Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 11.

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Bücherschau.

Der Dom zu Aachen und seine Entstellung.
Ein kunstwissenschaftlicher Protest von Jos. Strzy-
gowski. Mit 2 Lichtdrucktafeln und 44 Texlab-
bildungen. Hinrich'sche Buchhandlung, Leipzig
1904. (Preis 1 Mk.)
Diese mit flammender Begeisterung verfafste ..Flug-
schrift" ist dem Andenken Alexanders von Swenigo-
rodsko'i gewidmet, des den Lesern unserer Zeitschrift
(vergl. Heft VII, 127; X, 249 ff.) bekannten Mäce-
naten. Der Aachener Karlsverein hatte ihn, den im
letzten Jahrzehnt seines Lebens in Aachen wohnhaften
Stifter des glänzenden Kondakow'schen Werkes, der
Sachverständigen-Kommission für die Restauration des
Münsters beigesellt, an deren Sitzungen er aber nie-
mals teilnahm, auf die Abgabe von zwei schriftlichen
Voten sich beschränkend, die, zum Teil unverständ-
lich gehalten, auf die Beratungen ohne Einflufs ge-
blieben sind. — An dem nötigen Ernst, an dem Be-
streben, die stilistisch korrektesten Vorschläge zu
machen unter Verzicht auf allen Prachtaufwand, fehlte
es dieser Kommission wahrlich nicht, die von den
verschiedensten Seiten gedrängt, ihren Verzicht auf
die musivische Bemalung zugunsten der gestrichenen
nicht durchzusetzen vermochte, durch ihre energische
Betonung der von Anfang an geforderten Deesis den
Bilderkreis rettete und der auf den sorgfältigsten
Studien beruhenden künstlerischen Durchführung zu
ihrem Rechte verhalf. Als diese gewährleistet war,
holte ihre Tätigkeit auf, so dafs sie weder für die
Marmorbekleidung, noch für den Dekor der Umgänge
irgendwie verantwortlich ist. — Insoweit die vor-
liegende Klage- und Anklageschrift von anderen Voraus-
setzungen ausgeht, beruht sie auf Informationen, die
von allen anderen Beteiligten zuverlässiger hätten ge-
boten werden können, wie von den beiden Genannten,
die mit ihren starren Grundsätzen wohl eine Alter-
tümer-Sammlung konservieren, aber kein altes Bau-
denkmal lebensfähig erhalten konnten, wenigstens
kein im Gebrauche befindliches und in seiner inne-
ren Verwahrlosung Ärgernis erregendes. — Hätte
der Verfasser die hier nur angedeuteten Umstände,
besonders die unbedingte Notwendigkeit, den ver-
wüsteten Tambour des Oktogons mit seiner Kuppel
harmonisch zu stimmen, näher erwogen, so würde
er seine Eilfertigkeit, die freilich seiner Betriebsam-
keit und Gewandtheit das höchste Zeugnis aus-
stellt, wohl etwas gezügelt, vielleicht auch seine
Bezüchtigungen gemäfsigt haben, die übrigens, wie
die ganze Schrift, ein liebenswürdiges Gemisch von
starken Behauptungen und leisen Abschwächungen,
von Vorwürfen und Entschuldigungen sind. Sie mögen
deswegen auch so ernst nicht genommen sein, obwohl
sie als Alarmrufe sich gebärden und offenbar auch
als solche aufgenommen werden. — Wer zur höchsten
Vorsicht beim Restaurieren mahnt, behält immer Recht,
wie so oft der Pessimist, und im vorliegenden Falle
hat die Mahnung um so mehr Fundament, als sie von
ernsten Zweifeln ausgeht an der Richtigkeit der bislang
unangefochten gebliebenen Annahme über den Ursprung
nicht nur des Aachener Münsters, sondern aller franko-
gallischen Baudenkmäler. Diese Zweifel des Ver-

