Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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Liturgische Saugröhrchen im alten Lederfutteral.

(Mit Abbildung.)

m Schatz des Erfurter Domes haben
$5/ 8S ' s'('' zwe' der heute selten gewor-
denen liturgischen Saugröhrchen
aus dem Anf. des XV. Jahrh. erhal-
ten, doppelt interessant, weil das dazu gehörige,
gleichzeitige Futteral auch noch verhanden ist.
Das merkwürdige, bisher noch nicht veröffent-
lichte Stück verdient gewifs die Publikation.

Bekanntlich wurden die Röhrchen (fistula,
calamus etc.) vornehm-
lich beim Laienkelch
verwendet, um ein et-
waiges Verschütten und
Abtropfen oder son-
stige Inkonvenienzen zu
verhindern. Wie man
seit der frühromani-
schen Zeit bestrebt war,
die Kelche ihrer Be-
deutung entsprechend
aus edlem Metall her-
zustellen, so auch die
dazu gehörigen Saug-
röhrchen. So erklärt
sich, dafs die beiden
Erfurter Fistulae aus
Silber sehr sauber und
zierlich gearbeitet sind.
Ihre Länge beträgt 18
cm. Beide haben ein
seitlich angesetztes, an-
nähernd kreisrundes
Plättchen mit vorsprin-
gendem Randleistchen

als Handhabe oder Griff. Darüber hat eins
der Röhrchen einen sorgsam gearbeiteten klei-
nen Teller zum Auffangen etwa herabfliefsen-
der Tropfen.

Aufgehoben werden diese Fistulae in einem
Lederfutteral mit etwa ovalem Durchschnitt.
Im Innern ist durch einen hölzernen Steg
eine Zweiteilung für die Röhrchen hergestellt.
Die gesamte Länge des Futterals bei fest
anschliefsendem Deckel beträgt 20'/2 cm, der
Querdurchmesser an der durch die Henkel
und den Trichter bewirkten Erweiterung
6'/2 cm- Der ebenso einfache wie zweck-
entsprechende Verschlufs des Futterals ge-
schieht durch eine am unteren Teil befestigte
Darmsaite, die am Deckel beiderseits durch
je zwei in das Leder eingestochene, vor-

springende Ösen gezogen, über dem Deckel
einen bequemen Henkel bietet.

Seinen Wert erhält das Futteral durch die
geschmackvolle und korrekte Lederarbeit. In
das heute stark nachgedunkelte, fast schwarz-
braune Leder sind die schmückenden Orna-
mente eingeschnitten, so dafs sie plastisch oder
reliefartig sich vom Untergrund abheben.
Dieser ist durch Einpunzen gerauht, wodurch
auch koloristisch ein Ge-
gensatz zwischen glatten
und stumpfen Flächen
entsteht.

Das zierliche Meister-
stück ist kennzeichnend
für das sichere und ein-
heitliche Stilgefühl der
hohen Gotik, die jedem
liturgischen Gebrauchs-
gegenstand ornamental

gerecht zu werden
wufste. Die untere Hälf-
te des Futterals ist ge-
schmückt durch eine
graziös geschwungene
Ranke, besetzt mit je
drei gröfseren und klei-
neren stilisierten Blät-
tern, in denen wir, mit
Rücksichtauf den Zweck
des Futterals, wohl Wein-
blätter erkennen dürfen.
Die wulstartige Ausbau-
chung zeigt auf der einen
Seite ein Rankenornament, dem, der unteren
Hälfte des Futterals entsprechend, auf der an-
dern nebeneinandergereihte Dreiecke die noch
heute übliche Kerbschnittmanier verraten. Je
eine zierliche, wie ein Fragezeichen geschwun-
gene Ranke mit zwei Blättern schliefst die
Dekoration des Deckels, nachdem er sich ver-
jüngt hat, ab.

Weimar. Dr. Otto Büchner f.

[Der verehrte Verfasser, seit kurzem unserer Zeit-
schrift ein hochgeschätzter Mitarbeiter, ist am 18. Au-
gust zu Erfurt, wo er an der kunsthistorischen Aus-
stellung mitwirkte, einem typhösen Fieber erlegen, im
Alter von nur 34 Jahren, viel zu früh entrissen der
archäologischen Wissenschaft, namentlich des Mittel-
alters, als deren kenntnisreichen und begeisterten, die
höchsten Hoffnungen weckenden Vertreter er sich be-
reits bewahrt hatte. K. I. P.!] D. H.
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