Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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Abhandlungen.

Der Lettner von St. Maria im
Kapitol zu Köln.

(Mit 6 Abbildungen.)

Inter den Kunstwerken Kölns
aus der ersten Hälfte des
XVI. Jahrh. nehmen die
Arbeiten, die unter dem
Protektorate der Familie
|U Hackenay ausgeführt wur-
den, eine hervorragende
wenn nicht die erste Stelle ein.1) Mit aner-
kennenswertem Geschick wufste jene Familie
hervorragende Meister an sich zu ziehen, und
mit einer schrankenlosen Freigebigkeit war sie
stets bereit, künstlerische Bestrebungen zu för-
dern. Leider sind viele jener bedeutenden
Schöpfungen, die unter dem Schutze der Hacke-
nays, speziell der Brüder Georg und Nicasius
Hackenay, auf allen Gebieten der bildenden
Kunst entstanden, verschollen, andere mit der
Zeit bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden.

Vor allem ist zu beklagen, dafs von jener
grofsartigen baulichen Anlage am Neumarkt,2)
dem Palaste, welchen Nicasius Hackenay für
den Kaiser Max aufführen liefs, dem imposan-
testen Profanbau Kölns aus der ersten Hälfte
des XVI. Jahrh., so wenig erhalten ist. Nur
der schlanke Treppenturm hat standhaft dem
Sturme der Zeit getrotzt, aber bedauerlicher-
weise vieles von seiner ursprünglichen Schön-
heit eingebüfst. Um so freudiger ist daher zu
begrüfsen, dafs sich von der inneren Einrich-
tung des Palastes ein hervorragendes, die Ge-
schmacksrichtung der Hackenays charakterisie-
rendes Kunstwerk fast unversehrt erhalten hat,8)
nämlich das oftgenannte Gemälde „Des Todes
Maria". Dasselbe zierte früher den Altar der

') Über die Familie Hackenay handelt Merlo
»Die Familie Hackeney und deren Kunstliebe«, Köln
1863.

*) Ennen, »Geichichte der Stadt Köln«, Bd. 3,
S. 1013 ff.

•) Merlo — Firmenich.Richarti — Herrn.
Keussen »Kölnische Künitler« S. 1114. — Alden-
hoven »Verzeichnis der GemSlde des städtischen
Museums zu Köln« Nr. 442. — Ders. »Geschichte
der Kölner Malerschule«, (Lübeck 1902) S. 310.

Palastkapelle. Heute befindet es sich im Wall-
raf-Richartz-Museum in Köln.

Es ist auffallend, dafs die Hackenays bei
ihren zahlreichen Aufträgen augenfällig die
Kölner Meister übergingen. In ihren Diensten
begegnen uns fast ausschliefslich Fremde, vor
allem niederländische Künstler. Auch jener
Meister vom „Tode Mariens" stammte aus den
Niederlanden. Die neuesten Untersuchungen
Aldenhovens identifizieren ihn mit dem Ant-
werpener Meister „Joos van Cleef". Die regen
amtlichen und geschäftlichen Beziehungen des
Georg und Nicasius Hackenay mit den Nieder-
landen4) mögen wohl zu jener Zurücksetzung
der Kölner Künstler viel beigetragen haben;
aber abgesehen hiervon läfst sich jenes Hin-
neigen der Hackenays nach den Niederlanden
auch leicht aus den Zeitverhältnissen erklären.
Schon mit dem ausgehenden XV. Jahrh.
hatten am Niederrhein die einheimischen Künst-
ler vor ihren mächtigen Konkurrenten im Nor-
den die Waffen strecken müssen. Oft wandern
Architekten und Maler aus dem Norden an den
Niederrhein.

Aufserdem werden in bedeutender Anzahl
niederländische Kunstwerke nach dem Rhein-
lande eingeführt. Freilich ist der Wert jener
Importarbeiten, namentlich der plastischen, ein
sehr verschiedener. Neben jenen fabrikmäfsig
in Brüssel und in Antwerpen hergestellten
Schnitzaltären, die uns so zahlreich in den
Kirchen am Niederrhein begegnen und denen
zumeist keine hohe künstlerische Bedeutung bei-
gemessen werden darf, stofsen wir auch nicht
selten auf Arbeiten, die den Werkstätten hervor-
ragender Meister entstammen.

Ein derartig künstlerisch hochstehendes
Werk, das zu den bedeutendsten Leistungen
der niederländischen Plastik des XVI. Jahrh.
zählt, stiftete die Familie Hackenay der Kirche
St. Maria im Kapitol: den vielbewunderten,
in eine Orgelbühne umgewandelten Lettner.
Die zahlreichen Wappen6) an demselben

*) Über die Stellung des Nicasius Hackenay zum
Kaiser und über seine Beziehungen zu den Nieder.
landen. Ennen 3, 1012.

6) Nach Merlo »Die Familie Hackeney zu Köln«
S. 77, sind es die Wappen folgender Familien: 1.
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