Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 9.

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Das Rationale von Toul.

(Mit Abbildung.)

ine der interessantesten bischöflichen
Insignien ist ohne Zweifel das R a-
tionale. Im Mittelalter diesseits
der Alpen vielfach verbreitet, ist
es jetzt auf nur wenige Kirchen beschränkt.
In seiner Studie über diesen Gegenstand1) konnte
P. Braun nur drei Bischofssitze namhaft
machen, wo es noch heute bei feierlichen An-
lässen getragen wird: Eich statt, Krakau,
Paderborn. Es sei uns gestattet, hier auf
ein viertes Bistum hinzuweisen, das sich heute
noch des Rationale erfreut, nämlich Toul-
Nancy. Obwohl die deutsche Literatur sich
bis heute mit demselben fast gar nicht be-
schäftigt hat, verdient es doch aus mehr als
einem Grunde eine genauere Betrachtung, wes-
halb wir seine Geschichte hier etwas ausführ-
licher darlegen.2)

1. In keiner Diözese ist der Gebrauch des
Rationale auf zahlreichern Denkmälern und
durch einen längern Zeitraum bezeugt als in
Toul, Eichstätt vielleicht ausgenommen. Toul
ist immer stolz gewesen auf seine uralte Aus-
zeichnung. Wohl aus diesem Grunde hat man
versucht, ihr Alter möglichst hoch hinaufzu-
rücken. P. Benoit-Picart will es gesehen ha-
ben auf einem Siegel der Bischöfe Dreux oder
Drogon (907-922) und Gauzelin (922-962)
von Toul; er meint sogar, der Gebrauch des
Rationale in Toul sei vielleicht so alt wie die
Gründung dieser Kirche durch den hl. Man-
suetus, weil dieser Heilige stets mit dem Ra-
tionale dargestellt werde.3) Dieselbe Ansicht
vertritt auch eine Broschüre des Abbd Guil-
laume.4; Da indes die beiden genannten Siegel

') Vergl. »Zeitschr. für Christ). Kunst« XVI, 97 ff.

*) Vergl. Martin, Histoire des dioceses de Toul,
de Nancy et de Saint Die, I (Nancy 1900) 467 ss.
Das Werk handelt mit grofser Sorgfalt über das Ra-
tionale zu Toul. Nur darin irrt der Verfasser, wenn
er glaubt, das Rationale sei heute nur mehr in Nancy
gebräuchlich.

8) Benoit-Picart, »Histoire ecclesiastique et
politique de la ville et de la diocese de Toul« (1707)
p. 168. ,,Dreux de France et S. Gauzelin le Rationale
portent, l'un dans le sceau de la donation qu'il fait
au chapitre de l'abbaie de S. Martin et l'autre dans
U Charte de la fondation de l'abbaie de Bouxiere".
Die fragliche Abhandlung ist in der von mir benutzten
Ausgabe vom Autor später handschriftlich hinzugefugt.

*) Guillaume, Le surhumeral, prgvogative secu-
laire des seuls iveques de Toul, chez les Latins, en
raison de l'anliquite' de leur eglise (s. a. 7 pag.l.

heute nicht mehr vorhanden sind, und das
älteste der uns erhaltenen Touler Bischofssiegel,
nämlich dasjenige des Bischofs Riquin de
Commercy (f 1127) das Rationale nicht zeigt,
so mufs der Gebrauch dieser Insignie in Toul
im X. Jahrh. oder noch früher zweifelhaft blei-
ben, zumal Benoit-Picart in seinen Angaben
nicht selten die kritische Genauigkeit ver-
missen läfst/1) Sicher bezeugt ist das Rationale
in Toul zuerst auf dem Siegel des Bischofs
Peter von Brixey (1165 — 1192) vom Jahre
1166,6) nicht erst bei Robert von Marcey,
wie Rohault de Fleury glaubt.7) Bischof Peter
sitzt in liturgischer Gewandung auf einem vier-
eckigen Stuhle, mit Stab und Buch in den
Händen; über der Kasel trägt er ein breites
Schulterband, das mit viereckigen Bandver-
zierungen ausgestattet ist; auf der Brust hängen
mehrere Kreuzchen. In diesem Ornatstück
wird man unbedingt das Rationale erkennen
müssen, dessen Form im Mittelalter bekannt-
lich vielfach gewechselt hat. — Vielleicht läfst
sich das Rationale in Toul bereits einige Jahre
früher nachweisen. Bischof Heinrich von
Lothringen (1127—1165) trägt auf einem Siegel
vom Jahre 1149 ein Ornatstück in Form des
erzbischöflichen Palliums.8) Da das Rationale
aber auch anderswo in dieser Form auftritt,
so dürfen wir vielleicht mit Robert, dem
sich Martin anschliefst, auf dem genannten
Siegel das Rationale annehmen. Weil sich
ältere Zeugnisse für das Rationale in Toul
nicht vorfinden, können wir es hier nur bis
zur ersten Hälfte des XII. Jahrh. verfolgen,
während es sich in Halberstadt und Metz be-
reits in der zweiten Hälfte des X. Jahrh. nach-
weisen läfst.

6) Über den Wert der Geschichte des P. Benoit
vergl. Martin, I. p. XXV. Barbier de Montault ist
allerdings geneigt, auf diese Angaben hin, den Ge-
brauch des Rationale im X. Jahrh. anzunehmen. Vergl.
Memoires de la socield d'archeologie lorraine, 3. se>.
XV (Nancy 1887) p. 195.

«) Robert, »Sigillographie de Toul« (Paris 1868)
pl. II, Fig. 3.

7) La Messe VIII, 72. Vergl. diese Zeitschrift
a. a. O. S. 117. Die Angaben Rohaults de Fleury
über das Rationale von Toul sind durchaus ungenau
und unvollständig.

8) Robert, Sigillographie pl. I, Fig. 2. Mir
scheint hier eher das Pallium als ein Rationale dar-
gestellt zu sein.
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