fassers sind schon mehrere Jahre alt, haben in ver-
schiedenen Büchern und Artikeln (vergl. diese Zeitschr.
XV, 380) lebhaften Ausdruck gefunden, vielfachen
Beifall geerntet, auch Widerspruch erregt, und seine
neueste Publikation: „Kleinasien, ein Neuland der
Kunstgeschichte- (die hier demnächst besprochen wer-
den soll), trägt den Appell weit hinaus in die Welt
mit der Aussicht auf umfängliche Zustimmung. Ihm
liegt das auf langen und mühsamen Reisen im Orient
den altchristlichen Denkmälern in scharfen kritischen
Beobachtungen entnommene Axiom zu Grunde, dem
Abendlande seien die Anregungen und Vorbilder für
sein erstes christliches Kunstschaffen nicht von Italien
(Rom), wie bisher fast allgemein angenommen wurde,
sondern vom Morgenlande (Syrien, Armenien, Ägypten)
direkt geboten worden. Inwieweit diese Einflüsse auf
den „Kunstkreis des Aachener Domes" ein-
gewirkt haben, sucht der Verfasser im 1. Teil an der
Hand von 37 lehrreichen Abbildungen nachzuweisen,
und erklärt 1) den sogen. „Wolf" für ein hellenisti-
sches Bronzewerk, 2) die Elfenbeinreliefs der Evan-
gelienkanzel für koptisch-hellenistische Bildwerke,
3) die .Artischocke" für ein Werk christlich-orienta-
lischer Überlieferung, 1) den Dom selber für eine Art
von -Martyrion", gemäfs dem hellenistisch-orientali-
schen Bautypus, endlich 5) sogar Trier für einen Vor-
posten christlich-orientalischer Kunst. — Was der
Verfasser in diesen 5 Abschnitten behauptet, ist zu-
meist durch gute Gründe gestützt, teilweise überzeugend,
wie die Bestimmung der Elfenbeinreliefs, und auch
die Vergleichungen, zu denen die orientalischen Zentral-
bauten anregen, sind bestechend, aber mehr für den
Grundrifs, als für den Aufrifs, mit bezug auf den die
charakteristische Bogenaufteilung des Aachener Okto-
gons Ravenna das nächste Vorbild ist und bleibt. — Daher
können diese Studien nicht als abschliefsend bezeichnet
werden, noch weniger die Folgerungen, die aus ihnen
gezogen werden hinsichtlich der „Restauration"
des Aachener Domes, die den II. (kürzern) Teil
bildet. — Dieser ist nicht frei von übereilten, ein-
seitigen, harten Urteilen, wie schon in der „Ein-
leitung" : „Was man am Rhein unter Restauration
versteht", der Hinweis auf den Speierer Dom, der
vor 60 Jahren restauriert wurde, fast komisch wirkt.
— Was hier in bezug auf „die Architektur", nament-
lich die Säulen, Fassade und Atrium unter Heran-
ziehung der -orientalischen Parallelen" vorgetragen
wird, ist sehr lehrreich, zum Teil überraschend und
neu, wichtig auch, was über ..die Ausstattung des
Inneren" gesagt wird, über „die Kuppelmosaik", die
alte, 1719 gänzlich zerstörte, wie die neue, 1879 aus-
geführte, über „die Mosaiken des Tambours", für
welclie die Vorarbeiten bis 1888 zurückreichen, die
Arbeiten 1898 begonnen haben. — Dafs diese Auf-
gaben mit Ernst und Gründlichkeit behandelt wurden,
beweist schon die Reihe hervorragender Archäologen,
die hier Patenschaft geleistet haben; und dafs die
Arbeiten zuletzt dem Professor Schaper übertragen
wurden, war nur die Anerkennung, die er für seine
Studien, Versuche, Pläne in strengem Wettbewerb und
unter scharfer Kritik verdient hatte. Sein Verdienst


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