Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

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Bücherschau.

Geschichte der Stein- und Holzplastik in
Oberbayern vom XII. bis zurMitte desXV.
Jahrh. Von Berthold Riehl. Mit 5 Tafeln.
München 1902. Verlag der legi. Akademie.

Erst in der jüngsten Zeit hat der so fruchtbaren
Plastik Deutschlands im Mittelalter die Forschung in
stärkerem Mafse sich zugewandt, und dafs sie mehr
in lokaler Beschränkung sich betätigt und die Ein-
flüsse festzustellen sucht, ist ihr Vorzug. Ein nicht
allzu grofses und nicht gerade sehr hervorragendes,
aber dankbares, weil charakteristisches Gebiet hat der
Verfasser, dem die Kunstgeschichte, namentlich die
heimische, schon so manche erfolgreichen Untersuchun-
gen verdankt, ausgewählt und in den „Abhandlungen
der kgl. bayer. Akademie der Wissenschaft" III. Cl.,
XXIII. Bd., I. Abt. seine bezüglichen Studien nieder-
gelegt, die auf der genauesten Kenntnis des
gesamten Materials, auch des in den Dorfkirchen
noch vorhandenen, beruhen. Mit der Steinplastik
der romanischen Periode beginnt die auf den
ganzen Bezirk sich erstreckende Untersuchung und
zeigt deren Streben nach Individualisierung ohne Ab-
hängigkeit von Byzanz und dem Wesen nach auch
von Frankreich, hauptsächlich in die Freisinger und
die oberbayerische Donaugruppe sich scheidend. Die
romanische Holzplastik wird vornehmlich an
Kruzifixen geprüft, in der Überleitung zu der Grab-
plastik des XIV. Jahrh., die wegen ihres Realis-
mus und wegen ihrer Datierung von besonderer Wich-
tigkeit ist. Die Steinplastik des XIV. Jahrh.
im Dienste der Architektur hat sich vielfach
an Schlufssteinen betätigt, die des Altar es an Ma-
donnen, und München fängt an, der Mittelpunkt des
Betriebes zu werden, auch für die Holzplasti k des
XIV. Jahrh. Von besonderer Wichtigkeit ist wiederum
die Grabplastik in der I. Hälfte des XV.
Jahrh. mit ihrer Reliefbildung, und hinter ihr bleibt
die sehr produktive s tat uarisch e Plastik dieser
Zeit etwas zurück, bahnt aber den Weg zur Blüte
derselben um die Wende des Jahrhunderts, namentlich
in München. — Ungemein instruktiv ist diese den
Denkmälern selbst entnommene organische, durch
manche, zumeist noch nicht veröffentlichte Abbildungen
erläuterte Entwicklungsgeschichte, die auch für andere
Gebiete als typisch sich ergeben dürfte. Schnfitgen.

Die gotische Steinplastik in Augsburg,
welche Dr. W alter J osephi aus Rostock unter der
Führung von Professor B. Riehl, zum Zweck der Pro-
motion in München 1902 (Verlag der König!. Hof-
und Universitätsdruckerei) behandelt hat, bisher wenig
beachtet, stellt sich nicht nur als bedeutend, sondern
auch als eigenartig heraus, von fremden Einflüssen
kaum berührt und in sich selbst folgerichtig ausge-
reift. Mit der Vollendung der Gotisierung des Domes
um die Mitte des XIV. Jahrh. beginnt die erste Blüte-
zeit, die am Nord- und Südporlal des Domes in ver-
schiedener Weise sich zeigt, sodann auch an manchen

Figuren und Epitaphien des Kreuzganges, die einzeln
geprüft werden. Der Fortschritt tritt namentlich an
den Porträtfiguren der ersten Hälfte des XV. Jahrh.
deutlich in die Erscheinung, noch mehr während der
folgenden Jahrzehnte, in denen der Naturalismus vor-
herrscht mit seiner Vorliebe für das Relief und für die
drastische Gewandbehandlung. Diese konsequente
Entwicklung an einer langen Reihe von Denkmälern
nachzuweisen und mit manchen Künstlernamen in Ver-
bindung zu bringen, gelingt in vortrefflicher Weise
dem jungen Forscher, der sich als ein sehr gelehriger
Schüler seines Altmeisters bewährt. Schnütgen.

Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens. Heft
XXVIII. Herzogtum Sachsen-Co bu rg und
Gotha. Landratsamt Coburg. Amtsgerichtsbezirke
Neustadt, Rodach, Sonnefeld und Königsberg. Mit
5 Lichtdrucken und 45 Abbildungen im Texte. —
Heft XXIX und XXX Herzogtum Sachsen-
Mein in gen. Amtsgerichtsbezirk Hildburghausen.
Mit 2 Lichtdrucken und 12 Abbildungen im Texte.
Amtsgerichtsbezirke Eisfeld und Themar. Mit 2
Lichtdrucken und 27 Abbildungen im Texte. Von
Professor Dr. P. Lehfeldt und Professor Dr. G.
Vofs. Jena 1902 und 1903. Fischer.

Nach dem bereits im letzten Referat (Bd. XIII,
Sp. 317 dieser Zeitschr.) erwähnten Tode des Ver-
fassers ist die Fortsetzung seines musterhaften Werkes
dem neuen „Konservator der Kunstdenkmäler Thü-
ringens", Dr. Vofs, übertragen worden, der die drei
neuen Hefte noch als Nachlassenschaft seines Vor-
gängers bearbeitete und einführt. — Diese drei Hefte
zeichnen sich gerade nicht durch ganz hervorragende
Denkmäler aus, aber doch durch verschiedene inter-
essante Einzelheiten aus der frühgotischen bis in die
Barockperiode. Als solche sind besonders hervorzu-
heben: Der spätgotische Erker nebst Mafswerktür am
Abthause in Mönchröden, die Barock-Emporen in der
Kirche zu Oesslau, und im dortigen Rittergut die
Herrgottsmühle mit Barock-Schnitzereien, zwei Mefs-
kelche in der Kirche zu Grofs-Walbur, von denen
der eine mit ungarischem Filigran-Email um 1500 recht
merkwürdig ist, der andere mit Gravuren aus der
Mitte des XVI. Jahrh. Die hochgotische Kirche in
Sonnefeld hat drei eigenartige Grabsteine aus der-
selben Zeit, die spätgotische Stadtkirche in Königs-
berg ungewöhnlich reiche Ornamentierung. — Als
Profanbauten zeichnen sich aus das Rathaus in Hild-
burghausen (Anfang des XVI. Jahrh.), das Schlofs in
Weitersroda (etwas früher), auch das Schulhaus mit
der sonderbaren Hirtenfigur, und der Fachwerkbau der
Superintendentur in Eisfeld um 1600. Hinsichtlich
der liebevollen, verständigen, übersichtlichen Bearbei-
tung stehen diese Hefte hinter ihren Vorgängern nicht
zurück, so dafs sich auch für die Fortsetzung und
Vollendung des tüchtigen Werkes die besten Aus-
sichten bieten. Schnütgen.
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