Rainald von
Vienne, wo er eine Versammlung der bur-
gundischen Fürsten und Bischöfe begrüfst hatte,
durch Hochburgund an den Rhein und weiter
den Strom hinabgezogen ist, um am 23. Juli
1164 in seiner Metropole einzutreffen, dann ist
die Annahme gar nicht so absonderlich, dafs
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