Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

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Die kunsthistorische Ausstellung in Düsseldorf.

XII. (Mit Abbildung.)

27. Tragaltar im Domschatz zu Münster
(Katalog-Nr. 532).
uf. vier später, und wohl ersatzweise
angebrachten rohen Holzklauen steht
der aus Eichen gezimmerte Kasten,
37 cm lang, 20,5 cm breit, 18 cm hoch,
auf dessen rot gestrichener Unterseite ein Perga-
mentblatt genagelt ist mit dem erst dem XVIII.
Jahrh. entstammenden Verzeichnis der darin
geborgenen Reliquien. Ein kräftiges gotisches
Profil, mit Silber überschlagen, schliefst unten
und oben den Kasten ab. Die Rückseite und

dürfte noch in das XII. Jahrh. zurückreichen.
Ein breiter roter Schmelzperlenkranz mit Lot-
perlen-Rosetten umgibt es, und die Zwickel des
blauen Perlengrundes sind durch die gestanzten
Medaillons der Evangelistensymbole belebt, die
wiederum dem Ende des XIII. Jahrh. ange-
hörend, die Ursprungszeit der Kastenverzierung
verraten. Zwei ganz aus Perlen und Silber-
knöpfen mosaikartig zusammengesetzte Medail-
lons der Gottesmutter und des hl. Johannes Ev.
auf blauem Fond mit roter Umrahmung bilden
die Flankierung. Aus roten, kobaltblauen, tür-

die beiden Schmalseiten sind mit blauer unge-
musterter Seide, wohl des XIII. Jahrh., über-
zogen, jene nur noch mit Resten. An den
Schmalseiten ist sie ganz erhalten und mit zwei
aus roten und blauen Schmelzperlen nebst orien-
talischen Perlchen gebildeten Pergamenttafeln
bedeckt: Kreis- und Schuppenornament mit
Bäumchen, die mit gestanzten vergoldeten
Silberpailletten frühgotiscben Charakters, gegen
1300, durchsetzt sind und zwischen ihnen zwei
gröfsere ornamentale Silbermedaillons. — Die
Vorderseite ist mit einem Pergamentstreifen
bedeckt, der ganz mit getriebenen vergoldeten
Silberreliefs und mit Perlenstickereien ge-
schmückt ist. Das ovale Relief in der Mitte
stellt die Majestas Domini dar mit segnender
Rechten und Buch in der Linken; dasselbe

kisblauen, grünen und weifslichen Schmelzperlen
sind die Büsten, aus Lotperlen die Fleischteile
in Fadenreihung mit Überfangstich festgelegt
ebenso Metallkrönchen bezw. Nimbus und die,
zahlreich eingestreuten Silberbuckeln befestigt.
— Die Wirkung dieser in den Nonnenklöstern
Norddeutschlands von der Mitte des XIII. bis
gegen die Mitte des XIV. Jahrh. gepflegten etwas
rohen, aber sehr dekorativen Technik erinnert
an das Email, für den es ohne Zweifel eine
Art von Ersatz hat sein sollen, zumal nach
dessen Verschwinden, und im Dienste weiblicher
Hände. — Die Deckplatte ist um den später
erneuerten Stein herum ebenfalls mit aufgenie-
teten Stanzmedaillons garniert. — In dieser
Ausstattungsart dürfte das Portatile als ein Uni-
cum zu bezeichnen sein. Schnutgen.
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