Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 2.

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Zwei Tragaltärchen im Münster zu Freiburg.

(Mit 4 Abbildungen.)

Jlie Abbildungen geben zwei Portatilien
wieder, welche sich im Schatz des
Freiburger Münsters befinden. Die-
selben sind bisher so wenig be-
kannt geworden, dafs nicht einmal Fr. X. Kraus
in seiner Geschichte der christl. Kunst dersel-
ben Erwähnung tut. Die Abbildungen sind
Wiedergaben von Photographien, welche Schrei-
ber dieser Zeilen im Herbst vorigen Jahres
mit gütiger Erlaubnis des Herrn Dompfarrers
Geistlichen Rates Schober gelegentlich einer
Durchreise durch Freiburg anfertigte, nachdem
er bereits vor mehreren Jahren bei einem Be-
suche der Schatzkammer auf die Tragaltärchen
aufmerksam geworden war. Es dürften die
Photographien die ersten Aufnahmen sein, wel-
che von ihnen gemacht wurden.

Von den beiden Portatilien hat das unter
Abb. 1 und 3 wiedergegebene eine Länge von
23 cm und eine Breite von 20 cm. Seine Höhe
beträgt 2 cm. Der eigentliche Altarstein, ein
Achat, ist 16,5 cm lang, 12 cm breit und 1,7 cm
hoch. Er ruht in einem Holzrahmen, der oben,
unten und an den Seiten mit vergoldeten und
getriebenen Silberblechen überzogen ist. Die
Bekleidung besteht sowohl an der Unter- wie
an der Oberseite aus je vier Streifen, zwei
gröfseren an den Schmalseiten und zwei klei-
neren an den Langseiten. Die Eckverzierungen
bilden nicht, wie es beim oberflächlichen Zu-
sehen scheinen könnte, getrennt aufgesetzte
Stücke, sondern finden sich auf den von Rand
zu Rand reichenden Streifen der Schmalseiten.
Das Ornament, mit dem die Montierung ver-
sehen ist, beschränkt sich auf rein ornamentale
Motive. Denn auch die Büste des Königs in-
mitten zweier Greife, welche in den Ecken
der Oberseite angebracht ist, hat hier offenbar
nur ornamentalen Charakter. Bemerkenswert
sind auf der Unterseite die prächtigen, edel
gezeichneten Greife der Eckmedaillons und das
eigenartige romanische Rankenwerk der zwi-
schen letztere eingefügten Friese. Auf der
Oberseite überrascht das gefällige Arrangement
der mannigfaltigen vegetabilischen und ani-
malen Motive, die saubere und harmonische
Durchbildung dieser Motive und namentlich
die schon erwähnte Darstellung in den Ecken
des Rahmens. Ob man nicht die Vermutung

wagen darf, es handle sich bei derselben um
eine Variante von „Alexanders Aufstieg". Die
Darstellung kommt in mehrfachen Umbildun-
gen vor, bei denen die ihr zu Grunde liegende
Sage bald freier, bald getreuer wiedergegeben
ist. Es liegt daher nahe, auch das unzweifel-
haft auffällige Eckrelief des Portatile auf
,,Alexanders Auffahrt" zu deuten. Wenn man
dem entgegen auf die Bestimmung des Trag-
altares hinweisen sollte, so wäre zu erwidern,
dafs, wenn Löwen und Greife auf demselben
Platz finden konnten, auch eine „Auffahrt
Alexanders" auf ihm nicht befremden kann,
zumal die Darstellung hier nur ornamentale
Bedeutung hat und alle minder passenden Bei-
gaben weggelassen sind. Und wenn man
„Alexanders Aufstieg" auf liturgischen Para-
menten und an Kapitalen im Innern von
Kirchen wie z. B. gerade im Freiburger Münster
anbringen konnte, warum denn nicht auch zu-
letzt auf einem Tragaltar?

Die Bekleidung der Seiten weist als Ver-
zierung dasselbe Rankenwerk auf, welches auf
der Unterseite des Portatile den Fries der Um-
rahmung bildet. Wo die Reliquien angebracht
sind, war nicht zu ermitteln, da eine diesbe-
zügliche nähere Untersuchung nicht anging.

Das zweite Portatile (Abb. 2 und 4) hat
eine Länge von 22,5 cm, eine Breite von 17 cm
und eine Höhe von 2 cm. Es ist also bei
gleicher Höhe um 0,5 cm kürzer und nament-
lich um 3 cm schmäler wie Tragaltar Nr. 1.
Der Altarstein besteht aus einem weifsen mit
leichten graulichen Flecken versehenen Marmor
und ist in eine Platte harten gelben Holzes,
anscheinend Buchsbaum, eingelassen, so dafs
hier auf der Unterseite des Portatile nicht der
Stein, sondern eben diese Holztafel zum Vor-
schein kommt. Die Reliquien werden sich auf
der dem Holzboden zugewandten Seite der
Marmorplatte befinden. Die Montierung des
Tragaltärchens ist aus unvergoldetem Silber-
blech hergestellt und, wie beim ersten Portatile,
mit Silberstiftchen dem Holz aufgeheftet. Die
Umrahmung der Oberseite weist das bekannte
Flechtwerk auf und wird nach dem Stein
zu durch eine schmale Schnur abgegrenzt.
Ihre Breite beläuft sich auf noch nicht ganz
2 cm.
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