Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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Abhandlungen.

Die metallenen Grabplatten des
\ Erfurter Domes.

(Mit 7 Abbildungen.)

ine genügende kunstgeschicht-
liche Würdigung haben diese
Grabplatten bisher nicht erfah-
ren, sei es, dafs man sie für
nicht wertvoll genug hielt, sei
es, dafs sie noch zum Teil
unter dem Dielenbelag verbor-
gen lagen. Nunmehr, da die
Denkmäler im Dom und dessen
Kreuzgang aufgestellt sind, können sie ein-
gehendere Beachtung in Anspruch nehmen, als
ihnen bei Lübke (»Geschichte der Plastik« II,
S. 768) und in Creeny's »Monumental Brasses«
bisher zu Teil geworden ist.

Das älteste der Denkmale, leider nur frag-
mentarisch erhalten, ist die Grabplatte eines
jungen Geistlichen. (Abb. 1.)

Aus drei Stücken zusammengesetzt, einge-
lassen in die Südwand des Chorhalses, mifst
das heute Erhaltene 0,67 x 1,50 m. Es fehlen
oben und unten je eine Platte, sowie der das
Ganze einst umschliefsende Randstreifen. Immer-
hin ist das Fragment der Beachtung wert, ge-
hört es doch zu den in Linearzeichnung gra-
vierten Messingplatten, deren Herkunft noch
nicht mit Sicherheit feststeht, als deren Aus-
gangspunkt wohl die flandrischen Niederlande
zu gelten haben, wobei nicht ausgeschlossen
scheint, dafs sich die Technik nach Lübeck
verpflanzt hat (Repert. XIII, S. 404). Dafs die
Platte nicht in Erfurt entstanden ist, beweist,
abgesehen von ihrer vereinzelten Stellung, die
aufserordentlich sichere Technik, aus der sich
auf eine sicher arbeitende, gut geschulte Werk-
statt schliefsen läfst.

Das von Creeny nicht erwähnte Fragment
stellt einen unter einem gotischen, perspekti-
visch gezeichneten Baldachin stehenden Priester
dar in der für Grabmonumente des Mittelalters
typischen Haltung der Geistlichen. Das Ge-
sicht wirkt trotz der skizzenhaften Anlage por-
trätmäfsig; es ist hager, spitzig und fleisch-
los, die lange schmale Nase zeigt energische

Linien, das Kinn ist eckig und herb, die Ohren
stehen stark ab. Auf der Oberlippe sprossen
ein paar vereinzelte Haare, der tonsurierte Kopf
hat nur einen Kranz von flott bewegten Locken.
Aus dem Mangel an Falten und Runzeln mag
man annehmen, ein jugendlicher Priester sei
dargestellt.

Der Kopf ist nur leicht aus der Mittelachse
heraus nach rechts gewendet, doch wirkt er
wie von vorn gesehen. Gleiches gilt von dem
Oberkörper, wie auch aus der Haltung der sehr
lang und schmal gebildeten Hände hervorgeht.
Die Fingerhaltung ist äufserst vornehm und
graziös. Die rechte Hüfte ist stark ausgebogen,
der Stoff der Casula schmiegt sich dort den
Linien an. Der linke Kontur hingegen _ das
linke Bein dient als Spielbein — ist belebter
und unruhiger. Ein Ausgleich wird auf der
untersten, heute verlorenen Platte stattgefunden
haben, durch den nach der Spielbein-Seite ver-
stärkten Linienflufs unterhalb der Kniee. Die
klare Betonung der Mittelachse: Gesicht, Kelch
und Hände, gestattete eine derartig verschiedene
Gestaltung des Konturs, ohne befürchten zu
müssen, den ruhigen, architektonischen Aufbau
und Gesamteindruck zu schädigen.

Noch herb und ohne jede spätgotische
Willkür ist der dreigeteilte, vorkragende Bal-
dachin mit zierlichen Wimpergen. Eine reiche
Bekrönung, deren Ansätze am Oberrand der
Platte zu erkennen sind, hat einst das Denk-
mal nach oben abgeschlossen und den monu-
mentalen Eindruck, den man heute kaum rekon-
struieren kann, gehoben. Für diesen ist von
grofser Wichtigkeit die Beschränkung des
Hintergrundschmucks auf einfache stilisierte
Lilien. Die Platte zeichnet sich hierin wohl-
tuend von zahlreichen anderen, kraus und un-
ruhig durch ihre Überfülle wirkenden Metall-
gravierungen aus. Aus der Verwendung des
Lilienmotivs auf fürstlichen Ursprung des Dar-
gestellten schliefsen zu wollen, wie es Tettau
(»Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sach-
sen«, Heft 13. Erfurt) tut, scheint verfehlt; die
Lilien sind rein ornamental verwendet.

Die Entstehung des Denkmals darf um rund
1350 angesetzt werden, wofür die starke Aus-
biegung und die noch schlichte und streng ge-
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