Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTUCHE KUNST

Nr. 10.

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Nachrichten.

Kunstfahrt der Utrechter St. Bernulphus-

Gilde im Jahre 1900 nach Löwen,

Villers, Brüssel.

III. (Schlufs.)

Wir fühlen uns durch Hitze und Strapazen einiger-
maisen erschöpft. Unser Finanzminister berechnet
die Überschüsse, die der Wegfall der feierlichen
Gildemahlzeit diesmal seiner Kasse verschafft hat.
Das Hotel »de la Poste« in Brüssel, wimmelte von
Amerikanern, deren Reiseziel die Pariser Weltaus-
stellung war, und bot keine Gelegenheit für ein Entre-
nous. Mit dieser Mahlzeit fielen auch die Heiltrünke
aus, die nach frommer Tradition nur im perlenden
Wein der Champagne dargebracht werden dürfen —
auf Kosten der Gilde. Der Finanzmann also, öffnet
sein Herz und seine Börse und stellt den ermüdeten
Gildepilgern eine Droschkensuite zur Verfügung. So
unternehmen wir, fröhlich und bequem plaziert, unsere
Endprozession durch Brüssels Strafsen und Monu-
mente. — Auch unsere fernere Beschreibung wird den
flotten Trab eines Brüsseler Zweigespanns annehmen;
der Leser wird schon geseufzt haben: Bekommt
diese Reise und diese „Berichterstattung" denn kein
Ende ? — Es lälst sich nicht leugnen, dafs auch die
neuere Zeit groisartige und interessante Stadtbilder
geschaffen hat. Für ihren Millionenverkehr hat sie
grolse Schlagadern eröffnet: Boulevards, Avenues. So
mancher unserer Freunde sais gestern Abend mit
vergnügtem Gesicht auf dem breiten Trottoir vor
einem der Cafepaläste und sah bei brillanter Be-
leuchtung die Menge zu Fuis, im Tram, im Omnibus,
Automobil und Equipage hin und her wallen. Aber
der Hauptreiz liegt doch eben in diesem geselligen
Gewühl, in dieser unterhaltenden Bewegung des
Menschenstromes, im Verein mit den riesigen Dimen-
sionen der Strafsen, Kaufläden, Bureaus, Waren- und
Menschenmagazine.

Reduktion auf kleineren, auf kleinsten Maisstab
können diese -modernen Errungenschaften" nicht ver-
tragen. Kleine stille Brüsselchen und Parischen rufen
das Heimweh wach nach den alten charaktervollen
Städten, die sie verdrängt haben, an deren Stelle sie
erstanden sind. „Eine uralte Bemerkung", wird man
sagen. Wer aber sich quält, immer etwas Niedage-
wesenes vorzubringen, überspannt sein liebes kleines
Gehirn und seiner harrt — die Nervenheilanstalt. Eine
angenehme Überraschung, nach den Boulevardge-
nüssen bereitet uns noch immer der Marktplatz
zu Brüssel. Inmitten eines ausgedehnten, in der
Hauptsache modernisierten und über seine alten Wälle
sich weit ausbreitenden Stadtkörpers ist dort das
historische, kunsthistorische Herz unangetastet ge-
blieben.

Das imposante Ratbaus, sein zierliches Gegenüber,
das Maison du roi, die alten Gildehäuser, so ver-
schieden in Anlage und Aufbau, sämtlich restauriert,
bemalt und vergoldet nach alten Motiven, auf Kosten
der ihre Vergangenheit in Ehren haltenden Stadt
Brüssel, bieten, was in unserer Zeit so selten zu
finden und zu geniefsen ist: ein harmonisches Ge-

samtbild. Das Rathaus wurde 1402 angelegt und
1448 vollendet. Baumeister waren Jacob van Thienen
und Jan von Ruijsbroeck. Der Turm bis über Firsthöhe
viereckig, geht über in ein reich behandeltes Octogon
mit durchbrochener Spitze; er ist 114 Meter hoch
und steht nicht in der Mitte der Fassadenbreite, die
ihrerseits rechts und links bedeutende Verschieden-
heiten in Fensterhöhe, Breite der Galeriebögen u. s. w.
aufweist; auch das Hauptportal weicht von der mitt-
leren Turmfassade ab.

„Mangelnde Symmetrie", sprach kopfschüttelnd
ein früheres Geschlecht, das noch bis an den Hals
im alten Schnürleib stak, und nachdem es notge-
drungen die Gotik ins Heiligtum der Kunst wieder
zugelassen, dennoch pflichtgemäfs jeglichen Turm mit
zwei Treppentürmchen flankierte, pour cause de Sym-
metrie. -Noch viel zu viel steife, widerwärtige Sym-
metrie", schreit die allerjüngste Generation, die sich
aufs Antipodentum gegen „alles jemals Dagewesene"
verlegt, sich aus Oppositionswut auf den Kopf stellt
und die arme Symmetrie austreibt und exorziert als
den bösesten Geist. Von einem Extrem ins andere,
auf und ab, wie in einer Schaukel, voltigiert das
Menschenvölklein, pläsierlich zu beobachten für Alle,
die nicht zu ernsthaften und tragischen Temperaments
sind, um sich zu amüsieren über die possierlichen
Einfälle der Reklame, der Mode, des „Genies" und
des Gröfsenwahns. Darinnen finden wir ein reiches
Ameublement, neues, glattes, gelbes Eichenholz in
Überfiufs und eine Menge Gobelins aus dem „neun-
zehnten Jahrhundert". Der Wille war gut, das Stre-
ben lobenswert, doch Manche behaupten, dafs das
Neunzehnte auf dem Gebiete der bildenden Kunst
nur eine Zeit der Versuche und weit überwiegend der
mifslungenen Versuche gewesen.

Aber das Menschenleben ist überhaupt, hinterher
betrachtet, nicht viel anderes, als eine Reihenfolge
von Irrtümern und Fehlern; und der einzige, aber
auch süfse Trost bleibt das Bewulstsein, dafs wenig-
stens „der Wille gut war". Auch Egmont und Hoorn
mufsten ihren Irrtum schwer büfsen, als sie Oraniens
Rat „Auf und davon!" in den Wind schlugen; dies
bezeugen die Salle du Conseil Communal, wo sie
1568 verurteilt wurden, la maison du roi ihr letztes
Nachtquartier und der Markt, wo ihr Schaffot er-
richtet war.

St. Gudula, Brüssels Kathedrale, deren Türme von
der Höhe auf den unteren Stadtteil mit stolzer Ma-
jestät niederblicken, nimmt dennoch in der Reihe der
Domkirchen nur einen zweiten Platz ein. Jedoch
hat sie bis zu ihrer Vollendung einen ebenso langen
Zeitraum in Anspruch genommen, als ihre gröfseren
und grofsartigeren Schwestern. Der Neubau wurde
1220 begonnen und der östliche Teil 1273 fertig-
gestellt. Der Chor mit seiner dunkelen Steinfarbe
und seinem schweren, um nicht zu sagen schwer-
fälligen Trifolium, macht einen entschieden düstern
Eindruck und steht an Sonntagen in starkem Gegen-
satz zur blumigen „Beau Monde", welche sich
am späten Vormittag einfindet, um ihrem Oberherrn
die schuldige Visite zu machen. Der zweiten Hälfte
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